Allein und nie einsam

In 303 Tagen fuhr Maria-Theresia Zwyssig 10 333 Kilometer von Spiez nach Nepal – mit dem Velo. Eine Reise zurück zur Essenz.

Am Schnapsdatum 3.3.2013 startete Maria-Theresia Zwyssig ihre, nüchtern betrachtet, waghalsige Reise. Als sie ihren vollbepackten «Drahtesel» durchs Dorf schob, fragte eine Greisin, die vor dem Haus auf einem Bänkchen verweilte: «Wohin willst du denn mit all dem Krimskrams?» «Nach China!», antwortete Maria-Theresia – dass das kein Witz war, wusste in diesem Moment nur sie. Manche trauten der Medizinischen Praxisassistentin diese Reise gar nicht zu, vermuteten, sie würde zerknittert den Rückweg antreten, sobald sie in Venedig «Gelati» genascht habe.

 

Mittendrin: Ihre abenteuerliche Reise führte auch durch Grossstädte, wo keiner Rücksicht auf Velofahrende nimmt.

 

Doch ihr Wille, die tibetische Familie, bei der sie 2008 für drei Monate gelebt hatte, wiederzusehen, war unbändig. Damals beim Abschied von der Familie versprach Maria-Theresia, sie würden sich irgendwann wiedersehen. Das geschah früher, und vor allem auf ungewöhnlichere Weise, als gedacht. Die Weltreise alleine anzutreten, kostete die 29-Jährige keinen Mut, wie sie selbst sagt: «Mein Entschluss stand fest, ich kündigte Job und Wohnung – ich musste Nägel mit Köpfen machen». Mit dem ersten Pedaltritt begann ihre Reise durch 19 Länder, bei der sie unter anderem Albanien, Iran, Usbekistan und Vietnam durchquerte. Gegenden, in denen ein Schaf mehr Wert ist als eine Frau.

 

Unbeschreibliche Begegnungen: Fremde Menschen, wie hier im Iran, begrüssten Maria- Theresia so herzlich, als wäre sie eine alte Bekannte. Viele schenkten ihr Essen oder Getränke, andere eine «handschriftliche» Wegerklärung.

 

Pro Tag radelte sie zwischen 50 und 130 Kilometer, was ihr minutiös geführter Reiseblog dokumentiert. Maria-Theresia mochte das Fahrradfahren schon immer, fuhr aber höchstens Mal um den Thunersee. «Ausgehend von 200% machen 100% das Material, 80% der Kopf und nur 20% der Körper aus», erklärt sie ihre Leistung. Im Kopf, dort waren die schwierigsten Hürden, die es zu überwinden galt.

«Manchmal merkt man erst im Nachhinein, wie mutig etwas war.»


Kostbar statt selbstverständlich

Vor dem Start schrieb sie einen Brief an sich selbst. Dort stand in ihren Worten, was sie zu dieser Reise motiviert. Sollte sie unterwegs ans Aufgeben denken, wollte sie den Brief öffnen und lesen. Das Kuvert ist bis heute fest verschlossen. Dies obwohl es viele Momente des Zweifelns und des Haderns gab. Zum Beispiel in dunklen Nächten, als sie mutterseelenallein irgendwo in der Pampa zeltete. Das fühlte sich ganz anders an, als in ihrer «Übungsnacht» im Berner Oberland, mit Vogelgezwitscher und Kuhglockengebimmel. Doch das Wissen um die geliebten Menschen zuhause, die fest an sie dachten, und die unzähligen herzlichen Gesten, mit denen eigentlich fremde Menschen sie willkommen hiessen, gaben ihr Kraft.

Tadschikistan, kein Mensch weit und breit: «Vielleicht habe ich mich auch

getraut, weil ich gar nicht wusste, was kommt».

 

Wie auch die beeindruckenden Naturwunder, die ihre eigene Leistung relativierten. Ein solches Abenteuer setze ein gewisses Urvertrauen voraus, davon ist Maria-Theresia überzeugt. «Ich habe gelernt, mich auf eine Situation einzulassen und darauf zu vertrauen, dass im richtigen Augenblick das Richtige passiert.» Die Verständigung war häufig nur mit Händen und Füssen möglich. Der Wert von Gesprächen wurde ihr bewusst, als sie sich drei Wochen lang mit keiner Menschenseele unterhalten konnte. Zwiegespräche mit ihrer Fotokamera, ihrer treuen Reisebegleiterin, stillten ihr Mitteilungsbedürfnis. «Dinge, die sonst selbstverständlich sind, werden in der Einöde kostbar», so Maria-Theresias Erkenntnis. Irgendwo in der glühenden Hitze Usbekistans reichte eine eisgekühlte Cola vollkommen zum Glücklichsein.

 

 

 

Als sie nach schrecklich-schönen letzten Kilometern am 30.12.2013 bei ihrer Gastfamilie vom Rad stieg, wurde sie mit den Worten «schön bist du wieder da, lass uns Tee trinken», begrüsst. In deren Kultur zähle mehr der Moment, als die Strecke, die hinter ihr lag. Die vielen kleinen und endgültigen Abschiede fielen ihr am schwersten. Daher rührt ihr Lebensmotto «Schau nie zurück». Blättert sie heute durch ihre rund 10 000 Fotos, findet sie es doch ein bisschen mutig, was sie gemacht hat. «Obwohl – Zivilcourage im Alltag zeigen, ist mutiger als eine solche Reise.»

 

 

Erinnerungen: Was Maria-Theresia erlebt hat, wie zum Beispiel mit dem Jungen in Kambodscha, den die Schildkröte an ihrem Velo zum Lachen brachte, erzählt sie heute in Vorträgen in der ganzen Schweiz.