Kompass Bauchgefühl

10 Jahre lang wurde Remo Neuhaus als «Gastro-König» gefeiert. Dann gab er das Zepter ab und wagte den Neuanfang hinter der Linse.

Von bissigen Zeitungsschlagzeilen wie «Geht das Schiff bald unter?» liess sich der damals 29-jährige Remo Neuhaus nicht beirren: Im Jahr 2000 übernahm er die Geschicke der bekannten Berner Restaurants «Lorenzini» und «Du Théâtre», die zu diesem Zeitpunkt auf wackligen Beinen standen. Dabei lag zeitgleich ein «Nummer sicher»-Jobangebot griffbereit auf dem Serviertablett. Aber das Wagnis reizte ihn mehr, er vertraute auf sein Bauchgefühl und dachte sich, «wenn es schief geht, geht es eben schief. Dann kennen mich alle, weil ich die Karre an die Wand gefahren habe». Bald kannten ihn alle, aber der Grund war ein anderer: Er war so erfolgreich, dass die Lokale binnen Kurzem zu den besten Adressen der Schweiz zählten. Remo wagte es, das traditionsreiche Restaurant «Düdü» in einen Party-Hotspot zu verwandeln, inspiriert von In-Clubs von Berlin bis London. Zahlreiche prestigeträchtige Auszeichnungen wie den «Swiss Economic Award» oder den Titel «Best Swiss Gastro» waren die saftigen Lorbeeren seiner unermüdlichen Arbeit. Selbst die ärgsten Kritiker adelten ihn als «Gastro-König». Remo selbst sah sich nie als solcher. Vielmehr sei er ein «Bärner Giu», der nie auf dem hohen Ross sitze.

«Mut ist, auf sein Inneres zu hören statt auf andere.»

Nach zehn erfolggekrönten Jahren sattelte er um und widmete sich einer Leidenschaft, die längst in ihm schlummerte: der Fotografie. Nur zwei Jahre nach der Ausbildung zum Fotografen begrüsste er am 01.01.2012 an seiner ersten Vernissage illustre Gäste. «Ich habe es einfach probiert, im Wissen, dass es nur eine einzige Chance gibt, mich als Fotograf neu zu positionieren», erinnert sich Remo. Nimmt er etwas Neues in Angriff, findet er weniger das Ziel, sondern den Prozess dorthin, spannend. Seine grösste Faszination gilt der Porträtfotografie und der Herausforderung, das Schöne bei jedem Menschen heraus zu kitzeln. Ihm sei nie etwas in den Schoss gefallen, er habe sich Sprosse für Sprosse hochgekämpft, so der zweifache Vater. Braucht es Mut, Vater zu sein? «Nä-ä», erwidert er in langgezogenem Berndeutsch. Es brauche Wille, Verantwortung zu übernehmen. Seine positive Lebenseinstellung, die ihn mitunter zu mutigen Entscheidungen bewog, gibt er an seine Kinder Kaja und Levin weiter. Was wünscht sich einer, der einen derart gelungenen Neustart hingelegt hat, für die Zukunft? Darauf hat er keine Antwort. «Ich lebe in der Gegenwart. Nur diese kann ich beeinflussen», sagt Remo und trinkt seine Cola aus – im «Lorenzini», seinem zweiten Zuhause.

Beim Kitesurfen kann der 47-Jährige richtig abschalten.