Paris, Mailand, Thun

Sie hauchen Thun mit ihrem kreativen Schaffen Charisma und Chic einer Modemetropole ein: Sabine Portenier und Evelyne Roth.

Beim Betreten der von aussen unscheinbaren, grellhellen Fabrikhalle öffnen sich die Pupillen: Blusenkleider, leuchtend orangerot wie das Fruchtfleisch von Paradiesäpfeln, schweben an Kleiderbügeln über dem kargen Boden, neben senfgelben Faltenjupes und changierenden Cocktailroben. Mittendrin: Die beiden Designerinnen in derben Boots. Sie stellen gerade ihr Atelier um, da ist Anpacken angesagt. Hoch ist ihr Engagement, nicht der Absatz ihrer Schuhe, zumindest heute. «Wir tragen beide sehr gern hohe Hacken», antworten Sabine Portenier und Evelyne Roth einstimmig auf die Frage, ob sie etwas gegen High Heels haben. Schliesslich holen PortenierRoth ihre Models, die weitaus jünger sind als ihre Kundinnen, an Shows in Mailand, Rom oder Genf mit flachen, schweren Herrenschuhe «auf den Boden», wodurch sie Nonchalance bis in die entspannten Zehenspitzen versprühen. «Wenn wir designen, haben wir keinen expliziten Typ vor Augen, sondern einen Lebensstil, der verschiedenste Facetten des Frauseins beinhaltet und von Eigenständigkeit geprägt ist», umschreibt Sabine Portenier ihre Vision, zu der trippelnde Anziehpüppchen eben nicht passen. Dabei begann ihre modische Karriere mit «affigen» Püppchen: Schon als Dreijährige nähte sie ganze Kollektionen für die «Monchhichis» ihrer Schwester, mit Löchern für Öhrchen und Schwänzchen, versteht sich! «Die Teile sind sicher noch in irgendeiner Kiste bei meiner Mutter», lacht sie. Heute ist sie selbst Mami, wie auch Evelyne Roth. Beide studierten, nach einer Damenschneiderlehre in Thun, Modedesign an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel. Bei verschiedenen Stationen im Ausland, wie «Hugo» in Deutschland und Italien oder «DidierAngelo» in Paris, füllten sie ihre kreativen Rucksäcke, aus denen sie heute schöpfen.

 

 «Trouvaillen gibt es «Trouvaillen gibt esüberall, man muss sie nur aufspüren.» Sabine Portenier

 

Der Hintergrund einer grossen Stadt sei wichtig, um eine Vorstellung davon zu entwickeln, wie die eigene Mode sein soll. Im Herzen verbandelt mit dem «Tor zum Berner Oberland» und fasziniert vom traditionellen Handwerk, wie es in der Schweiz einzigartig sei, gründeten Sabine und Evelyne 2009 das Modelabel und 2013 die GmbH in Thun. «Das hat Mut gebraucht, weil es ans Eingemachte geht», erinnert sich Sabine. Im Modebusiness sei das Designen die zartschmelzende Praline – der Rest harte Arbeit. Inspirationen findet das Designerduo rund um den Globus, losgelöst von Zeit und Ort. Ihr eigener Alltag als Modemacherinnen und Mamis liefert die Antwort auf die Frage, was ein Kleidungsstück von morgens bis abends alles können muss, ausser bloss schön aussehen. «Wenn man den Arm kaum heben kann, nützt ein schicker Schnitt auch nichts», bringt es Evelyne auf den Punkt. So kreierten sie beispielsweise einen Jupe, der sich ideal zum Velofahren eignet. «Aber ich fahre manchmal auch mit einem Rock Velo, der überhaupt nicht dazu taugt», sagt Sabine augenzwinkernd. Sie leben das Unkomplizierte, ihre hochwertige Mode hingegen entsteht in aufwändiger Handarbeit. Was andere Modelabels penibel trennen, ist bei PortenierRoth Teil des Konzepts: Sie vereinen Verkauf und Produktion am selben Ort und machen «Swiss Made» sichtbar – die Kundinnen schlendern durch die Boutique, begleitet vom rhythmischen Rattern der Nähmaschinen … Einen Überschuss vermeiden sie bewusst, zumal die Ressourcen-Knappheit eine Tatsache sei, vor der die Modebranche bisweilen die Augen verschliesse. Sabine und Evelyne gehen mit offenen Augen durch die Welt und setzen nicht nur ein modisches, sondern auch ein ökologisches Statement.

Fotograf: Caspar Martig

Model: Laura/Option und Cynthia/Streetcast

Entworfen am Körper, nicht auf dem Papier: PortenierRoth setzt

für ein angenehmes Tragegefühl auf natürliche Materialien.