Vom «WWW» in die Wirklichkeit

Menschen jeden Alters suchen im Netz nach Jobs, Autos – und der grossen Liebe. Manche virtuelle Romanze besteht den Realitätstest, wie die Geschichte von Tanja und Patrick zeigt: Aus einem Chat ist eine Familie geworden.

Beim Blick auf die Statistik könnte man meinen, wir sind ein Volk von Solisten: Mit 35% machen die Einzelhaushalte den grössten Anteil aus, Tendenz steigend. Die neusten Zahlen, erhoben von der grössten Schweizer Partneragentur Parship.ch, schärfen dieses Bild. 1,68 Millionen Schweizerinnen und Schweizer zwischen 18 und 69 Jahren rutschten als Single ins neue Jahr. Viele suchen den Ausgang aus dem Alleinsein immer mehr in der digitalen Welt. Jemanden kennenzulernen, ist gar nicht so einfach; wohin Bitteschön soll man mit 45, 55 Jahren in den Ausgang? Da bietet das Netz scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten. Hunderttausende tummeln sich auf Plattformen, die das grosse Glück versprechen, reisserisch wie Aktionen im Supermarkt. Bevor die Suche nach dem richtigen Partner im Datendschungel – wo sich «Tiger» und «Affen» gegenseitig überbieten – losgeht, müssen Flirtwillige erst die richtige Singlebörse finden. Beim Begriff «Single Schweiz» spuckt die Suchmaschine über 25 Millionen Ergebnisse aus. In 0,23 Sekunden. Das war nicht immer so. Im Jahr 2000, als sich Tanja aus Neugier bei einer der ersten Partnerbörsen der Schweiz anmeldete, war Online-Dating noch kein Massenphänomen. Nach zwei, drei schiefgelaufenen Blind Dates ging sie «offline» – für satte zwei Jahre. Aus Jux loggte sie sich eines schönen Tages wieder ein – erhielt prompt eine Nachricht von Patrick alias «Mr. Greentea». Was folgte, war ein dreitägiger Schreibmarathon, bei dem sich Tanja und Patrick die Finger wund tippten und Buchstaben für Buchstaben annäherten. Im Gegensatz zu heute, wo Singles auf der virtuellen Balz mit visuellen Reizen nicht geizen, gab es vor 13 Jahren keine Profilbilder. Tanja und Patrick hatten keine Ahnung, wie der jeweils andere aussieht. Tanjas Bruder eilte extra von Bern nach Münsingen, um das Bild seiner verknallten Schwester einzuscannen – klick, verschickt! Tanja öffnete die Bilddatei, die ihr der «grünteetrinkende Fremde» im Gegenzug geschickt hatte … der Rechner ratterte und baute Patricks Porträt Pixel für Pixel auf: Glatze, Glatze, Glatze … Postwendend gestand sie ihm, Glatzköpfe seien ihre heimliche Leidenschaft, worauf er antworte: «Gold oder Silber? Ich besorge gleich die Eheringe!» Wer hätte gedacht, dass sich die Beiden zwei Jahren später tatsächlich das Jawort geben? Dabei versetzte er sie beim ersten Date, ausgerechnet am Valentinstag: Zwei geschlagene Stunden wartete sie vergebens auf Patrick, fror sich den Allerwertesten ab, und dachte, «wieder so eine Verarschung». Patricks Alibi: Er hatte sein Bauchtäschchen (damals hip!) mit seinen sieben Sachen verloren. Tags darauf trafen sie sich an der Fasnacht. Patrick kreuzte im Engelskostüm auf, mit gelbgoldener Lockenperücke auf dem eigentlich kahlen Haupt. «Es sah schrecklich aus», erinnert sich Tanja und hält sich den Bauch vor Lachen. Zusammen zogen sie um die Berner Häuser und schlürften bis tief in die Nacht «Sex uf dr Gass». In den frühen Morgenstunden wurden sie ein Paar – das sind sie bis heute, 13 Jahre später. «Wenn man einander so intensiv schreibt, ist das Kennenlernen wohl tiefgründiger als an einem Discoabend bei einem Drink», sinniert Patrick. Tanjas und Patricks Chat-Dialoge liegen als ausgedrucktes Schriftbündel in der Nachttischschublade. «Wir managen heute alles übers Web: Pizza bestellen, Krankheiten bestimmen – warum nicht auch einen Partner suchen?» Wahrscheinlich wird sich die nächste Genration über Paare wundern, die sich nicht im Internet kennengelernt haben, spekuliert Tanja und blickt hinüber zu ihren kleinen Söhnen Fynn und Yorik.

 

Online-Liebe gibt es doch: Tanja, Inhaberin der «Nagelwerkstatt» Münsingen, und Patrick Zurlinden, Fachlehrer Mediengestaltung, leben seit drei Jahren mit ihren Söhnen Fynn und Yorik in Konolfingen.

 

 

Die Portale zum Glück?

Rund 2500 Singlebörsen buhlen im deutschsprachigen Raum um einsame Herzen und versprechen hohe Erfolgsquoten. Drei der populärsten Kuppler im Kurzporträt.

1. Die Lernfähige: «Zoosk» lernt Klick für Klick dazu
Die modernste Dating-App auf dem Markt zielt auf Singles zwischen 25 und 35 Jahren ab und hängt die Konkurrenz mit dem einzigartigen «Behavioral Matchmaking» ab. Mit dem innovativen verhaltensbasierten Algorithmus lernt «Zoosk» ihre Nutzer kennen, merkt sich ihre Vorlieben und macht daraufhin Partnervorschläge. Die zum Patent angemeldete Foto-Verifizierung sorgt dafür, dass Schwindler keine Chance haben. Die mehrfach ausgezeichnete App ist in der Grundversion gratis, eine Premium-Mitgliedschaft kostet zwischen Fr. 17.50 und Fr. 34.50 pro Monat.

2. Der Wirbelwind: «Tinder» kommt schnell zur Sache
Die schnellste Dating-App überhaupt: Wer nicht gefällt, wird einfach weggewischt – mit einem sekundenschnellen Bildschirm-Wisch! Die Selektion möglicher Partner erfolgt einzig aufgrund des Aussehens. Wer sich gegenseitig gefällt und mit einem Herzchen markiert, kann sich spontan treffen, da die gratis App ausschliesslich Singles vorschlägt, die sich in der nahen Umgebung aufhalten. Das kommt gut an: «Tinder» verbreitet sich virusartig, hat weltweit rund 600 Millionen registrierte Nutzer und machte Gründer Jean Rad innert drei Jahren zum Milliardär.

 

3. Die Ernsthafte: «Be2.ch» fokussiert die Persönlichkeit
B2.ch ist mit rund 200 000 Nutzern eine der grössten Online-Partnervermittlungen der Schweiz. Die Partnervorschläge erfolgen aufgrund ausgereifter Persönlichkeitstests. Singles können die Eigenschaften des Traumpartners exakt definieren und es melden sich Personen an, die es wohl ernst meinen. Schliesslich dauert es rund 30 Minuten, den Fragebogen zu beantworten, be2.ch überprüft die Profile und sortiert inaktive aus. Das komplexe Verfahren hat seinen Preis: Die Mitgliedschaft kostet pro Monat zwischen Fr. 45.95 und Fr. 99.90.