Die Pferdeflüsterin von Wichtrach

«Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde» – wer Brigitte Berger und ihren Pferden begegnet, hegt keinen Zweifel mehr an der Wahrheit dieser Redensart. Sie beherrscht die hohe Kunst, eins zu sein mit ihrem «Rössli», und es scheinbar nur mit Gedanken zu leiten.

Auf den saftigen Weiden zwischen Münsingen und Wichtrach zermalmen Pferde seelenruhig junge Grashalme, blicken mit ihren tiefschwarzen Augen Richtung Oberland oder zucken ab und zu mit ihren langen Wimpern. Auf viele Menschen üben die sanftmütigen, stämmigen Tiere eine grosse Faszination aus, und es werden immer mehr: Das Bundesamt für Statistik verzeichnet in der Schweiz so viele Pferde wie nie zuvor. Zwei der Einhufer gehören Brigitte Berger: Der 24-jährige «Gentleman» Seven und das 4-jährige Fräulein Jazzy, beide «American Quarter Horses». Seit Brigitte denken und sprechen kann, ist sie verzaubert von den feinfühligen Wesen. Ertönte draussen auf dem Asphalt das rhythmische Klacken von Pferdehufen, rannte Brigi als kleines Mädchen sofort zum Fenster, um dem Bauern mit seinen Pferden auf dem Weg zum Acker nachzuschauen. Wenn sie Glück hatte, durfte sie sogar ein Stück mitreiten. Viele Jahre später konnte sie sich ihren sehnlichsten Traum vom eigenen Ross erfüllen und nahm Reitunterricht. «Die besten Lehrmeister sind allerdings die Pferde selbst, man muss nur auf sie hören und sich auf sie einlassen», weiss die gebürtige Wichtracherin. Als ebenso scharfe wie sensible Beobachterin erlernte sie die Sprache der Pferde, die ohne laute Töne auskommt. «Es ist faszinierend, wenn zwischen dem Mensch als eigentlicher Jäger und dem Pferd als Fluchttier eine harmonische Beziehung entsteht.» Pferde ergreifen instinktiv die Flucht, wenn sie Gefahr wittern. Durch die seitliche Anordnung der Augen ist ihr Blickwinkel grösser als bei anderen Tieren. Das erklärt, warum die an und für sich starken Tiere so sensibel auf vermeintliche Kinkerlitzchen reagieren und am liebsten einfach davontraben würden.

Brigitte Berger mit ihren Pferden.

Verständnis für ihr Wesen ist die Voraussetzung, um überhaupt mit Pferden zu arbeiten. «Wenn sich der Mensch schon erlaubt, in die Welt der Pferde einzudringen, dann möglichst tiergerecht – es ist ein Geben und Nehmen», so Brigittes Philosophie, welcher das Westernreiten am besten entspricht. Diese legere Reitweise hat ihre Wurzeln bei den Cowboys in Amerika, die vom Morgentau bis zum Abendrot im Sattel sassen, um tausende Rinder einzutreiben. «Um das durchzuhalten, führten die Cowboys ihre Pferde mit minimalsten verbalen und körperlichen Kommandos, was sie zu einer partnerschaftlichen Einheit verschmelzen liess», erläutert Brigi, die diese Harmonie auf das alltägliche Reiten übertragen und ihren Reitschülern weitergeben will, «die Pferde schätzen dieses Höchstmass an Freiheit und kooperieren gern, weil es ihnen wohl ist dabei». Eine ihrer Schülerinnen ist Michal Rupp aus Thun. Einmal pro Woche lässt sie auf dem Rücken des Pferdes den Alltag hinter sich. «Ich bewundere ihre positive Art und die Ruhe, die sie ausstrahlt», sagt Michal über ihre Lehrerin. Jeder Wank, jede innere Unruhe übertrage sich aufs Pferd, ergänzt diese. Pferde verfügen über ausgeprägte Sinne. Auf ein paar Meter Distanz fühlen sie, wie es um den Adrenalinhaushalt eines Menschen steht und wie hoch sein Puls ist. Michals Puls war hoch, als sie zum ersten Mal ohne Zaum und Sattel ritt. So lernt sie, dass weiche, bewusste Bewegungen ausreichen, um das Pferd zu führen, präzise wie mit unsichtbaren Fäden. Sie richtet ihren Blick stets auf ihren Zielort, ihre Gedanken übertragen sich scheinbar auf das Pferd. Sie arbeitet konsequent mit sieben einfachen Befehlen – mehr kann ein Pferd gar nicht umsetzen. Bevor Michal absteigt, senkt Seven seinen Kopf. «Er nickt, weil er einverstanden ist, mit dem, was wir verlangen. Reiten ist weniger Körper- als Denkarbeit», lächelt Brigi und richtet ihren Cowboy-Hut.