Hufschlag auf Hufschlag

Rosshaarscharfe Kopf-an-Kopf-Duelle, fliegende Hufe und Bälle: Die Traditionssportart Polo liegt im Trend. Doch Polo ist weit mehr, als sein vorausgaloppierender, elitärer Ruf verheisst. Von «Polo-Prinzen», die in Wahrheit schmutzige Gummistiefel tragen.

Wer es schafft, angesichts des rasanten Treibens auf dem teppichglatten Rasen, kurz die Augen zu schliessen und den Kommandos der Polospieler zu lauschen, wähnt sich an einem Fussballspiel: «Los, vorwärts Richtung Tor!», ruft ein Reiter und hebt den Holzschläger kämpferisch gegen den Himmel. Ein spektakuläres Manöver jagt das nächste, fast schneller als die Augäpfel des Zuschauers zu folgen vermögen. «Es geht darum, den Ball ins gegnerische Tor zu spielen. Das Runde muss also ins Eckige», fasst Christopher Kiesel, Profi-Polospieler, -Trainer und Manager von Polo Bern, das Ziel des wohl exklusivsten Ballsports der Welt zusammen.

Polo sei sein halbes Leben, beteuert der 35-Jährige, um sich sogleich zu korrigieren: «… eigentlich sogar mein ganzes Leben». Bereits als Bursche spielte er mit Bällen, allerdings ein bisschen anders als die Gleichaltrigen in seinem Umfeld: hoch zu Ross. «Schon meine Eltern waren begeisterte Polo-Spieler, so bin ich wohl mit dem Polo-Virus geboren», versucht Christopher seine feurige Leidenschaft zu erklären. Mit seinem Surfer-Look wirkt er, als habe man ihn gerade aus Hawaii eingeflogen, er passt so gar nicht in eine der knarzenden Klischee-Schubladen, die sich beim Stichwort Polo in den Köpfen der Leute auftun. Diese Schubladen will Christopher mit dem Polo Club Bern entrümpeln. Wer kennt sie nicht, die Bilder von herausgeputzten Herren und durchgestylten Damen, die «Cüpli» schlürfend am Spielfeldrand flanieren … «Lange Zeit wurden die Anlässe rund um das Polospiel bewusst elitär gehalten, zum Pläsier der High Society. Mittlerweile steht vermehrt der sportliche Wettkampf im Fokus», freut sich Christopher, sieht jedoch noch viel Aufklärungsbedarf. Der Beiname «Sport der Könige» rührt vom Ursprung des Polosports in Persien, wo sich ambitionierte Kriegsherren erst beim Poloturnier beweisen mussten, ehe sie eines Königstitels würdig waren – und von Adeligen, die sich heute medienwirksam in Polo-Pose werfen. Natürlich ist Polo, wie jede Pferdesportart, mit gewissen Kosten verbunden, aber ein eigenes Pferd ist für Einsteiger kein Muss. Der Polo Club Bern führt auf dem Club-Gelände in Wichtrach Kurse mit speziell ausgebildeten Schulungspferden durch. Ein Schnupperkurs gewährt Einblick in den Sport und hinter die Stalltüren – fernab von Schampus und Schickimicki – wo Christopher in Gummistiefeln und Jeans statt schneeweisser Turnierhose mistet, die Pferde hegt und pflegt, macht und tut. «Dieser wesentliche und grosse Teil der Arbeit bleibt dem Publikum meist verborgen», gibt Christopher zu bedenken.

Für Polo muss man nicht nach Wales: Christopher Kiesel ist Manager und Trainer des Clubs «Polo Bern», der sich seit 2007 in Wichtrach befindet.

Etliche Vorurteile seien nämlich schlicht auf Unwissenheit zurückzuführen: «Es ist bedauerlich, dass sich der Polosport oft mit völlig falschen Vorwürfen konfrontiert sieht.» Die temperamentvollen Pferderassen wie das «Criollo» sind wie geschaffen für diesen Sport und die Regeln sind primär auf den Schutz der Pferde ausgerichtet, die pro Wettkampf nur rund sieben Minuten im Einsatz sind. «Das Gerücht, Polopferde seien nach zwei Saisons derart ausgebrannt, dass sie beim Metzger enden, ist hanebüchen. Ein gut trainiertes Polo-Pony ist ein wahrer ‹Hochleistungssportler›, der bis zu zehn Jahre wettkampffähig ist. Alle, die sich ein eigenes Bild von unserer Arbeit machen möchten, sind herzlich zu einem Augenschein eingeladen.» Der Polo Club Bern, präsidiert von Unternehmer Jobst Wagner, schmiedet Ausbaupläne, um seine Infrastruktur auf dem Vereinsgelände so bald wie möglich zu optimieren. Bis es soweit ist, werden auf der Jagd nach dem weissen Ball noch zig Hufe über den dichten Rasenteppich donnern, «hoffentlich vor zahlreichen Zuschauerinnen und Zuschauern!».