«Ich würde flugs unterschreiben!»

Ausgerechnet an seinem 18. Geburtstag kommt Leo Schlatter seinem Traumjob, Militärpilot bei der Schweizer Luftwaffe, eine Flügellänge näher: Er meistert seinen allerersten Flug. Ob es für die alles entscheidende Empfehlung reicht?

An einem Nachmittag um 13 Uhr bei flirrender Hitze auf dem Flughafen Bern: In Leo Schlatters Pilotenbrille spiegeln sich die landenden Passagierflugzeuge und startenden Helikopter. In wenigen Minuten wird er in luftigen Höhen auf rund 1500 Metern über Meer selbst am Steuerknüppel sitzen. Für den Gymnasiasten, der heute seinen 18. Geburtstag feiert, ein besonderes Geschenk, das er nicht auspackt, sondern anpackt: Beim 14-tägigen Sphair-Ausbildungskurs will er die Startbahn für seine berufliche Zukunft als Militärpilot ebnen. Er hat bereits erste Hürden des langwierigen Procedere genommen. Darunter einen eintägigen Eignungstest, dem «Screening», der die Eintrittskarte in den begehrten Fluglehrgang ist. In diesem strengen Verfahren, finanziert vom VBS, sieben Fachleute von Sphair anhand eines engmaschigen Kriteriennetzes Aviatik-Talente aus, die das Zeug zum (Militär-)Piloten haben. «Schon im Kindergarten wollte ich Pilot werden. Offenbar hat die Leidenschaft meines Vaters, der begeisterter Hobbypilot ist, auf mich abgefärbt», erzählt Leo. «Fliegen ist wie ein Virus, und vielleicht wird man hier damit infiziert», wirft Malvina Nicca ein. Die Bündnerin, die als Linienpilotin in Hong Kong tätig ist, leitet den Sphair-Kurs zusammen mit Tom Rufer aus Kehrsatz. «Blutjunge Menschen bei ihren ersten Flugstunden zu begleiten, ist ein wunderbares Gefühl. Die strahlenden Gesichter bei der Landung entschädigen für alle Mühen», sagt er nach 12 Berufsjahren als Fluglehrer. «Ausserdem befinden wir uns auf dem schönsten Flugplatz der Schweiz, der alle Facetten der Fliegerei abbildet», schwärmt Rufer, dessen Mutter 25 Jahre auf dem Flughafen Bern gearbeitet hat. Wenn einer seiner Schützlinge das erste Mal selbstständig abhebe, sei er wohl nervöser als bei seiner eigenen Flugpremiere damals.

Reise in die dritte Dimension
«Sich in der dritten Dimension zu bewegen, fasziniert mich. Man erlebt in der Luft eine andere Dynamik als auf der Erde», sagt Leo und lächelt unter seinem Baseball-Cap hervor. Schulter an Schulter im Kleinflugzeug sitzend, erklärt Tom Rufer seinem Schüler erneut die wichtigsten Details. Über den Wolken ist die Freiheit nämlich alles andere als grenzenlos – strenge Regeln gilt es zu befolgen. Der Motor brummt auf, der Propeller dreht schneller und schneller, sodass die einzelnen Blätter zu einem weissen Kreis verschmelzen. Das einmotorige Flugzeug hebt vom Boden ab, zuerst nur ein paar Zentimeter, dann hunderte Meter, bis er am Horizont verschwindet. So manche Träume zerplatzen wie Seifenblasen am Stacheldrahtzaun, wenn die Experten keine Empfehlung für eine Pilotenkarriere aussprechen. Die Anwärterinnen und Anwärter müssen herbe Rückschläge hinnehmen, für viele die ersten überhaupt in ihrem jungen Leben. Nach vierzig Minuten spürt Leo wieder harten Boden unter den Füssen und landet mit schweissnassem Hemd – vor Hitze oder Aufregung? «Wohl von beidem etwas», grinst er. Beflügelt von seinem ersten Flug, den er «bestens gelöst» habe, will er seine Chance erst recht nutzen. «Wenn mir jetzt ein Vertrag für eine Anstellung als Militärpilot vorläge, würde ich sofort unterschreiben», so die klare Ansage des 18-Jährigen. «Gelingt es mir nicht, werde ich privat fliegen, und mich beruflich der Technik widmen. Dann entwerfe ich das Flugzeug halt statt es zu steuern.» 10 Kurstage und 11 Flüge später ist klar: Leos Traum ist nicht ausgeträumt. Mit der ersehnten Empfehlung in der Westentasche, die ihm die Bewerbung als Militärpilot ermöglicht, kehrt er ins heimische Thun zurück – mit dem Zug.

 

 

 

Frauen in der Luftwaffe?

Wie auch bei den Linienpilotinnen ist der Frauenanteil bei der Schweizer Luftwaffe verschwindend klein.

«Die Fliegerei ist nach wie vor eine männerdominierte Welt, obwohl Frauen heute dieselben Möglichkeiten haben wie Männer», stellt Tom Rufer fest. Der Sphair-Fluglehrer hat innert 10 Jahren lediglich 5 weibliche Interessenten geprüft. Das, obwohl das Schweizer Militär 1993 als erste Armee im deutschsprachigen Raum Frauen zur Pilotinnenausbildung zuliess. 1996 schrieb die erste Jetpilotin Pascale Schneider Schweizer Militärfluggeschichte, als sie den Jet «BAe Hawk» als erste Frau alleine flog. An Kampfeinsätzen teilzunehmen, ist Frauen erst seit 2004 erlaubt. Zurzeit ist die erste Frau in Ausbildung zur Kampfjetpilotin. «Viele Frauen möchten fliegen, halten es aber für unmöglich», beobachtet Berufspilotin Malvina Nicca. «Die Gesellschaft definiert scheinbar, was Frauen können und was nicht. Das sollte sich ändern.»