Starke Frauen

Sie boxen sich durch, bewegen Grosses mit leisen Tönen und trotzen (noch immer) gesellschaftlichen Konventionen. Ihre, teils unbequemen,  Entscheidungen machen sie stark – und damit auch andere Frauen. 

 

«Einem Mann traut man es zu und ist enttäuscht, wenn er es nicht kann. Einer Frau traut man es nicht zu und ist überrascht, wenn sie es doch kann.»

Helen Kirchhofer

Mit 35 Jahren übernahm Helen Kirchhofer die Heno SA, die ihr Vater 1954 gegründet hatte. Sie krempelte die Firma komplett um und wandelte sie vom Produktions- in einen Handelsbetrieb. Die Interlaknerin zieht sich mit 63 Jahren schrittweise aus dem Geschäft zurück: Seit 2014 führt ein neues Management die Heno SA und Fritz Ming ist Inhaber der Helen Kirchhofer AG. Weiterhin sucht die Schmuck- und Südamerika-Liebhaberin die Pretiosen selbst aus, die später aus den Vitrinen ihrer Boutiquen funkeln.

Irgendwo in einem Haus, das an den Hongkonger Wolken kratzt, irgendwann in den 80er-Jahren: «She is the boss» – sie ist der Boss – versucht Fritz Ming, heutiger Inhaber der Helen Kirchhofer AG, die Businessmen aufzuklären und deutet auf Helen Kirchhofer. Die Herren in dunklen Anzügen zögern kaum eine Sekunde, blicken verdutzt drein – und verhandeln weiterhin konsequent nur mit ihm. Das ist dreissig Jahre her, als Helen Kirchhofer meist als einzige Frau am runden Tisch sass. «Heute ist man sich Frauen in Führungspositionen gewohnter, das Vertrauen in die Frauen ist gewachsen», stellt sie fest. Sie habe sich stets mehr beweisen müssen als ihre männlichen Kollegen. Dennoch konnte sie darüber lachen, wenn ein Interessent sie nachdrücklich darum bat, «bitte noch den Chef zu fragen». In jungen Jahren bereiste der Spross einer Uhrmacher-Familie die weite Welt. Die Uhrenbranche? Nichts für die junge Helen Kirchhofer! Jahre später beantwortete die damals 35-Jährige die Gewissensfrage, ob sie die traditionsreiche Firma ihres Vaters übernehme, aus dem Bauch heraus mit Ja. Vor neuen Wegen scheute sie sich so wenig wie ein Fisch vor dem Wasser: Ein Jahr nach ihrer Nachfolge stellte sie die Uhrenkollektionen ihres Vaters ein und importierte Uhren aus dem Ausland. Das Kopfschütteln der Kritiker ging rasch in ein zustimmendes Kopfnicken über, als der Erfolg durchschlug. Seit 1993 steht ihr Name ausserdem in leuchtenden Lettern an acht Läden von Bern bis Thun. Nach zwei Anläufen mit Fantasienamen, welche die Mitbewerber gleichsam torpedierten, benannte sie die Boutiquen nach ihrem Namen. «Meinen Namen kann mir niemand streitig machen», sagt sie und gestikuliert lebhaft, sodass ihr silberner Armreif kess klimpert. Sie ist sozusagen die «Betty Bossi der Uhrenbranche». Manche halten «Helen Kirchhofer» für eine fiktive Person, doch sie leibt, lebt und langweilt sich nie. Dies, obwohl sie sich jetzt mit 63 Jahren behutsam aus dem Business zurückzieht. In den Firmen, die trotzdem «ein bisschen ihre eigenen» bleiben, arbeiten fast nur Frauen,  viele davon Teilzeit. Aufgewachsen mit zwei Brüdern, ist es für sie nicht hinnehmbar, dass Frauen und Männern nicht dieselben Möglichkeiten offenstehen. In den 70er-Jahren war sie politisch aktiv und eine (un-)beliebte Gesprächspartnerin, die kein Blatt vor den Mund nahm. «Frauen galten früher schon als Feministinnen, wenn sie sich überhaupt kritisch äusserten.» Vieles habe sich heute zum Besseren gewendet, dennoch brauche die Wirtschaft einen zünftigen Zünder, um die Frauen zu fördern. «Wer sagt denn, dass eine Frauenquote für immer gelten müsste? Ich bin davon überzeugt, dass es genug gute und gewillte Frauen gäbe. Nur ist es bequemer, gar nicht erst nach ihnen zu suchen und stattdessen Bekannte aus dem Service-Club, Militär oder Sportverein zu berücksichtigen …» Hätte sie folglich nichts dagegen, eine Quotenfrau zu sein? «Ego hin oder her: Lieber eine Quotenfrau sein, als auf den Traumjob verzichten! Dann kann Frau ihre Fähigkeiten richtig zeigen.»


Sandra von May-Granelli

Die ausgebildete Notarin, Ehefrau und Mutter zweier erwachsener Söhne ist seit 2002 Inhaberin und Vorsitzende der Geschäftsleitung des Feusi Bildungszentrums, das ihr Vater zusammen mit einem Geschäftspartner in den 60er-Jahren vom Gründerehepaar Feusi übernehmen konnte. Zudem hält sie Einsitz in verschiedenen Verwaltungsräten, unter anderem bei der Thunerseespiele AG. Die 53-jährige Bernerin kocht leidenschaftlich gern und ist «einfach mit Freude Gastgeberin».

Anders sieht das Sandra von May-Granelli, Inhaberin und CEO des Feusi Bildungszentrums: «Es wäre wohl kaum befriedigend, eine Alibi-Frau zu sein. Deshalb bin ich gegen Quoten.» Sie selbst machte «quotenfrei» Karriere: Nach der Ausbildung zur Notarin trat sie als juristische Beraterin in die Feusi ein und konnte die Firma im Jahr 2002 im Zuge einer Nachfolgeregelung von ihrem Vater und dessen Geschäftspartner übernehmen. Eine Unternehmung, die seit jeher auch ein Teil ihrer selbst ist. Damals, als sie in den Sommerferien mithalf, das Schulhaus zu putzen, war Feusi wie ein weiteres Geschwister – heute, da sie die Institution leitet, wie ein drittes Kind. Als sie Feusi vor 13 Jahren übernahm, waren ihre Söhnchen sechs- und zweijährig. «Beruf und Familie passen unter einen Hut, es ist alles eine Frage der Organisation», weiss die 53-Jährige. «Es ist normal, dass man sich in gewissen Bereichen zurücknehmen muss, sei es bei der Zeit für sich selbst.» Morgens um sechs Uhr zischten in von May-Granellis Küche schon die Pfannen: Vor der Arbeit kochte sie jeweils das Mittagessen vor und wenn sie eine Stunde später das Haus verliess, war der Wäscheberg aus Hemden, Blusen und Kindersachen schon um ein Maschinenvolumen abgetragen. Ihr Mann arbeitete zwar stets 100%, bestärkte sie aber unentwegt in ihrem Tun. Ihr bodenständiges Naturell offenbart sich gerade in hektischen Zeiten, wenn sie zum «Düreschnuufe» appelliert. Ausserhalb der Feusi-Tore atmet sie bei einer Bergwanderung mit Picknick am tiefsten durch. Verkomplizierungen liegen ihr ferner als der Adelbodner Wildstrubel auf 3243 Metern. Wer um ihre Gunst buhlt, klopft am besten einfach an ihre Tür und redet mit ihr, statt ellenlange Mails und blinkende Präsentationen zu künsteln. Jeden Morgen frühstückt die vierköpfige Familie gemeinsam – ein Ritual, das sie nicht missen möchte. Die Abende sind häufig ausgebucht, zumal sie in mehreren Verwaltungsräten einsitzt. In solchen Gremien sind Frauen rar: In der Schweiz sind es weniger als 10%, während Norwegen die Spitze mit über 44% anführt (Quelle: PWN Global, Professional Women’s Network). Sandra von May-Granelli sieht unter anderem ihr solides Netzwerk als Sprungbrett in den Karrierepool. Kolleginnen für Verwaltungsratsposten zu begeistern, misslang ihr: «Kein Interesse», lautet ihr ernüchterndes Fazit. «Frauen müssen, ebenso wie Männer, etwas investieren – Zeit, Präsenz, Netzwerkpflege.» Man müsse halt kritikfähig sein: «Frauen neigen dazu, Kritik automatisch auf ihr Geschlecht zu beziehen und zu jammern statt sie konstruktiv anzunehmen.» Sie muss oft Entscheidungen fällen, die auf wenig Gegenliebe stossen. «Je höher die Position, desto einsamer ist man», sagt sie mit einer Abgeklärtheit, die im Kontrast zu ihrer wilden Lockenpracht steht. Sie lässt es sich nicht nehmen, zwei Lektionen pro Woche zu unterrichten, was ihr offensichtlich auch noch keine grauen Haare bereitet hat. Der Dialog mit den Jugendlichen, die zu ihrem Erstaunen eher konservativ eingestellt sind, sei bereichernd und spannend. «Familie ist sowohl Mädchen wie Jungen wichtig und sie malen sich eine Zukunft mit Kindern aus», so ihre Erkenntnis.


Marylin Niederhauser

Auf einem Bauernhof in Oberbalm aufgewachsen, gibt die 19-Jährige seit diesem Jahr als «ADAC Formel 4» Rennfahrerin Vollgas. Unter der Woche arbeitet sie in einer Treuhandfirma und am Wochenende reist sie für ihr Team «Race Performances» aus Münsingen zu den schnellsten Rennstrecken Europas. Für die körperlich anstrengenden Rennen hält sie sich mit Sport fit. Ihren Freund und zufälligen Namensvetter, den GT-Rennfahrer Patric Niederhauser, lernte sie auf der Kartbahn kennen.

Dem pflichtet die 19-jährige Marylin Niederhauser bei. Auch sie möchte später Mami sein, wenngleich das noch Rennstreckenlängen entfernt liegt: Seit kurzem startet sie als Formel4-Pilotin an internationalen Rennen. Gehüllt in den feuerfesten, rot-weissen Lederanzug steigt sie an den Wochenenden in das 160 PS-starke und 570 kg leichte Rennauto, um sich mit der überwiegend männlichen Konkurrenz zu messen – von 42 Teilnehmenden sind nur 3 weiblich. Mit 210 Sachen kurvt Marylin über den glühenden Asphalt, unter den mit Stolz erfüllten Augen ihres Vaters. Selbst ein eingefleischter Formel1-Fan, ist er mitschuldig, dass seine Tochter auf Pferdestärken in einer nicht gerade niedlichen Form abfährt. Als sie 2010 die ersten Runden im Kart drehte, übertrug sich das Motorsport-Virus endgültig auf sie. Das Auto bei rasendem Tempo zu kontrollieren, gab ihr den Kick, befeuert von der Adrenalin-Dusche in den Adern. Nach ersten goldenen Pokalen in der Kartserie und intensiver Vorbereitung wagte sie 2015 den Aufstieg in die «ADAC Formel 4», die als Talentschmiede gilt. «Sobald ich meinen Helm trage, habe ich keine Kollegen mehr», erklärt sie taff. Je professioneller sie fuhr, desto dicker wuchs ihr Fell: «Die hämischen Sprüche ignoriere ich. Hauptsache, mir macht es Spass!» Es schabe an manch einem männlichen Ego, wenn sie als Frau überhole. Sie müsse beweisen, dass sie ihren Platz auf der Startbahn verdiene, erforderlichenfalls mit ausgefahrenen Ellenbogen. «Uns Frauen steht genauso viel Aufmerksamkeit zu wie den Männern, weil wir genauso gut fahren. Es ist an der Zeit, mit der engstirnigen Denkweise zu brechen – im Frauenfussball hat es auch geklappt!»


«Gleichberechtigung ist eine globale Baustelle.»

Christina Nigg

Das Leben von Christina Nigg ist geprägt von Sport und Bewegung. Sie fuhr schon Ski, als sie noch nicht mal geradeaus laufen konnte und nahm, statt dem Teddybären, die Skier mit ins Bett. Die zweifache Mutter leistete Pionierarbeit: Es ist ihr Verdienst, dass der Schweizer Boxverband im Jahr 1996 Frauenboxen zuliess. 1998 schrieb sie als erste Schweizer Profi-Boxweltmeisterin Sportgeschichte. Die 53-Jährige führt eine Boxschule in Thun und coacht Athleten wie ihren Sohn, Profi-Boxer Mischa Nigg.

Was es heisst, sich als Frau in einer Männerwelt durchzuboxen, weiss Christina Nigg. Als Kind wollte sie Winnetou werden. Sie erstarkte zwar als eine Art «Häuptling», jedoch ohne Pfeil und Bogen, sondern mit schnellen Fäusten: 1998 ging sie als erste Schweizer Profi-Boxweltmeisterin (mit amerikanischer Lizenz!) aus dem Ring – und ein in die helvetischen Geschichtsbücher. Womöglich härter als dieser Fight war ihr jahrelanger Kampf um Anerkennung, Akzeptanz und Lizenzen. Zur ersten Boxstunde wurde sie nur zugelassen, als sie versprach, im Schlabbershirt zu trainieren und auf Extrawürste zu verzichten. Die Sportart faszinierte die alleinerziehende Mutter: Kaum ein Training fordert Sinne und Muskeln derart wie Boxen. «Boxen ist die ehrlichste Kampfform überhaupt. Beim Handball habe ich mir grössere Blessuren zugezogen als beim Boxen», entkräftet sie das brutale Image, das dem Sport anhaftet. «Boxer sind sensibel und fechten mit sich selbst die härtesten Kämpfe aus. Boxen ist etwas Intimes, man liest den Gegner.» Es ist Seelenstriptease: Im ausgeleuchteten Ring, vor voyeuristischem Publikum, kann sich ein Boxer nicht verstecken. Ihr fester Entschluss, den Boxsport für Frauen zugänglich zu machen, stiess auf ein lärmendes mediales Echo. Im TV schlug sie sich unermüdlich mit Funktionären herum und zerfetzte deren Hinterwäldler-Phrasen von wegen «aus hormonellen Gründen ist Boxen nichts für Frauen» in der brennenden Studioluft. «Ich rüttelte an der letzten Männerbastion: Bisher begleiteten Frauen ihre Gatten als Dekoration zum Boxkampf. Dass plötzlich die Dekoration im Ring stand, verrückte ihr Weltbild», sagt die Boxpionierin, deren kampfeslustiger Ausdruck längst nicht verblasst ist. 2000 trat sie aus dem Profi-Boxsport zurück, «als es am schönsten war». Sich durchsetzen zu müssen, insbesondere bei Männern, ziehe sich durch ihr Leben wie ein roter Faden. «Viele Männer haben Mühe damit, wenn Frauen etwas besser wissen. Tausende Jahre agierten sie als Herrscher. Ihre Gene sind wohl noch nicht angepasst, schliesslich begann die Frauenemanzipation erst vor 30 Jahren. Da müssen wir Frauen halt ein bisschen nachsichtig sein», lacht sie laut, voller ironischem Schalk, sodass ihre weissen Zähne aufblitzen. 16 Jahre nach ihrem geschichtsträchtigen Sieg tritt ihr Sohn Mischa in ihre «Faustspuren» und setzt erste Zeichen als Profi-Boxer. Trainiert Mami Christina mit ihm, legt sie ihre Muttergefühle an der Garderobe ab und hüllt sich in das Gefühlskostüm der Trainerin.


«Ob Frau oder Mann ist heute kein Thema mehr. Ausser man mat es zu einem.»

 Jaël Malli

«What is next» hiess einer der gössten Hits von «Lunik». Dieselbe Frage musste sich deren Leadsängerin Jaël Malli stellen, als sich die Band nach 15 Jahren auflöste. Die Antwort der Bernerin ist ein sphärisches Soloalbum, das am 30. Oktober 2015 erscheint. Am Erscheinungsdatum von MIS MAGAZIN, dem 19. August, feiert Jaël ihren 36. Geburtstag. Ihre zahlreichen Reisen, zum Beispiel als Backpackerin durch Myanmar, sind ein befreienderAusgleich zum Showbusiness: «Bei jeder Rückkehr merke ich, dass ich eigentlich nur die Hälfte von dem bräuchte, was ich besitze.»

Wie Christina Nigg schlüpft auch Jaël Malli in verschiedene Rollen: Sie steht als Schauspielerin auf der Bühne und vor der Kamera – ihre zweite Passion neben der Musik. Bekannt wurde sie als Stimme der Band «Lunik», die den Schweizern während 15 Jahren einen Ohrwurm nach dem anderen einsetzte. Heute auf die Band-Historie angesprochen, ist Jaël stolz, etwas Bleibendes erschaffen zu haben. Als sich «Lunik» vor zwei Jahren auflöste, wusste sie zuerst nicht weiter. Manchmal habe sie sich ein bisschen hinter den breiten Schultern ihrer Jungs versteckt, sie sei «ein Herdentierchen». Auf ihrem Abenteuer als Solo-Künstlerin ist sie nun auf sich allein gestellt. Lange fürchtete sich die Bernerin vor der totalen Selbstbestimmung, heute ist es das Grösste für sie: «Es ist faszinierend, auf einmal zu schätzen, wovor ich bislang Angst hatte. Früher hätte ich den Mumm nicht ge-habt, solo durchzustarten», gibt sie zu. Wirklich selbstbewusst sei sie erst seit ein paar Jahren. Für die Umsetzung ihres Albums behält sie die Fäden in ihren filigranen Händen; Sie managt sich und ihre Musik selbst. Bei knallharten Verhandlungen, branchenbedingt meist mit Herren, könne das weibliche Feingespür ein Vorteil sein. «Frauen haben irgendein Härchen, das im Zweifelsfall Alarm schlägt», meint sie und greift sich lachend in den Nacken. Sie spürt den sanften Druck, an den Erfolg mit «Lunik» anzuknüpfen. «Jetzt erst recht», lautet ihre Parole, verbunden mit dem Ziel, dass ihre melodiös-poppigen Klänge breites Gehör finden. Viele sind davon ausgegangen, dass sie von Jaël künftig Babynews statt Beats hören. Als 36-jährige Frau werde sie dauernd mit der Kinderfrage konfrontiert. «Offenbar ist Familie in der Gesellschaft ein Hauptthema, gleichzeitig steckt die hiesige Politik noch in den Kinderschuhen, gerade im Vergleich zu nordischen Ländern», stellt sie eine Diskrepanz fest. «Das Fiese für uns Frauen ist, dass die Blüte der Karriere mit der tickenden biologischen Uhr kollidiert. Für mich stimmt der Zeitpunkt für ein Kind schlicht nicht – und das sage ich seit 7 Jahren», bekennt Jaël – sie konzentriert sich auf ihr Soloprojekt.


Lisbeth Mathys

Mit ihrem Coiffeursalon im solothurnischen Bucheggberg machte sich Lisbeth Mathys mit 23 Jahren ein erstes Mal selbstständig. Ihr 17 Jahre älterer Mann, in dessen weltweit tätiger Firma sie 30 Jahre gearbeitet hatte, war geschieden und brachte vier Kinder in die Ehe – ein damals exotisches Familienmodell. «Ich heiratete zwar nicht im weissen Rock, aber meine Ehe hielt.» Als 64-jährige Witwe erfüllte sie sich mit dem «Hotel Eden» in der idyllischen Bucht von Spiez einen Lebenstraum. «Ich lasse immer Platz für Unverhofftes», so die 77-Jährige, die «keine Zeit zum Altwerden» hat.

Für Lisbeth Mathys erwies sich eine «Solo-Reise» jedenfalls als Wegweiser. Sie war 62 Jahre alt, als ihr Mann, in dessen Firma sie 30 Jahre lang tätig war, verstarb. Sie fühlte sich nicht als «altes Eisen» und glühte für die Idee, ihrem letzten Lebensabschnitt einen Sinn zu geben. «Ohne freudvolle Aufgabe altert man schneller», sagt Lisbeth Mathys in Solothurner Dialekt. Durch die Geschäftsreisen, auf die sie ihren Gatten (trotz Flugangst, aber aus Liebe) begleitete, hatte sie viel von der Welt gesehen, ihre Heimat hingegen kannte sie kaum. Sie ging auf Entdeckungsreise durch die Schweiz. Die unberührte Doppelbettseite, die zwei Teetassen beim Frühstück – alles erinnerte sie schmerzlich – und zunehmend ärgerlich – daran, dass sie allein war. Es war furchtbar. Lieblos. Das himmeltraurige Gesichtchen einer fremden, ebenfalls einsamen Frau im Speisesaal löste einen Geistesblitz aus: Ein charmantes Hotel, das auch auf Alleinreisende ausgerichtet ist! «Mach das!», befahl sie sich selbst und kaufte noch in derselben Stunde die «Hotel Revue» am Kiosk. Als sie alsbald am Bahnhof Spiez stand, erschöpft von der vergeblichen Hotelsuche und kurz davor aufzugeben, drehte sie den Kopf nach links, erblickte das «Hotel Eden» und wusste, das ist «mein» Hotel! Im September 2006 eröffnete sie, nach umfassenden Umbauarbeiten, ihr Jugendstil-Hotel, in dem jedes liebevolle Detail ihre Handschrift trägt. Sie erfüllt ihren Gästen all das, was sie selbst auf Reisen vermisste. Im Alter spüre sie eine Gelassenheit, die sie als junge Frau nicht kannte, und habe den Mut, sich selber zu sein. Eine Emanze sei sie gewiss nicht – wohl aber habe sie sich von ihren Ängsten emanzipiert. «Das Alter schiebe ich einfach nach hinten», schmunzelt die 77-Jährige, «die Ideen gehen mir nie aus!» Ähnlich ergeht es Helen Kirchhofer. «Ich suche die Langeweile und finde sie nicht!», erklärt sie, während ihr eine schimmernd-kupferrote Strähne ins vergnügte Gesicht fällt.

Fotografin: Nadine Strub