«Der Tee ist nur ein kleiner Teil des Ganzen.»

Vor fast dreissig Jahren führte ein Zufall Ursula Soko Kohli auf den Teeweg. Bei der japanischen Teezeremonie «Chado» hingegen ist nichts dem Zufall überlassen. Ein Augenschein.

Das lange Haar zu einem Knoten und den Obi fest um die Taille gebunden, kniet Ursula Soko Kohli vor dem gusseisernen Wasserkessel. Dampf des kochenden Wassers steigt auf und strömt an die Decke des kleinen Teeraumes. Leises Zischen. Blubbern. Das ist bereits bedeutsam für das traditionelle Ritual, das alle Sinne einbezieht. Mit einer behutsamen Ruhe reinigt die Teemeisterin die Utensilien mit dem kunstvoll gefalteten, orangen Tuch. Mit dem Bambuslöffel schöpft sie eine kleine Menge Matcha, fein zermahlener Grüntee, aus der Dose und gibt es in die Schale, einem prächtig verzierten Original aus Japan. Mit der Kelle giesst sie heisses Wasser hinein und schlägt den Aufguss mit dem Bambusbesen, bis ein seidiger Schaum entsteht. Der Gast verspeist eine japanische Süssigkeit, ehe er die Schale mit der grüner als grünen Flüssigkeit an den Lippen ansetzt. – So verläuft in groben Zügen ein Teil einer traditionellen Tee-Einladung, die vier Stunden dauert.

Umweg zum Teeweg
Ursula Kohli ist im Emmental aufgewachsen, «mit Milchkaffee». Als die fernöstlichen Lehren hierzulande aufkamen, interessierte sie sich für Judo. Und für schöne Dinge. Sie absolvierte die Kunstgewerbeschule. Durch Kunstbücher wurde sie auf das Thema Teezeremonie aufmerksam. Sie wollte mehr erfahren, doch das blieb ihr im Zeitalter, wo das Internet noch dem Geheimdienst vorbehalten war, weitgehend verwehrt. Durch Zufall flatterte ein Flyer in Kohlis Haus, der ein Teeseminar bewarb. Die damals 18-Jährige schlachtete ihr Sparschwein und machte sich mit zehn D-Mark in der Tasche auf die Reise in den Schwarzwald, ihr erster Auslandtrip überhaupt. Und ihr allererster Grüntee. Das Seminar brachte sie auf den japanischen Teeweg, von dem sie bis heute – fast 30 Jahre später – nicht abgekommen ist.

 

 

Sie hat die japanische Teezeremonie, deren Wurzeln im Zen-Buddhismus liegen, verinnerlicht: Ursula Soko Kohli aus Aefligen.

Ihre Ausbildung zur Teemeisterin hat sie unter anderem an der berühmten  Urasenke-Schule in Kyoto absolviert.

Schale voller Spiritualität
«Je mehr man weiss, desto interessanter ist es», findet Ursula, die rund 100 Varianten der Zeremonie kennt. In der internationalen Teeschule Urasenke lernte sie in zahllosen Stunden die Kunst der japanischen Teezeremonie und lebte ein Jahr lang im Land der aufgehenden Sonne. Dennoch hat sie nicht ausgelernt: «Man ist nie am Ziel, höchsten ein Schrittchen weiter». Die Familie Sen, Gründer der Urasenke-Schule, geht nunmehr in 16. Generation direkt auf den grossen Teemeister Sen Rikyu (1521–1591) zurück, der die Essenz der Teezeremonie mit vier Prinzipien zusammengefasst hat: Wa (Harmonie), Kei (Respekt), Sei (Reinheit) und Jaku (Ruhe). Der Grossmeister in 15. Generation machte den Teeweg nach dem Zweiten Weltkrieg im Westen populärer, mit dem Grundgedanken «Friede durch eine Schale Tee.» In keiner anderen Kultur ist die Mystik des Tees so stark verankert wie in der japanischen, ungebrochen bis heute. «Der Tee macht einen bescheidenen Teil des Ganzen aus, nebst Architektur,  Süssigkeiten, Keramik, Stoff, Bambus, Geschichte, Philosophie, …», zählt Ursula auf, was das Ritual ausmacht. Für eine angeregte Plauderei, ein Kaffeekränzchen, ist der Teeraum der falsche Ort. «Es ist sublim und berührt den Menschen in seinem Innersten.»

Japanisches Kunsthandwerk aus Aefligen
Als Ursula Kohlis Leidenschaft für Tee aufbrühte, konnte sie die Requisiten schlichtweg nicht beschaffen. Online-Shops gab es noch keine und zu teuer waren sie ohnehin, da hätte sie geradezu eine «Sparsöili»-Farm benötigt. Handwerklich geschickt, fertigt Ursula seither Utensilien wie Bambuslöffel einfach selber an. Holz, Papier und Textilien sind die Werkstoffe, die unter ihren Handgriffen Formvollendung annehmen. Wenn sie nicht werkelt oder in der Teeschule unterrichtet, baut sie an ihrem eigenen, aufwändigen Teehaus weiter. Bis das fertig ist, wird noch viel Wasser die Emme hinab und in den Teekessel hinein fliessen.

 

Fotografin: Nadine Strub