Familienschmuck: Emotionenschweres Erbe

Ein Funkeln erzählt von Liebe. Ein Flick erzählt von Verlust. Ein Kratzer erzählt von Nähe. Auf Samt gebettet in der Schatulle, zärtlich zugedeckt mit einem Staubschleier ruhen sie: der Ring der Mama, Opas Manschettenknopf oder die Kette der Tante. Irgendwann kommt die Zeit, den Staub weg- und neues Leben einzuhauchen. 

 

Sie sitzt auf einem kleinen Hocker, nahe bei Oma, und beisst sich auf die Zähne, sich fragend, wann die bedrückende Szenerie endlich enden möge. Sie will doch gar nichts haben, sagt sie wieder und wieder, widerwillig. Oma zieht bald ins Altersheim und räumt deshalb ihr grosses Haus. Mulmig ist es ihr in der Magengegend, als ihre Grossmutter beginnt, in der Schatulle herumzukramen, die auf dem antiken Schminktisch mit leicht geschwungenen Beinen und ovalem Spiegel steht. Sie will ihr unbedingt ein bestimmtes Schmuckstück vermachen, das ihr besonders viel bedeutet. Vererben aus warmer Hand. Warm ist sie, Grossmutters Hand, als sie Maja ein goldenes Kettchen vor die Augen hält, an dem ein tiefgrüner Jadestein baumelt. Grossmutter hatte ihn aus einem Manschettenknopf ihres verstorbenen Mannes anfertigen lassen. «Grossvater besass viele Manschettenknöpfe, doch diese waren seine liebsten», sagt Oma noch, ehe sie die Kette auf Majas Handfläche legt. Maja ist gerührt.

 

 

«Es sind die Erinnerungen, die den Schmuck erst kostbar machen.»

Und das ist sie auch heute, fünfzehn Jahre später, wenn sie das feine Goldkettchen wieder einmal sachte aus ihrem Schatzkästchen nimmt, hochhebt, um es nichts als anzusehen. Mit einem Blick auf den Anhänger erwachen tausende Erinnerungen. «Mit den Jahren hat das Schmuckstück für mich immer mehr an Bedeutung gewonnen, es ist so etwas wie heilig geworden», sagt Maja Halle, Redaktionsleiterin bei MIS MAGAZIN. Tragen tut sie es selten. Weil die Kette etwas zu kurz ist. Weil es schwer wiegt um den Hals. Nicht was die Gramme angeht, nein. Aber die Gefühle.

Ihre Bedeutung sieht man den Erbstücken nicht an, wirken sie doch meist alt, altbacken, angekratzt. Ihr Wert definiert sich über die emotionalen Geschichten aus der Vergangenheit, die sie erzählen. Denn diese sind meist Teil der eigenen Geschichte. Ideeller und materieller Wert liegen oft weiter auseinander als der nördlichste und der südlichste Punkt der Weltkugel. Daran vermögen auch die roten Flyer mit fetten Aufschriften wie «Altgold-Ankauf – sofort Bargeld» nichts zu ändern, die uns dann und wann vom Briefkastenschlitz aus anschreien.

Von aussen, wenn es geschlossen ist, sieht das, was Madeleine Arnold um den Hals trägt,  aus wie eine Taschenuhr aus vergangenen Zeiten. Öffnet man vorsichtig mit zwei Fingerspitzen den silbernen Deckel, kommt ein Brillant-Ringlein zum Vorschein. Es ist der Verlobungsring ihrer Mutter, geborgen gebettet auf zartrosafarbenem Wildleder, umrahmt mit alter Spitze. Seit ihre Mutter vor sieben Jahre verstarb, fristete der Ring in einem Schächtelchen ein friedliches, aber einsames Dasein. «Ich wollte ihn tragen, aber es fühlte sich einfach nicht richtig an», beschreibt Madeleine. Ihn verändern, das wäre auch nicht infrage gekommen. Mutter trug den Verlobungsring zeit ihres Lebens am Finger. Immer und immer. Auch, als der Ehering dazukam. «Er gehörte zu ihr. Deshalb musste er bleiben, wie er ist.» Madeleine sehnte sich danach, ihn auf eine andere Art zu tragen. Dann kam Sandra Elsig aus Thun ins Spiel: Aus antiken Taschenuhren, die sie überall auf der Welt in Brockenhäusern und auf Flohmärkten aufspürt, gestaltet sie liebevoll neue Unikate. Auf der einen Seite der Taschenuhr, die schätzungsweise aus dem Jahr 1920 stammt, hat sie den Ring eingeknüpft, auf der anderen ein Foto von Madeleines Eltern aufgedruckt, unter dem das Verlobungsdatum handgeschrieben steht: 17. August 1958. Ein Tag, den Madeleines Vater nie vergisst: Mit einem frischen Blumenstrauss machte er sich auf zu seiner Schwiegermutter in spe und bat um die Hand der Tochter. Seine Hände zitterten leicht vor Aufregung. Sie gab ihm den Segen, schliesslich «sei er ein guter Mann und könne gut jassen.» Diese Anekdote erfuhr Madeleine erst jetzt, da sie sich mit ihrem Vater über ihre Pläne mit Mamas Ring unterhielt. Dadurch hat das eingravierte Blumenbouquet, das den einen Deckel der Taschenuhr ziert, unverhofft eine Bedeutung bekommen. Wenn Madeleine mit einer Freundin ausgeht, wenn sie mit dem Hund durch den Wald spaziert, wenn sie mit ihrer Familie bruncht, immer dann trägt sie nun den Verlobungsring nahe beim Herzen. Für andere nicht sichtbar. «Es ist schade, wenn Erbstücke in der Schublade bleiben», findet Madeleine, guckt erneut in das Innere der Taschenuhr hinein und lächelt weich. «Durch das Tragen sind die Erinnerungen präsenter. Ich denke häufiger an sie.»

Eine Hommage an ihre Mutter: Madeleine Arnold aus Belp trägt den Verlobungsring

ihrer verstorbenen Mutter, eingebettet im Innern der antiken Taschenuhr, nun als Amulett.

 

«Gaben über Generationen»

 

«Schublade» lautete das Schicksal von Fabienne Righettis Goldring. 20 Jahre lang. Der Ring hatte bereits ein langes Leben als Armreif hinter sich: Ihre Tante erbte den verbeulten Armreif von der Grossmutter, die sehr früh aus dem Leben schied. Fabienne lernte sie nie kennen. Die Tante halbierte den Armreif kurzerhand, behielt die eine Hälfte und schenkte die andere der damals 18-jährigen Fabienne. Die Aufforderung «mach etwas daraus!» setzte Fabienne in die Tat um und liess einen Ring daraus schmieden – mit einem eigenwilligen Design. Aus heutiger Sicht einem «Chribel», den sie auf ein Blatt kritzelte und der Goldschmiedin als Vorlage abgab. Fabienne trug den selbst entworfenen Ring selbstbewusst und sah darüber hinweg, dass er sich andauernd in Pullovern verhedderte und so manches Blüschen auf dem Gewissen hatte. Irgendwann gefiel ihr das Gekritzel-Geschmeide nicht mehr – die Tiefen einer Schublade verschlagen ihn, während ein Souvenir aus Griechenland seinen Platz an Fabiennes Finger einnahm. Fast 20 Jahren später kam ihr der versorgte Ring wieder in den Sinn. Pfeilschnell entschloss sie sich, ihn zu neuem Leben zu erwecken und ihrer Tochter Noemi zu schenken. Komplett einschmelzen wollte Fabienne den Ring nicht, das hätte sie nichts übers Herz gebracht, sondern lediglich die Form verändern. Sie schlug Noemi eine Spiralform vor, doch davon wollte die 14-Jährige nichts wissen. Dank den Künsten des Thuner Goldschmieds Vollmer ist daraus nun ein filigraner, federleichter Ring geworden, auf dem ein quadratischer Schmuckstein funkelt. Das zweite Leben des Rings, der einmal ein Armreif war, hat an Noemis Hand gerade erst begonnen. Aus der anderen Hälfte des Armreifs machte Fabiennes Tante übrigens auch einen Ring, doch man munkelt, er halte in einem Schmuckkästchen Dornröschenschlaf und warte darauf, wachpoliert zu werden …

Erbstücke vom Urgrossvater, den man nur aus lebhaftenErzählungen und von längst vergilbten Fotos kennt, oder von der Mama, die den Ring stets anhatte, sogar wenn sie den Teig für ihre beliebten Spitzbuben geknetet oder im Garten die Wurzeln allen Übels unzimperlich gejätet hat – machen warm ums Herz. Es sind Schmuckstücke, die einmal jemand mochte, dem man selbst nahestand. Kaum ein Nachlass ist intimer, denn Schmuck liegt direkt auf der Haut. Doch was, wenn das Schmuckstück an das erinnert, was man zu vergessen versucht?

20 Jahre lang war der selbst gestaltete Ring, aus einem geerbten Stück Armreif, vergessen. Innert weniger Tage liess Fabienne aus Steffisburg ihn umarbeiten und schenkte ihn ihrer Tochter Noemi.

 

Umgestaltet und mit neuer Bedeutung aufgeladen: Aus Gaby Perrelets Ehering sind drei einzelne Ringe geworden, denen sie Leitsätze fürs Leben zuteilt.