Schöpferisch im Schlaf

Er ist wahrscheinlich einer der quersten Denker seit der Entdeckung der Horizontalen: Pascal Kolb ist ein Tausendsassa, der gerne mal aus dem (Bett-)Rahmen fällt. Er hat die Zeichen der Zeit nicht verschlafen und sorgt in der Region für gutes Erwachen. Morgen für Morgen  …

Gerade war er bei einem seiner Kunden, weil die Luft raus war – bei Matratzen kann das passieren, bei Pascal Kolb nicht; bei ihm ist alles andere als «die Luft raus». Seit 17 Jahren ist er Inhaber und Geschäftsführer vom «Bettencenter». Dass er es einmal von Berufs wegen mit Schlaf zu tun hat, hätte er sich nie träumen lassen. Als kleiner Junge malte er sich aus, im Führerstand der Lokomotive durch den Lötschberg zu brausen. Später einmal wollte er Feuerwehrmann werden. Feuer löschen, das tut er heute im übertragenen Sinn: Nämlich wenn einer seiner Kunden beispielsweise tröpfelnde Schwierigkeiten mit seinem Wasserbett hat. Statt in einem Hochgeschwindigkeitszug fand er sich an der Hobelbank wieder: Noch während seiner Lehre zum Schreiner entdeckte er sein Flair für gestalterische und planerische Aufgaben. Nach dem Abschluss tanzte er auf mehreren Arbeitsstellen gleichzeitig, wie andere auf Hochzeiten. Er verdiente seine –manchmal sauren – Brötchen als Bauarbeiter, Fitness-Trainer oder Barkeeper. Aufgewachsen im ländlichen Idyll von Matten bei Interlaken, galt er schon als «Fernreisender», wenn er einmal für Jobs nach Muri oder Grindelwald fuhr. Die Zeilen «Gesucht in Heimberg: Mitarbeiter für den Verkauf von Wasserbetten» waren der Beginn seiner «Bettgeschichte», die weitaus länger dauern sollte als nur eine Nacht.

Per Fax zum Geschäftsführer
Er bekam die Stelle, eigentlich nur als Aushilfe. Doch der Chefin blieb sein Verkaufstalent nicht verborgen. Irgendwann verkaufte er so viele Betten, dass das kleine Montage-Team mit der Auslieferung hinterherhinkte. Es knisterte und knatterte, als Pascal am 1. April 1998 ein Fax empfing: «Herzliche Gratulation zum Geschäftsführer!» Er musste sich die Verwunderung aus den Augen reiben und hielt dies für einen Scherz, bis seine Chefin mit Prosecco und Pflichtenheft im Türrahmen erschien … Rund ein Jahr später wagte er den Sprung in die Selbständigkeit und gründete die Bettencenter GmbH. Im selben Jahr stellte er an der «OHA» aus. Dort schlossen andere Aussteller hinter vorgehaltener Hand Wetten ab, wie lange sich der «komische Typ in Flip-Flops» auf dem Markt halten würde. Doch Pascal fiel nicht durch den Rost. Im Gegenteil, er machte mit verrückten Aktionen von sich reden und lieferte den Anstrich für seinen Ruf als bunter Hund gleich selbst. Zum Beispiel liess er seinen Firmenwagen so wild mit Graffiti besprayen, dass manch ein grauer Greis sein Bedauern ob dem Bunten kundtat, man möge die «Vandalen» fassen und hart bestrafen! Oder als sich ein Mitstreiter als «Nr. 1» rühmte, beklebte Pascal seine Autos und Schaufenster kurzerhand mit der Aufschrift «Nr. 2». Teils mit Schmunzeln auf den Lippen, teils mit gerümpften Nasen beäugten die Messebesucher seine Installation mit einem Skelett auf Satin gebettet: «Bei uns liegen Sie so gut, dass Sie gar nicht mehr wieder aufstehen wollen.» «Mit Wagemut haben solche Aktionen wenig zu tun», findet der 43-Jährige, «Vielmehr steckt die Absicht dahinter, anders sein zu wollen und sich nicht in Schemen pressen zu lassen.» Gerade beim Autofahren parkieren viele Ideen in seinem Kopf. Die visionärsten Möglichkeiten sieht er mit geschlossenen Augen – während er schläft. «Der Umzug nach Uetendorf, weg vom gut frequentierten Standort in der Stadt Thun, war eine Vision», erinnert sich der zweifache Vater.

Bettencenter, Schaffensort und Zuhause zugleich: Berät er gerade keine Kunden, tobt sich der 43-Jährige in seinem neuen Industrie-Loft in Uetendorf kreativ aus. 

«Guter Schlaf ist keine Frage der Dauer, sondern der Qualität.»

Zuhause in der Designfabrik
Seine Vision hat er am 1. Januar dieses Jahres in die Tat umgesetzt. Er empfängt seine Kundschaft fortan in seinem Industrie-Loft – auf Vereinbarung, die Öffnungszeiten hat er abgeschafft. Alle Sinne sind im Schlüsselumdrehen hellwach, wenn sich im zweiten Stockwerk des Hauses an der Riedernstrasse 9 die Tür öffnet: Auf 250 m2 gibt es nicht nur verschiedenste Schlafunterlagen zu entdecken, sondern auch Möbelstücke, designt von Pascal. Der Blick wandert über das schwarze Cheminée, vor dem ein Sessel aus Paletten die Lust weckt, sich einfach darauf fallen zu lassen, weiter zur purpurnen Küche, wo sich Pascal gerade einen Espresso rauslässt. Spätestens wenn man am massiven Holztisch sitzt und den Details einen zweiten Blick schenkt, dämmert es einem: Pascal Kolb wohnt hier! Der «Schlaf-Optimierer», wie er sich selbst nennt – zumal seine Dienstleistungen weit über den Verkauf von Betten hinausgehen – berät seine Kundschaft also in seinem persönlichen Wohnzimmer! Wenn es nach dem kreativen Kopf von Kolb geht, finden bald auch Leute den Weg in die Designfabrik, die selbst ein Paletten-Möbel bauen oder einer Skulptur schweissen wollen. Er hat eine Lounge für drinnen oder draussen aus Euro-Paletten entwickelt, deren Sitz- und Rückenpolster aus Matratzen-Rohlingen gefertigt sind, dazu passende Salontische. Er zeigt auf die Metallplatte auf der Sessellehne, wo man «gäbig» ein Glas abstellen kann: «Das System ist so einfach, dass alle ihr eigenes Lounge-Sofa bauen könnten.» Daher rührt seine Idee, Workshops für Paletten-Design anzubieten. «Ein bisschen Schweissen, Hämmern und Schleifen – und nach ein paar Stunden, mit etwas Staub auf den Wangen, sein eigenes Möbel mit nach Hause tragen – warum nicht?», fragt er in die Weite des Lofts. Gut möglich, dass er dann für alle Spaghetti koche. Durch seine Nachbarschaft zu einem Schweisser-Atelier, hat er das Gestalten mit Metall für sich entdeckt und lässt nun in freien Stunden Ideen und Funken um die Wette sprühen. «Etwas Neues erschaffen, und sei es aus einem alten Fass, einer Euro-Palette oder Restmetall, begeistert mich», erklärt er und schaut durch die Glasscheibe hindurch in den hinteren Teil des Raumes. Hier stehen ein halbes Dutzend Bettgestelle mit Matratzen, die in ihrer Beschaffenheit unterschiedlicher sind, als man es für möglich hielte.

Er designt Lounge-Möbel aus  Paletten, gestaltet Wanddekorationen aus Restholz oder lässt beim Schweissen die Funken sprühen.

 

Anders sein, denken & handeln ist eine innere Grundhaltung.

Mehr als ein Möbelstück
«Ich pflege den Kundinnen zu sagen: Bei uns finden Sie von der Matratze bis zum Kissenbezug alles, ausser den passenden Mann», erzählt Pascal schelmisch. Seinen Rat suchen Leute, die ein neues Bett brauchen, weil das alte durchgelegen ist oder sich die Anforderungen an die Schlafstätte verändert haben, zum Beispiel durch ein Schleudertrauma oder altersbedingte Gebrechen. Gesunder Schlaf sei aktueller denn je, Burnouts sind häufiger geworden, was auch mit der Schlafqualität zusammenhänge. «Ist das Bett optimal, schläft man tief und fest durch, bis der Wecker klingelt – und geht nicht auf die Toilette. Jeder Toilettengang, der wenige Minütchen andauert, kostet 30 bis 40 Minuten Erholung», erklärt er und skizziert die Schlafphasenkurve auf ein Papier. «Eine Matratze kauft man nicht hopphopp, sie ist schliesslich etwas sehr Individuelles, vergleichbar mit einem hochwertigen Massschuh!» Schlaftyp – Bauch-, Rücken- oder Seitenschläfer – Gewicht, Körpergrösse und Alter sind entscheidende Faktoren bei der Matratzenwahl. «Wenn Paare auf der selben Matratze schlafen, ist einer der beiden Personen höchst kompromissbereit.» Dank jahrzehntelanger Erfahrung ist seine Trefferquote bei Empfehlungen beachtlich, jeder Kunde testet im Schnitt drei Matratzen, bis er sein Modell kauft, ausgeschlafen, versteht sich. Wer ins Bettencenter kommt, geht nämlich nicht mit einer Matratze heim: Pascal besteht darauf, dass seine Kunden jede Matratze, die infrage kommt, mindestens eine Woche ausprobieren. Erst dann verkauft er sie – per Handschlag. Er sei wohl der einzige «Lättli-Gegner» der Schweiz, verkündet er. Der Lattenrost werde überbewertet: «Eine Highend-Matratze könnte genauso gut auf einer Euro-Palette aufliegen!» Pascal war selbst bereits in Entwicklungsprozesse von Matratzen involviert, die Hersteller schätzen seine Erfahrung – und dass er keine «Daune» vor den Mund nimmt. Das gilt auch für Kritik an der Gesellschaft: «Wäre ich Bundesrat, würde ich mehr geschützte Arbeitsplätze für behinderte oder psychisch angeschlagene Menschen fordern!» Sein eigenes Engagement brachte ihm bereits vier Nominationen für den «Thuner Sozial-Stern» ein. «Bei anderen wächst im Alter graues Haar, bei mir die soziale Ader», sinniert Pascal, der die Schattenseiten des Lebens nicht nur vom Hörensagen kennt. In Zukunft sorgt er nicht nur für tieferen Schlaf, sondern auch für längere Nächte: Sein jüngstes Projekt, mit dem er die regionale Musikszene aus dem Dornröschenschlaf wecken will, heisst «The Selve». Dass man von ihm noch viel hören wird, ist so sicher wie Matratzen zwei Seiten haben.