Vegan, frei von Dogmen

Vor zwei Jahren brutzelten noch saftige Steaks und knackige Würste auf ihrem Grill, jetzt ist Sandra Wälchli Veganerin. Wie ihr der Appetit auf Fleisch vergangen ist – und warum sie Lederschuhe trägt.

Das ist jetzt also dieser Kühlschrank!», entfährt es Kollegen von Sandras 19-jähriger Tochter, wenn sie bei ihr zuhause zu Besuch sind. Obwohl Veganismus hierzulande Wurzeln geschlagen hat, gleicht ein «tierloser» Kühlschrank immer noch einer Attraktion. Bei Sandra Wälchli findet man weder Eier noch Milchprodukte, höchstens mal ein «Plätzli» für die Tochter. Das war nicht immer so: An lauen Sommerabenden grillierte sie mit Freunden Berge von Fleisch, «viel zu viel», wie sie heute meint. Fleisch gehörte seit ihrer Kindheit zum Essen dazu wie Teller und Gabel. «Irgendwann hat es mich angewidert und das Fleisch hat mir gar nicht mehr geschmeckt», erinnert sie sich an das «Steak des Anstosses». Eines schönen Abends, mitten in der Grillhochsaison, die Fleischreste verkrusteten noch auf dem Rost, beschloss sie von innen heraus: Jetzt ist Schluss, ich esse kein Fleisch mehr! Hinzu kam, dass sie beim Zappen zufällig auf Reportagen über Massentierhaltung stiess. «Zum ersten Mal wurde mir schonungslos bewusst, was Fleischkonsum eigentlich bedeutet.»

Entscheidung ohne Zögern
Sandra lebte bereits zwei Monate vegetarisch, als sie eines Morgens aufwachte und sich augenblicklich entschied, fortan ganz auf tierische Produkte zu verzichten. Auf was sie sich einliess, wusste sie nicht so genau. Beim Einkaufen steht sie öfters zwischen den Regalen, die langen Listen an Ingredienzen lesend. Anstrengend? Nicht die Bohne! – Die meisten Lebensmittel findet sie beim Grossverteiler, speziellere Leckerbissen in Reformhäusern oder bei «Eva’s Apples», dem neuen Shop in der Berner Altstadt. Schwarz auf Gold steht dort ihr Name an einem Regal, weil sie mittels Crowdfunding zur Eröffnung beitrug. Crowdfunding (zu dt. «Schwarmfinanzierung») ist die trendige Art, um (Herzens-)Projekte zu finanzieren. Via Internet-Plattformen finden die Initianten ihre spendablen Förderer und belohnen diese mit Goodies für ihre Gabe, wie zum Beispiel bei Sandra mit einem «eigenen» Regal.

Veganismus und Vielfalt beissen sich nicht
«Ich bin keine Aktivistin, die Flyer verteilt, sondern lebe vegan für mich selbst.» Erwähnt Sandra, sie sei vegan, rechtfertigen sich viele von sich aus, warum sie Fleisch essen und betonen, sie würden – wenn überhaupt – nur Bio kaufen. «Würde das alles stimmen, bliebe das Aktionspoulet aus Ungarn in der Fleischtheke liegen …» Die Reaktionen in ihrem Freundeskreis fielen verschieden aus: Die Einen konnten sich kaum mehr vorstellen, für Sandra zu kochen, die Anderen überraschten sie sogar freudig mit einem veganen Menü. «Die Leute sehen im ersten Moment die Möglichkeiten nicht, nur den Verzicht. Daher rühren gewisse Vorurteile», stellt sie fest. Ihre Geschmacksknospen haben sich durch die Ernährungsumstellung verändert. Erwischt Sandra mal eine Essware, die Butter enthält, schmeckt sie das sofort. Im wahrsten Sinn regt sie sich nicht über jeden Quark auf, sondern sieht es pragmatisch. Auf Safari in Afrika würde auch sie Fleisch essen, mangels an Alternativen: «Die Tiere, welche die Jäger in freier Wildbahn schiessen, sind nicht unter kritikwürdigen Bedingungen herangezüchtet, einzig um den Fleischhunger zu stillen – das macht den Unterschied. Aber hier, in unserer Gesellschaft, haben wir die freie Wahl, was wir essen.» Die Auswahl fällt ihr indes leicht. Vegane Ernährung sei langweilig, ist ein Irrtum. Sandra hat die Vielfalt an Gemüsen und Gewürzen neu entdeckt. Zum Frühstück geniesst sie Müesli mit Sojajoghurt statt Butter-Gipfel. Das wirkt sich positiv auf ihre Kalorienbilanz aus: Als angenehmer Nebeneffekt sind bei Sandra die Pfunde gepurzelt. «Ich fühle mich fitter und wacher, obwohl ich mehr esse als vorher.» Schwieriger gestaltet sich der bewusste Verzicht bei der Mode – die schönsten Schuhe sind aus Leder! Sandra trägt ihre alten Kleidungsstücke weiterhin, auch die Lederboots. Diese jetzt einfach wegzuwerfen, fühle sich falsch an. Schwarz oder weiss, das gibt es auch im Veganismus nicht. «Ich leiste meinen kleinen Beitrag gegen Tierquälerei, Treibhausgase und für bewussten Konsum – so wie es für mich stimmt.»

 

 

 

Sandras veganes Lieblingsrezept

 

 

Zutaten

Zwiebeln & Knoblauch
Dinkel- oder Vollkornteig
Gemüse (z. B. Rüebli, Blumenkohl, Mais, Peperoni)
Sojasauce & Sojasahne
Fester Tofu (Räucher-, Kräuter- oder Naturtofu)
Frische Kräuter
Korianderpulver, Kurkumapulver & Chili (Schoten oder Pulver)
Olivenöl

 

Zubereitung
Gemüse und Tofu würfeln. Den Ofen auf 180 Grad vorheizen und den Teig auf das Blech legen. Zwiebeln und Knoblauch in einer Pfanne mit Öl glasig dämpfen. Gemüse und Tofu dazugeben und kurz umrühren. Mit etwas Sojasauce ablöschen. Wasser  dazugeben, sodass der Pfannenboden knapp bedeckt ist. Hitze reduzieren, den Deckel auf die Pfanne legen und ca. 5 Min. weiter dünsten. Danach mit Kurkuma, Koriander und Chili würzen, je nach Gusto. Nochmal umrühren und die Masse inkl. Fond auf dem Teig verteilen. Die Teigränder auf das Gemüse nach innen legen. Im Ofen bei 180 Grad ca. 25 – 30 Min. backen, bis der Teig goldbraun und knusprig ist. Wenige Minuten vor dem Servieren mit etwas Sojasahne verfeinern und den Kuchen noch kurz im Ofen lassen. Dann aus dem Ofen nehmen, in Stücke schneiden und anrichten! Auch toll als kalte Mahlzeit am nächsten Tag!