Bier, ganz feminin

Sie sind so etwas wie die Schaumkronen der neuen femininen Bierkultur: Anna Rohrbach schärft als Bier-­Sommelière ihre Sinne für Gehopftes und Eveline Locher braut das «Wyberbier» gleich selbst.

Bierliebhaber aus der ganzen Region pilgern am Feierabend zur «Predigt» von Anna Rohrbach, wobei es nicht um Wasser und Wein, sondern um Wasser, Hopfen und Malz geht. Sie arbeitet als Bier-Sommelière in der Bier-Bar «Erzbierschof» im Berner Liebefeld. Die Mission: Den Biergenuss zelebrieren, mit einer variierenden, erlesenen Sortenvielfalt. Ein Gast steht an der Theke und fragt nach einem «frisch-fruchtigen» Bier. Anna weiss, wonach er dürstet und gibt ihm einen Schluck zum Probieren, ehe sie den Kelch mit dem Gerstensaft befüllt. Sie selbst hat in ihrer Ausbildung zur Bier-Sommelière das Biertrinken professionell erlernt. «Ich bin nichts weiter als eine Bier-Beraterin», erklärt Anna den (noch) exotischen Job und legt einen Bierdeckel auf den Tisch. «Liebe dein Nächstes wie dich selbst» steht darauf – und «Manchmal auch Scherzbierschof». Die Entstehung des jungen Berufes geht einher mit der steigenden Wertschätzung des goldgelben Kulturgetränks, denn Bier ist nicht gleich Bier: Noten von Tabak bis Lavendel erobern ungeahnte Aromalandschaften, wo einst die Geschmackswüste ödete. «Tasting», das beim Wein längst zum guten Ton gehört, findet vermehrt auch beim Bier Anklang.

Prost mit einem kühlen Pinken!
Anna zapft ein Bier, dessen Farbe an Sirup erinnert: Ein belgisches «Framboise», verfeinert mit frischen Himbeeren – eine Rarität, wie so vieles bei «Erzbierschof». Die Auswahl an Bieren im Offenausschank ändert sich, sobald ein Fass leer ist. Die aktuellen Füllstände sind auf der Webseite ersichtlich. «Dieses Bier ist das beste Beispiel, um Geschlechterklischees zu zerschlagen: ganze Horden von ‹gestandenen› Männern bestellen es!», erzählt sie und hebt das Glas in die Luft. Nebst Farbe, Schaumkonsistenz und Geruch beurteilt sie selbstverständlich den Geschmack. Geht es darum, diesen treffend zu beschreiben, gibt es keine Tabus: «Was der Weinsommelier als animalische Note bezeichnet, nennen wir unverblümt Miststock oder Pferdeschweiss.» Ein weiterer Unterschied ist, dass der Biersommelier kein Spuckgefäss neben sich stellt: Er trinkt das Bier bei der Verkostung, weil manche Sorten erst in der Kehle einen weiteren Gout entfalten. Bier war für Anna übrigens keine Liebe auf den ersten Schluck: Das erste Helle kostete sie einige Überwindung. Heute hebt sie leidenschaftlich gern ein kühles Blondes, beispielsweise ein fruchtig-bitteres Pale Ale. «Ein gutes Bier gehört ins Glas, sonst gehen 70% des Geschmacksbouquets verloren», empfiehlt die 31-Jährige. «Einen edlen Tropfen Wein trinkt auch niemand direkt ab der Flasche!» Anna hat sich zwar mal im Bierbrauen versucht, geschmeckt hat es allerdings nicht. Erfahrung mit ungeniessbarem Gebräu hat auch Eveline Locher, was aber lange Jahre zurückliegt.

 

 

Emmentals Biermeisterin und ihr «Köbu»
Für ein Dorffest kam sie gemeinsam mit ihrem Mann Stephan auf die Schnapsidee, ein eigenes Bier zu brauen. Der Versuch misslang zwar, jedoch war das Interesse für den «Hopfentee» angerührt und gab den Ausschlag, dass sie sich weiter mit dem Brauwesen beschäftigten. «Andere besuchen einen Backkurs, ich einen Braukurs – die Zutaten sind ja dieselben», sagt Eveline Locher. Ihr Mann tat es ihr gleich und so unternahm das Paar alsbald erste Brauexperimente auf der heimischen Terrasse in Konolfingen. Ihre Tüftelei blieb nicht unbemerkt, sodass sich immer mehr Leute für das Bräu aus der Nachbarschaft interessierten. Als sich die Flaschen im Wohnzimmer türmten und die Küche allmählich wie eine Gärkammer aussah - und vor allem roch, entschieden sich Lochers ihre bierige Leidenschaft mit einem eigenen kleinen Braulokal zu stillen. «Es macht Freude, Bier nach ganz eigenen Vorstellungen zu produzieren und Neues auszuprobieren» so die dreifache Mutter. Mittlerweile umfasst das Angebot von «Mein Emmental» rund 30 Sorten, wovon jeweils fünf bis acht im Online-Shop verfügbar sind. «ä Röbu», «ä Böbu» und «ä Köbu» sind drei Braulinge aus ihrem Kessel. Ebenso wie «es Gattligs» und «ä Chätzer», benannt nach urigen Emmentaler Ausdrücken. Auch ein «Wyberbier» fehlt nicht im Harass, besonders süffig mit Orange und Ingwer.

Eveline Locher stellt die Biere aus regionalen Zutaten mittels Flaschengärung her, weshalb jedes ein Unikat ist. Als Frau bewegt sie sich allein unter männlichen Braukollegen, was sie aber nie als Nachteil empfunden hat. «Im Gegenteil: Als Frau falle ich auf und komme sofort ins Gespräch!» In ihren Seminaren bringt sie den Leuten das Bier näher, insbesondere den Frauen. «Viele stellen gleich zu Beginn klar, dass sie überhaupt kein Bier trinken, zeigen sich dann aber aufgeschlossen, doch das eine oder andere zu kosten. Männer hingegen sind festgefahrener und bleiben bei ihrem Standardbier.» Früher bevorzugte sie mild-fruchtige, heute herbe, bittere Biere mit schönem Hopfen. «Oder ein dunkles Bier, zuhause vor dem knisternden Kamin – wohltemperiert auf rund 14 Grad, denn ein gutes Bier ist auch warm fein», schwärmt sie, während sich in ihrem kreativen Kopf bereits die nächste Bieridee zusammenbraut …

 

 

Eveline Lochers Biermarinade

Zutaten
(für 300 g Fleisch)
250 ml dunkles Bier (z. B. «Hagu Hans» von «Mein Emmental»)
2 EL Öl
1 Knoblauchzehe
1 TL Oregano
1 TL grobes Meersalz (z. B. «Fleur de Sel»)
1/2 TL Pfeffer
1/4 TL Cayennepfeffer

Zubereitung

Den Knoblauch pressen und mit den übrigen Zutaten in einer Schüssel mischen.  Das Fleisch, z. B. Beefsteak, dazugeben und mindestens zwei Stunden im Kühlschrank marinieren (im Idealfall über Nacht). Das marinierte Fleisch auf dem Grill garen.

 

Weitere kreative Bierrezepte, wie z. B. für Bierbrot, gibt es hier.