Kostüme machen Charaktere

Mit der passenden Kleidung streifen Künstler ihre Rollen buchstäblich über: Die Kostüme sind narrative Elemente statt blosse Anziehsachen. Mareike Delaquis Porschka erzählt den Stoff von «Sugar» auf der Thuner Seebühne mit 200 Kostümen.

Die Wand ist die Bühne ihrer Skizzen: Im Atelier der Thunerseespiele hängen Figurinen, mit schwarzem Stift silhouettiert, mit keckem Ausdruck … als würden sie zum Leben erweckt, wenn der Sekundenzeiger zum nächsten Mal springt – tanzend, singend, liebend und leidend!

Stoffliche Widersprüche
Die Figurinen zeigen Sugar Kane – in der rund 57-jährigen Originalfassung von Billy Wilder gespielt von Marilyn Monroe –, Joe, Jerry und weitere Protagonisten der diesjährigen Musical-Inszenierung am Thunersee. Ob für die glamouröse Sugar Kane, den arbeitslosen Dompteur oder die Bettler, entworfen hat sie Kostümbildnerin Mareike Delaquis Porschka. Vom Söckchen bis zum Hut kreiert sie einen epochengetreuen und zugleich eigenständigen Look, wobei das Gesamtbild, auch aus der hintersten Zuschauerreihe betrachtet, harmoniert. «Ich denke in grossen Bildern, in Atmosphären und investiere sehr viel Zeit in die Recherche», umschreibt sie die Anfangsphase ihres Schaffens. Die 34-Jährige ist seit ihrem Kostümdesign-Studium an der Fachhochschule Hannover für verschiedene Projekte im Musiktheater- und Filmbereich tätig. Als neugieriger Mensch sammelt sie Eindrücke, sei es vom Punk im Bus oder von der Dame im Café. Aus diesen Puzzleteilen entwickelt sie eine Vision davon, was die Leute im Chicago der 1929er-Jahre trugen: wild, röhrend und voller subtiler Widersprüche. «Die 20er-Jahre waren nicht für alle goldig, was auch die Kostüme widerspiegeln», erläutert sie. Diese entstehen in enger Zusammenarbeit mit dem Regisseur Werner Bauer, der die Dualität der «Roaring Twenties» in den Fokus rückt.

Fein säuberlich aufgerollt liegen im Thuner Atelier meterweise Textilien bereit: sanfte in Softeisfarben, aber auch schwere in Mausgrau. Licht und Schatten, Glanz und Elend, Chicago und Miami werden in Stoff geschlagen. 

Stärke für Schwächen
«Im Gegensatz zum Modedesign geht es beim Kostümbild mehr um die Schwächen als um die Stärken der Menschen», zieht Mareike eine feine Naht. «Viele Figuren sind, oft auf den zweiten Blick, nicht makellos. Dies im Kostümbild auszudrücken, fasziniert mich.» Die Herausforderung besteht darin, die Eigenschaften optisch zu unterstreichen, manchmal auch zu überzeichnen. Wie sieht ein Dieb aus? Wie ein Mörder? … und wie zwei Musiker, die sich als Frauen ausgeben? Mareike beantwortet diese Frage zum Beispiel mit schwerroten Mänteln oder schwingenden Tüllkleidchen. Plot der melancholischen Komödie ist, dass die arbeitslosen Musiker Joe und Jerry vor dem Gangsterboss Spats Palazzo flüchten und in femininem Übergewand in der Damenkapelle der hinreissenden Sugar Kane untertauchen. Natürlicher als das Blond von Marilyn, dass sich alle beide Hals über Kopf in sie verlieben … Ob und wann die Wollüstigen im Damen­pelz auffliegen?

«Ich denke in grossen Bildern, in Atmosphären und investiere sehr viel Zeit in die Recherche.»
Mareike Delaquis Porschka

Von der Büste auf die Bühne
Seit wenigen Wochen laufen die Nadeln der sechs Schneiderinnen warm für «Manche mögen‘s heiss». Nähend und stickend halten sie ein Stück Kultur lebendig: Sie beherrschen ein Handwerk, das heutzutage ausserhalb von Theater und Musical kaum mehr Raum findet. Das Nähen an sich zählt nicht zu den Kernaufgaben der Kostümbildnerin. «Konzept und Entwurf stehen für mich im Vordergrund, Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten lasse ich erst mal aussen vor – ich will mich davon nicht in Fesseln legen lassen», so Mareike. Ein unbeschreibliches Gefühl, wenn sie das Ensemble erstmals in ihren Kostümen auf der Bühne sieht! «Dann kommt raus, ob noch die eine oder andere Naht zwickt», sagt sie scherzhaft. Nebst der Optik spielen auch Komfort und Widerstandsfähigkeit wichtige Rollen – die Kleidung muss sowohl Choreographie- wie auch Wetterkapriolen saumhalten.

Die Millionäre tummeln sich im mondänen Miami, mittendrin Sugar Kane in einer cremeweissen Robe aus stoffgewordenem Zucker. Die einzelnen Pailletten knistern wie Zuckerkristalle, wenn man mit den Fingerspitzen darüber gleitet.

Eine Kreation, die nicht erst säuselnd bittet, «I wanna be loved by you», sie schiesst ihren Liebespfeil ins Herz der Musiker – und der Zuschauer. Was tut Mareike, wenn sie nach der Premiere ihre Kostüme in die Musicalwelt entlässt? Gewiss sitzt sie das eine oder andere Mal im Publikum. Von Spiez, wo sie mit Mann und Sohn lebt, ist es nicht weit zum Seeufer, über dem sich von Juni bis August 2016 der Himmel allabendlich rosa färbt, süss wie «Sugar».

 

Ladet hier das Schnittmuster für ein stilechtes Kleid der «Roaring Twenties» herunter, designt von Kostümbildnerin Mareike Delaquis Porschka.