Wo die Tomaten röter leuchten

Pflugloser Ackerbau, Stadthofladen und Bio-Abo: Bei Familie Hänni reifen die Ideen wie die Gemüse im Gewächshaus. Dabei hatte Bernhard Hänni noch nicht einmal Zeit, alle zu pflücken.

Bevor er auf den Weg zur Schule einbog, machte Bernhard Morgen für Morgen einen Umweg zu den Nachtschattengewächsen: Zum Beet, wo ihn die Stauden überragten und die roten Beeren verlockten. Hinter einem Stängel versteckte er ein kleines Büchslein mit Streuwürze. Wenn sich seine Eltern lautstark wunderten, warum die Tomaten wohl nicht reiften, schaute er harmlos in eine andere Himmelsrichtung. Tomaten «schnouset» Bernhard Hänni immer noch für sein Leben gern, nur nicht heimlich und ohne Streuwürze. In Noflen, weit ab vom Schuss, führt er mit seiner Frau Iris einen Hof mit biologischem Gemüsebau. Man müsse lesen, was im Lehrbuch steht, und es genau umgekehrt machen, provoziert der umtriebige Gemüsegärtner.

Pioniergeist über Generationen

1969 übernahmen seine Eltern das Gehöft mit Milchwirtschaft – und bemüssig­ten die Bauern in der Nachbarschaft sodann, mit dem Finger auf sie zu zeigen: Sie stellten den Betrieb auf biologische Landwirtschaft um. Das war über 20 Jahre bevor «die Knospe», das Bio-Label von «Bio Suisse», staatlich anerkannt wurde. Weil seine Mutter passionierte Gärtnerin war, sei es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sie im Boden «chräbbelet» – der Beginn einer langen Gemüsetradition im «Chrömeli». Wohl den Pioniergedanken seiner Eltern in sich tragend, zählte Bernhard zu den ersten überhaupt, die Ende der 90er-Jahre die Ausbildung zum Bio-Landwirt abschlossen. Zuvor aber genoss er eine Lehre in konventioneller Landwirtschaft. «Ich wollte mich nicht in der einen Spur festfahren, sondern mir bewusst werden, warum ich das Eine tue und das Andere lasse.»

«Knackige Vielfalt: Auf 7 Hektaren gedeihen 200 Gemüse­sorten.»

Von Fahr- zu Blühspuren

In der Garage stehen lässt er den Pflug: Bernhard Hänni hat in sieben Jahren Tüftelei ein eigenes Anbausystem entwickelt, mit dem er die gesamte Ackerfläche pfluglos kultiviert. «Wir haben festgestellt, dass die Gesundheit des Bodens leidet, je stärker wir diesen bearbeiteten», so Hänni über die Wurzel des Stolperns. Anbaufläche und Fahrspuren, die er dauerhaft begrünt, sind konsequent getrennt. Die Spuren sind dadurch leichter befahrbar und das Bodenleben bleibt unversehrt. Die Regel ist einfach: «Da, wo ich fahre, pflanze ich nicht – da, wo ich nicht fahre, pflanze ich.» Die kleinen und deshalb spritsparenden Maschinen dafür schraubte er teilweise selbst zusammen oder gab sie als Sonderanfertigung in Auftrag. So wie den selbst ausgeheckten «Geohobel», dessen Prototyp eine österreichische Firma mittlerweile in Serie produziert. Schon in kurzer Zeit haben sich die Bodenstruktur und die Pflanzengesundheit so verbessert, dass noch weniger Pflanzenschutzmittel nötig sind. Sein Mut und seine Hartnäckigkeit wurden kürzlich mit dem Förderpreis «Grand Prix Bio Suisse» belohnt. «Dabei hatte ich mich erst in letzter Minute durchgerungen, mich zu bewerben», lacht er zufrieden. Auch das Gemüse scheint zufrieden, dass es links und rechts blüht: 200 Sorten wachsen übers Jahr auf Hännis sieben Hektaren. Artischocken, Brokkoli, Fenchel, Picknick-Gurken, Sellerie … «und Chili!», ruft die zehnjährige Tochter Lorena durch die Gewächshallen.

Bernhard und Iris Hänni, mit ihrer Tochter Lorena, lehren Geniesser, was Frische wirklich ist

 

 

Vom Land in die Stadt

Früher pflanzte Familie Hänni 15 Sorten Tomaten an. «Aber heute, wo sich die Grossverteiler mit Farben und Formen gegenseitig den Rang abzulaufen versuchen, begehrt der Konsument eine normale, aber geschmackvolle Tomate», weiss Bernhard und zupft an einem Cherry-Zweig. Zwei Reihen weiter spriessen Sorten wie «Berner Rose» oder «Froschkönigs Goldkugel». Der Durchgang zwischen den Gewächshäusern führt zum Giesswasserspeicher, wo Karpfen nach Mücken­larven schnappen. 600 m3 gesammeltes Dachwasser sind bereit, um schlaffe Blättchen munter zu machen. Von hier aus reicht die Aussicht, über Felder und kleine Weiler, bis nach Thun. «Wir haben unsere Kunden im Blick», merkt Bernhard scherzhaft an. Damit deutet er den Bio-Stadthofladen an, den er in Thun führt. In einem Gebäude, vis à vis vom «Zentrum Oberland», tut sich die ganze bunte Palette an Gemüsen auf, die Familie Hänni produziert. Nicht nur Knack­frisches, sondern auch Eingemachtes wie Konfitüre oder Trockenobst, sorgfältig zubereitet von Iris, steht hier in den Regalen. Bio-Milchprodukte von Partnern, die ihre Philosophie mittragen, ergänzen das Sortiment. Als Bernhard vor geraumer Zeit mit der Marktfahrer-Tradition gebrochen hat, um den Laden zu eröffnen, tat er dies nicht ohne Herzklopfen. «Aber ich sehe unsere Zukunftschance in der Direktvermarktung.»

«Kreisläufe schonend schliessen, aus Achtung vor der Natur.»

Bio im Abo – per Velo und Post

Eine Ansicht, die ihn schon vor Jahren Neuland befahren liess, um sein Gemüse auf die Teller zu bringen: Wer keine Zeit zum Einkaufen oder Lust auf eine gesunde Wundertüte hat, löst ein «Genuss-Abo». Der Velokurier pedalt das Vitamin-Paket, prallgefüllt mit mindestens zehn verschiedenen Gemüse- und Obst­sorten, jede Woche direkt vor die Haustüren der über hundert Abonnenten. Seit Oktober 2015 kommt auch die Thuner Agglomeration in den Genuss der Nofler Naturwunder, wenn der «Pösteler» läutet, denn er stellt dort die Gemüsetaschen zu. Bernhard war einer der Ersten, die für diesen Service mit der Post zusammenspannten. Woher kommt die Courage, Normen zu jäten und Neues anzusäen? «Aus Achtung vor der Natur», sagt er, auf der Holzbank vor dem Bauernhaus. Es raschelt im Gesträuch. Lorena nascht Tomaten direkt vom Zweig, wie einst ihr Vater.

Appetit auf Frisches direkt ab Hof? Nichts leichter als das: Geben Sie in der Suchmaschine den Ort sowie das gewünschte Produkt ein und schon zeigen «Äpfelchen» den nächsten Hofladen in Ihrer Nähe an.

Fotografin: Nadine Strub


 
 
 
Toffen: Gemüse und duftende «Züpfe»

An der Kreuzung Belpstrasse-Allmendstrasse steht das charmante Verkaufshäuschen von Familie Stucki. Sie bestücken es täglich frisch mit Karotten, Bohnen und anderen Gemüsen, die auf den Feldern nebenan gewachsen sind. Samstags gibt es ofenfrischen Zopf! Fam. Stucki, 079 651 82 83

 

Liebewil: Einkaufen oder selber pflücken

Heidi und Ruedi Burren führen mit «Burrens Burehofmärit» einen modernen Hofladen, der Leckeres von Saisongemüse, Frischfleisch, bis hausgemachten Teigwaren bietet. Pflückfreudige lesen Brombeeren, Johannisbeeren oder Bohnen gleich selbst auf dem Feld ab.

 

Steffisburg: Neu­eröff­neter Hofladen

 

Am Ortbühlweg 63 haben Andrea und Kurt Tanner kürzlich ihren liebevoll eingerichteten Hofladen eröffnet. Im Angebot sind u. a. Eier, Milchprodukte wie Hof-Glace, frische Gemüse und Früchte, darunter Sorten, die man vergeblich im Supermarkt sucht. Fam. Tanner, 033 437 47 46