Der Rebmeister, der rockt

Vor sieben Jahren ist Marco Patriarca aus dem Südtessin nach Spiez gekommen, um raffinierte Weine herzustellen. Sein Enthusiasmus gilt nicht nur den Trauben, sondern auch den tiefen Tönen.

 

«Schau, wie schön», sagt Marco Patriarca bei sich, während er die Beeren betastet, als wären es Perlen. «Che bello!» Ob seine Arbeit Früchte trägt, sieht er unmittelbar, hier auf einem der höchstgelegenen Rebberge nördlich der Alpen. Sonne, Seebrise und nicht zuletzt der quirlige Rebmeister prägen den Charakter des «Spiezers». Er ist in Mendrisiotto aufgewachsen, einem traditionellen Weinbaugebiet am südlichsten Zipfel der Schweiz. Feuerwehrmann, Astronaut, … alles Erdenkliche wollte er als «Bambino» werden, bloss nicht Winzer.

 

 

Motivator und Meister der Reben: Der 31-jährige Marco Patriarca.

 

Bis er bei einem Weinbaubetrieb im Verzascatal schnupperte, wo der gleichnamige Fluss wie ein liquider Smaragd durch die Felslandschaft schleicht. Oh ja, sie rochen gut, die reifen Trauben! Nach der Handelsschule zog es den Anti-Stubenhocker raus in die Reben. Frische Luft in der Nase, Sonne auf dem Haupt und beide Hände im Rebstock, das ist Arbeit nach dem Gusto des gelernten Weintechnikers. «Hallo! Ich bin Marco aus dem Tessin» waren nahezu die einzigen Brocken, die er auf Deutsch zu stammeln vermochte, als er 2009 ins Berner Oberland gezogen ist. Wegen seines jungen Alters und der dürftigen Sprachkenntnisse habe er umso mehr beweisen müssen, was in ihm steckt. Als ihm zu Ohren kam, dass man hier Trauben «liest», war er verdutzt. Im Tessin heisse die Weinlese «Vendemmia», meint er gestikulierend.

 

Wurzeln bis in die Römerzeit
«Vendemmia» klingt nach «Vindemias» – so lautete der Name von Wimmis zur Zeit der Römer, welche die Weinkultur über die Alpen an die sonnenverwöhnten Hügel brachten. Sie beschrieben die Siedlung, bestehend aus einigen Hütten, als jene «bei den Reben». Auch heute kultiviert ein Verein von Weinfreunden am Hausberg «Pintel» Reben, deren Saft pro Jahr rund 400 Flaschen Weisswein ergeben. Um einem Glas «Pintelwy» zu frönen, muss man findig sein: Er ist nicht im Handel erhältlich. Auch die Spiezer Reben sind «Geschichtsbücher» mit vielen Blättern: Deren Anbau ist seit dem 13. Jahrhundert urkundlich belegt. Wie in weiten Teilen Europas zerfrassen die winzigen Rebläuse Ende des 19. Jahrhunderts das goldene Weinzeitalter.

1928 belebte Hans Barben die zernagten Wurzeln, indem er eine Parzelle mit der Sorte Riesling-Sylvaner bepflanzte – der Sämling für das, was heute auf elfeinhalb Hektaren gedeiht. Umarmt von Bucht und Wäldern, ranken sich die Reben um die Drähte wie die Tätowierungen um des Rebmeister Marcos Arme. Die Hälfte des Hügels ist mit Riesling-Sylvaner bestockt. Die weisse Traubensorte mit hellgrünen, leicht flaumigen Triebspitzen ist auch auf 600 m. ü. M. wuchsfreudig und ertragreich. Sie lässt sich «Einisch anders» schlürfen, als spontan vergorene Spätlese, gekeltert in den Gemäuern des Schloss Spiez. Die höchstgelegenen Terrassen sind die Bühne einer delikaten Diva.

 

 

«Dort oben wächst Blauburgunder», zeigt Marco und marschiert zügigen Schrittes hinauf. Auf der restlichen Fläche schiessen spezielle Sorten hoch, wie Muskat, Gewürztraminer, Cabernet Jura oder Elbling, eine der ältesten Rebsorten Europas. Doch Marco betritt auf dem alpinen Terroir auch neues Terrain: Beispielsweise unternimmt er einen Versuch mit einer Bio-Parzelle oder testet unbekannte, gar noch namenlose Sorten. Am Fuss des Weingartens, wo ein Kastanienbaum die Rebzeilen überragt, hängen die kleinen, kecken Kügelchen der Neuzüchtung «VB 32-07». «Die Ziffern gehen zurück auf den Standort in Blattners Zuchtgarten», erklärt Marco und schreitet durch das lindgrüne Labyrinth.

Valentin Blattner, einziger privater Rebzüchter der Schweiz und «Ziehvater» von Pinotin oder Cabernet Jura, tüftelt an robusten, pilzwiderständigen Sorten. Für Marco schmeckt das nach Zukunft: «Dank Rebsorten, die sich aus eigener Kraft gegen Pilzkrankheiten wie Mehltau wehren, verzichten wir weitgehend auf Pflanzenschutzmittel.» Zugegeben: «VB 32-07» tönt weniger lieblich als «Pinot noir», bietet aber durchaus ein philharmonisches Mundkonzert. Jedenfalls ist der «Cuvée eSCAPAde 2015» eine grosse Nummer geworden. Angepriesen als sinnlicher Ausflug an die Loire, beflügelt dieser zu Es(s)kapaden – nicht zuletzt wegen der Etikette, gestaltet von Künstler Ted Scapa.

«Warum ich Winzer geworden bin? Damit ich selbst machen kann, was ich liebe: Wein.»

Nebst Fachwissen und Fingergeschick macht Humor guten Wein aus … wenn der Wettergott sein Hagelkorndepot über dem Hügel ausschüttet, die Fäulnis die Früchte foppt oder gefiederte Naschkatzen im Anflug sind. «Wir arbeiten mit der Natur, aber sie manchmal gegen uns», beschreibt Marco die Herausforderung, unter teils widrigen Bedingungen Wein anzubauen. «Ästhetisch sieht es nicht gerade aus, aber wir wollen ja Wein machen.» Marco deutet auf die blauen und schwarzen Netze, die sich über die Reben legen wie Schleier über Bräute.

«Alle Vöglein sind schon da», davon kann er ein Liedlein singen. Die Netze schützen die Reben vor gierigen Vögeln und Hagelschäden. Ein Pfiff schrillt durch den Himmel –täuschend echte Raubvogellaute halten Stare und andere Spitzschnäbel vom Stibitzen ab. Pfiffe, allerdings vor Begeisterung, kennt Marco von anderswo. Seit acht Jahren steht er mit seiner Band «The Frogs» oft auf der Bühne oder im Studio, gerade ist ihre dritte Platte erschienen. «Eine Mischung aus Punk und Rockabilly» murmelt Marco unter dem Perret hervor und tippt mit den Fingern in der Luft, als hätte er seinen Kontrabass vor sich. Hat Marco einen Lieblingswein? «Äuä», sagt er, so lang gezogen wie es nur ein echter Berner Oberländer tut.

Süffiger Gewinner

Der Spiezer Wein «Einisch anders» wurde dieses Jahr am internationalen Wettbewerb «ExpoVina» mit Gold prämiert.

Rebsorten aus der Region

Rund um den Thunersee, wo der Weinbau Tradition hat, sind unter anderem diese Rebsorten heimisch:

Elbling
Die uralte Rebsorte war in der Region einst weit verbreitet, ehe Riesling-Sylvaner und Co ihr den Rang am Rebstock «abwuchsen». Die historische Sorte schmeckt frisch-fruchtig und ist mittlerweile eine Rarität.

Riesling-Sylvaner
Die für die Region wichtige Rebsorte ist auch bekannt als Müller-Thurgau: Der gleichnamige Schweizer Rebforscher hatte sie 1882 gezüchtet. Den spritzigen Weisswein gibt es auch aus Hilterfinger Produktion.

Blauburgunder
Wie der Name schon sagt, stammt die Sorte ursprünglich aus dem Burgund. Besser bekannt als Pinot noir, verwöhnt der Wein mit Finesse und Komplexität. Das blaue Wunder wächst z. B. auf dem Rebberg Oberhofen.

Regent
Die Rotweinsorte mit resistenten Eigenschaften entstand 1967 aus einer Kreuzung zwischen Diana und Chambourcin. Familie Lanz baut diese in Steffisburg biologisch an. Der tiefrote Tropfen schmeckt südländisch!

 

Weitere Infos zum Weinbau am Thunersee.

 

Fotografin: Nadine Strub