Im kreativen Chaos der Gebrüder Scarinzi

Als Kinder wollten sie Fussballer und Skifahrer werden, doch es kam anders: Marco und Renato Scarinzi designen zeit ihres Berufslebens Uhren für Weltmarken. Warum der eine Leute beobachtet und der andere ohne seinen Bruder zum Müssiggänger mutierte.

Uhren gibt es im Bieler Atelier der Scarinzi-Brüder keine – jedenfalls nicht sichtbare; in ihren Köpfen aber ticken rund um die Uhr Ideen, wie Zeitmesser an Handgelenken prunken oder sie kosen. Ihr Vater war ein ebenso angesehener wie leidenschaftlicher Coiffeur, der seinen Söhnen gerne haarklein von der Frisierkunst erzählte. Vielleicht rührt daher ihre Kreativität? Beide ziehen fragend die Augenbrauen hoch. «Schon als Buben kauften wir uns Farbtuben, um nach den Ferien in Florenz den Ponte Vecchio zu malen», erinnert sich Marco, der jüngere der beiden. Seit Kindertagen teilen er und Renato dieselben Interessen, schlugen gar dieselbe schulische Laufbahn ein. Beide schlossen ihre Ausbildung zum Mikrotechniker Anfang der 80er-Jahre ab, zu einer Zeit, als Konstruktionen noch mit den Händen statt am Flachbildschirm entstanden. Renato verwirft die Hände über dem Kopf, wenn er daran denkt, wie viele Prototypen im «Poubelle» landeten, bis sie perfekt waren. «Ah, mon Dieu!»

 

Präzision am PC: Seit rund 35 Jahren entwickeln Marco und Renato Uhrendesigns,

seit 2003 für die Uhrenmanufaktur «Louis Erard» mit Sitz in Le Noirmont

 

Aus Biel für die Welt
Obwohl ihre Berufswege an der einen oder anderen Gabelung auseinandergingen, war es stets nur eine Frage der Zeit, bis sie wieder im Gleichtakt gingen. Seit 1999 zählen sie zu den wenigen selbständigen Uhrendesignern in der Schweiz. Ihr Büro verströmt die Nüchternheit einer Buchhaltungsabteilung. Nur Skizzen, Lünetten und winzige Werkzeuge, die zwischen Akten und Augentropfen herumliegen, deuten auf ihr kreatives Schaffen hin, aktuell für Louis Erard. «Ohne meinen Bruder könnte ich wohl nicht arbeiten», vermutet Marco. Renato fällt ihm ins Wort: «Sicher könntest du! Mir hingegen würde die Motivation fehlen. Ausserdem bist du der Kreativere von uns». «Das stimmt nicht, wir begegnen uns in allen Bereichen auf Augenhöhe», hält dieser dagegen. Es ist unter anderem dieser neckische Austausch, der den Designprozess dynamisiert.

«Die besten Einfälle habe ich oft, kaum verlasse ich das Büro.» Marco Scarinzi

Künste auf 42 mm
Durch ihre Grundausbildung besitzen sie das vertiefte technische Fachwissen, welches das Uhrendesign voraussetzt. Handskizzen erstellen sie nur, um eine Idee festzuhalten. Danach erarbeiten sie mithilfe von CAD-Programmen hochpräzise 3D-Modelle, die 1:1 industriell produzierbar sind. Sie gestalten jedes einzelne Teilchen, vom Armband bis zu den Ziffern. Wie bei einer ihrer neusten Schöpfungen, der limitierten Edition «Heritage Date» zum 85-Jahre-Jubiläum von Louis Erard. Eine antike Taschenuhr aus den Archiven der Traditionsmarke inspirierte sie zur Jubiläumsuhr im Vintage-Look. Wochenlang feilen sie an Finessen von Form, Farbe, Schraffur und Schrift, spüren den Wow-Effekt auf. «Wir sind Grafiker, Produktdesigner, Typograf und Farbgestalter in einem Duo.» Damit prägen sie seit 13 Jahren die Identität von Louis Erard, wobei sie Hand in Hand mit CEO Alain Spinedi und Produktmanager Arnaud Cuénoud arbeiten. Sie sind es, welche die Anforderungen abstecken. Die Uhren kreieren sie schliesslich nicht um der Ästhetik willen, vielmehr müssen sie aus den Vitrinen heraus überzeugen. Damit Einfälle aufblitzen, geht Marco manchmal in die Stadt und starrt den Leuten nahezu auf die Handgelenke. Er habe es einfacher, er trinke zur Inspiration bloss ein Gläschen Wein, fügt Renato schelmisch an. «Ich bin nicht kreativer als andere Menschen. Vielmehr habe ich die Gabe, Möglichkeiten zu erkennen und daraus etwas zu entwickeln.» Marco freut sich darauf, den ersten Damen und Herren zu begegnen, die eine «Heritage Date» tragen. Nach wie vor erfüllt es ihn mit Stolz, eine von ihm designte Uhr zu erblicken. Renato hingegen meint, dies berühre ihn heute weniger als in seinen blutigen Anfängen. Marco lacht und sagt: «Du siehst mittlerweile nur so schlecht, dass du deine eigenen Designs nicht mehr erkennst!» Humor ist eben auch eine Kunst.

 

Die «Excellence Regulator» mit Gangreserve und vier Zeigern: Charakteristisch für «Louis Erard» ist der «Regulator», inspiriert von alter Tradition. Vor 400 Jahren benötigten die Uhrmacher eine Standuhr, um die Einstellungen präzise zu regeln.

Wie 1931, dem Gründungsjahr von «Louis Erard»: Typisch für diese Epoche sind die Leuchtziffern und das Uhrenglasmaterial, welche die Designer für die auf 250 Exemplare limitierte «Heritage Date» modern interpretiert haben.

Designt für urbane Sportler: Der neue Chronograph «Heritage Sport Chrono» von «Louis Erard» setzt auf maskuline Merkmale.