Kreativität ist kein Moment, sondern ein Dauerzustand

Hoch über der Aare sitzt Yvonne Schediwy an ihrer einfachen Werkbank. Sie schmiedet Colliers, Ringe, Ohrschmuck – und ihr eigenes Glück. Ihr Weg war mit Steinen gespickt, allerdings nicht mit der edlen Sorte, die sie heute verarbeitet. Vom Leben in Brasilien, Überleben dank Marktstand und Ausleben der Kreativität.

 

«Ich brauche etwas Süsses!», seufzt Yvonne Schediwy und stellt einen Teller Magenbrot auf den Tisch, neben das geblümte Kaffeeporzellan. Mit Zeigefinger und Daumen umfasst sie eines der würzigen Gebäcke – würzig, das trifft auch auf Yvonnes Lebensgeschichte zu. Nicht halb so lang waren ihre Finger, als sie einen Schmuckstein stibitzte; Als Sechsjährige war sie mit ihren Eltern im Tessin in den Ferien, in einem Laden posierten Lämpchen mit Kristallen, scheinbar nur für sie. «Diesem Funkeln konnte ich schon als Kind nicht widerstehen», erzählt sie die Anekdote weiter und beisst ins Magenbrot. Sie stellte sich vor, aus dem Glitzerdings einen Ohrstecker zu basteln, dabei hatte sie damals noch nicht einmal Ohrlöcher. Schon als Mädchen kannte sie die Namen der Edelsteine auswendig. Ihre frühe Faszination für Preziosen rührt nicht etwa daher, dass sie ihr Näschen in Mutters Schmuckschatulle steckte, denn diese war nie reich bestückt. «Ich fühlte mich einfach magisch angezogen.» Bei Familienspaziergängen sammelte sie alle Kinkerlitzchen, die halbwegs schimmerten. Die Silberlöffel, die ihre Grossmutter ihr und den beiden Schwestern Weihnachten für Weihnachten geschenkt hatte, waren für sie ein kostbarer Schatz. Anders als ihre Schulkameradinnen kitschte Yvonne lieber Bastel- statt Schleckzeug. Mit «Chräueli» und Drähtchen fummelte sie ihre ersten eigenen Schmuckstücke zusammen, stundenlang, und behängte sich damit. Ihr Berufswunsch lag auf der Hand wie ein augenfälliger Klunker: Goldschmiedin. «Oder Archäologin!», gräbt sie Erinnerungen aus. Schmutzige Hände, ein Männerberuf – das geziemte sich in den 80er-Jahren nicht für ein «Meitschi», noch weniger als es dies heute tut. Dennoch suchten ihre Eltern und sie gemeinsam das Gespräch mit einem Goldschmied. Wenn ein Mädchen diesen Beruf erlernen wolle, müsse sie gewiss einen Goldschmied in der Familie haben. Ausserdem koste die Erstausstattung viel Geld, so viel hätten ihre Eltern gar nicht. Die fadenscheinigen Worte der Absage hallen noch heute in ihren Ohren nach – längst mit Schmucklöchern versehen. «Du nicht!» lautete die Botschaft, die bei ihr angekommen war, «du nicht!» «Wartet ihr es nur ab …», dachte sich die damals Vierzehnjährige. Es würde nicht das letzte Mal sein, dass sich genau dieser kämpferische Satz in ihren Kopf bohrt.

Feenhaft: Halsreif aus Roségold mit Süsswasserperle aus der ersten Kollektion «Elfenwald».

 

«Schon als Kind fühlte ich mich vom FUNKELN MAGISCH angezogen.»

Indios als Lehrmeister
Kaum hatte sie die Lehre im Detailhandel («dem Familienfrieden zuliebe») abgeschlossen, packte das Reisefieber sie – und sie ihre Köfferchen. Angezogen vom melodiösen Portugiesisch, der traditionellen Handwerkskunst und den reichen Edelsteinvorkommnissen buchte sie mit zwanzig Jahren ihr Flugticket nach Rio de Janeiro. Die zweitgrösste Stadt Brasiliens war der Ausgangspunkt eines Abenteuers, das fast vier Jahre angedauert hat. «Geplant war das nicht. Ich habe einfach meine Möbel eingestellt und bin gegangen, auf eigene Faust», denkt die Bernerin zurück. Sie lebte wie eine Einheimische, jenseits der touristischen Palmenstrände. Mal in einer schmucklosen Hütte, mal mit unterschiedlichsten Leuten unter einem Dach. «Einmal Hippie, immer Hippie», fügt sie mit vielsagendem Blick an. Eine Weile lebte sie in Porto Seguro, einer Küstenstadt am Südatlantik, später fasste sie Fuss auf dem «goldenen Boden» der «Mineiros», wie sich die Einwohner von Minas Gerais nennen. «Allgemeine Minen» bedeutet der Name des Bundesstaates im Südosten des Landes. Prunkvolle Barockbauten erinnern an den einstigen Goldrausch. Noch immer gibt es im grössten Bergbauzentrum Brasiliens zahlreiche Minen, wo Arbeiter Erdschätze wie Erze, Phosphate, Minerale oder Edelsteine zutage fördern. In verschiedenen Ateliers lernte Yvonne, Schmuck mit Naturmaterialien wie Knochen, Bambus, Kokos oder Leder zu entwerfen – mit urtümlichen, ganz anderen Techniken als jene, die sie aus der Heimat kannte. Daraus entwickelte sie ihren eigenen, unverkennbaren Stil. Sie kommt noch heute ohne Maschinen aus, fertigt alle Teile von Hand auf einem uralten Amboss, so wie es die Indios tun. Während sie ihre eigene Kunstform fand, verlor sie die «typisch schweizerische Bankbüchlein-Mentalität» – die Angst davor, nichts zu besitzen. Keine Reserven, keine Sicherheiten. «Wer einen klaren Verstand und zwei gesunde Hände besitzt, kann wahrlich auf sich selbst vertrauen.»

 

Zurück im Atelier, mit einem Kopf voller Ideen …

 

Marktfahrerin und alleinerziehende Mami
«Ich habe es bevorzugt, von der Hand in den Mund zu leben und dafür mein eigenes Ding durchzuziehen.» Damit spricht sie auch die erste Zeit nach ihrer Rückkehr in die Schweiz an. Nach rund vier Jahren leitete sie die Sehnsucht nach ihrer Mutter zurück in die Heimat – mit Mann und einem Baby, zarte zehn Monate klein. Es ging nicht lange, bis sich das Paar trennte. «Auf mich allein gestellt, stand ich vor der Wahl: Entweder einen beliebigen Brotjob suchen und die Kleine in die Krippe bringen oder aber den Mut aufbringen, meine Kreativität zu nutzen.» Im Schlafzimmer ihrer einfachen Wohnung richtete sie eine Atelierecke ein und gestaltete Schmuckstücke, manche aus antikem Silberbesteck. Sie kaufte Holzlatten und zimmerte sich einen Marktstand zusammen, mit einem Kasperlitheater unter der Tischplatte für ihre kleine Tochter. Mit Kindlein, Stand und Amboss zog sie durch die halbe Schweiz: Sie verkaufte ihre silbernen Schöpfungen an Märkten und Festivals. Mal nahm sie einen Zwanziger ein, mal fünf «blaue Nötli», irgendwie kam sie immer über die Runden. Irgendwie! Ob sie, gerade als alleinerziehende Mutter, belächelt wurde? Und wie. «Wartet ihr es nur ab…», kochte ihr inneres Mantra stets dann hoch, wenn ihr einer dazu riet, doch lieber einer sinnvollen Arbeit nachzugehen oder sich vergewisserte, ob der Umgang mit Feuer für sie als Frau nicht zu gefährlich sei … Dass Yvonne nie darauf verzichtet hat, trotz handwerklichem Beruf ihre feminine Seite auszuleben, versetzte die schnaubenden Klischeereiter erst recht in Galopp. Hü, in High Heels!

 

Handgeschmiedetes Glanzstück: Diamant- anhänger mit Rotgold.

 

«In BRASILIEN habe ich meine Ängste verloren & MEINEN STIL gefunden.»

Aus dem Innersten heraus
Davon liess sie sich nie beirren. Yvonne besuchte immer wieder Schulungen, erlernte weitere Techniken wie beispielsweise das Schmieden von Eisen. Hammerschlag für Hammerschlag erkämpfte sie sich ihren Erfolg – vom Zwei-Quadratmeter-Kelleratelier, über den Marktstand, bis zum eigenen Laden. «Ich habe schon immer von einem eigenen Geschäft in der charmanten Thuner Altstadt geträumt. » Yvonne hat eine kristallklare Antwort darauf, warum dieser Traum 2008 in Erfüllung ging: «Chrampfe»! Bis jetzt meidet sie den «Chrampf» nicht, vergessene Techniken wieder auszutüfteln. «Ich schrecke nicht davor zurück, Materialien und Steine zusammenzufügen, die nach Lehrbuch unvereinbar sind. Ich mache aus dem Bauch heraus, was mir gefällt.» Filigranes und Grobes faszinieren sie gleichermassen, wobei sie nur kreiert, was ihr Innerstes zulässt. «Sich selber treu bleiben» lautet ihre Überzeugung, die sich über die Jahre als Erfolgsrezept festgeschweisst hat. Ihre Hingabe gilt dem «Unperfekten», den Ecken und Kanten. Sie selbst lässt sich nicht verbiegen. Heutzutage weist sie gar Kunden ab, deren Anfertigungswünsche nicht mit ihrer Machart kongruieren. Zum ungezählten Mal schwingt die Holztür an diesem Nachmittag auf, einhergehend mit einem «Kling-Klong-Kling». «Kling-Klong-Kling». Eine Kundin jüngeren Alters setzt den Fuss über die Schwelle, begleitet von einer Freundin. Im Eingangsbereich schillern Geschmeide aus den Vitrinen oder von liebevoll arrangierten Ablagen. Von da erhascht man einen Blick auf die unaufgeräumten Werkbänke der Silberschmiedinnen. Wo einst eine Bar war und die Humpen klirrten, zischen nun die Lötkolben. Sie empfangen ihre Kundschaft nicht etwa mit klinischweissen Handschuhen, sondern mit Macherinnenhänden, schwarz vom Schmieden und Schmirgeln. Die Vorfreude scheint der Kundin ins Gesicht eingraviert, als Yvonne sie mit Namen begrüsst. Aus mehreren Ringen ihrer verstorbenen Grossmutter hat Yvonne ein Amulett angefertigt. Das Herz der Kundin geht gleichzeitig mit der Schublade auf, aus der Yvonne das frisch geschmiedete Erinnerungsstück greift. Sichtlich gerührt verlässt die Kundin das Geschäft, das Amulett um den Hals gebunden. «Schmuck braucht man nicht zum Leben, dennoch schmückt sich der Mensch seit Urzeiten, in allen Kulturkreisen», sinniert Yvonne und zwirbelt ihre lange Perlenkette. «Schmuck setzt Emotionen frei». Deshalb müsse die Chemie zwischen ihr und ihren Kunden stimmen, nicht selten entstehen Freundschaften. Schliesslich würden sie ein «Stück Schediwy» bei sich tragen. «Schediwy» prunkt genauso am Finger der Emmentaler Bauernfrau wie vom Dekolleté der Goldküsten-Madame. Auch junge Pärchen lassen ihre Freundschaftsringe hier schmieden, meist übernimmt dann Tochter Sara die Beratung.

 

Eigenwilliges Zusammenspiel: Auf die Edelsteine abgestimmte, unkonventionelle

Legierungen wie Grün- oder Sandgold sind Yvonnes Leidenschaft.

 

eine KREATIVITÄT hat mich im LEBEN stets weitergebracht.»

Auf Mutters Feilenfurchen
Sara ist eingeweiht in die Geheimnisse von Yvonnes Schmiedekunst, die sie sich in den letzten 22 Jahren angeeignet hat. «Obwohl man vieles nicht lernen kann, sondern spüren muss», gibt Yvonne zu bedenken. Es gehe weder um mathematische noch physikalische Formeln – sondern um das Fingerspitzengefühl. Wenngleich Sara sozusagen mit «Schmuck in der Wiege» aufgewachsen ist, begann sie mit 17 Jahren eine Kochlehre. Zum Trotz, meint sie heute. Doch sie band die Kochschürze nicht oft um: Nach wenigen Wochen brach sie die Ausbildung ab und fand eine Lehrstelle in einer Bijouterie. Nach anderthalb Jahren arbeitete sie Vollzeit in der Silberschmiede, Hand in Hand mit Yvonne. Die meisten Schmuckstücke entwickeln Mutter und Tochter gemeinsam, tauschen Geistesblitze aus. Dabei grollt hin und wieder der verbale Donner. Eine tiefe, vertrauensvolle Verbindung wie die ihre hält das aus. Reibereien gehören dazu, schliesslich verarbeiten sie im Atelier nicht nur rohe Materialien, sondern rohe Emotionen. «Pure Harmonie ist heuchlerisch, nicht einmal anstrebenswert », findet Yvonne. Oft teilen Mutter und Tochter sich die Arbeitsschritte auf. Mittlerweile designt Sara allerdings auch eigene Stücke, wobei ihre Spezialität montierte Schmucktechniken sind, zum Beispiel mit Draht und Leder. Kürzlich hat sie einen Gemmologie-Kurs abgeschlossen. «Ich kann nun Edelsteine unterscheiden und deren Echtheit feststellen», erklärt die 26-Jährige, die eine grüne Tahiti-Perle am Ringfinger trägt.

«ICH kreiere aus dem BAUCH heraus.»

Von der Gabe, kreativ zu sein
Wer in Yvonnes Wohnung Truhen voller Trouvaillen vermutet, irrt: Sie besitzt nur zwei, drei Ketten und Ringe. «Wahrscheinlich habe ich keine Besitzgelüste, weil ich von Schmuck umgeben bin und jederzeit zugreifen könnte. Meinen Kaufrausch befriedige ich, wenn der Edelsteinhändler kommt», lacht sie. Würde ihr das Rohmaterial entwendet, fühlte sie sich wie ein Maler ohne Pinsel. Es gebe durchaus Stücke, die ihr ans Herz wachsen. «Aber mich fasziniert der Entstehungsprozess. Ist das Bijou fertig poliert, habe ich es gedanklich längst aus den Händen gegeben.» Kreativität ist für sie kein Musenkuss-Moment, sondern ein Dauerzustand. Schon während sie an einer Schmucksache feilt, krachen neue Kapriolen in den Kopf. Schlaftrunken skizziert sie manchmal mit Bleistift eine Idee auf den Notizblock, mitten in der Nacht. Ihrer immensen Vorstellungskraft ist es zu verdanken, dass für die Umsetzung keine weiteren Zeichnungen notwendig sind. Yvonne hält Kreativität für eine Gabe, die nicht in jedem schlummert. Genauso wie nicht jeder sportlich, mathematisch oder technisch begabt sei – davon verstehe sie wiederum nichts, sagt sie unverblümt. Durchaus inspirierend sind Reisen für die 49-Jährige. Während zwanzig Jahren war an Ferien nicht zu denken. Aber nun, da Sara auf Augenhöhe herangewachsen ist, geniesst sie die neue Freiheit, dem Fernweh nachzugeben. Dieses Jahr verbrachte sie drei Wochen in Tahiti und auf den Bahamas. Die Essenzen ihrer Eindrücke verarbeitete sie zur Schmuckserie «Meer und mehr». Auch die Grundgedanken für «Schneekönigin» wehten ihr auf Ibiza in den Sinn, als sie auf das Meer hinausblickte. Durch die Eismattierung versprüht die neue, streng limitierte Kollektion kühle Eleganz. Mit der Anmut einer Schneekönigin, die aber schwarze Hände nicht scheut, wendet sich Yvonne ihrem Arbeitstisch zu. Gerade wie die Werkzeuge vor ihr, so scheinen neue Ideen greifbar nahe.