Schmuckvolles aus Schweizer Ateliers

Einfälle beim Einschlafen oder Aufwachen, einfach dann, wenn man nicht darauf glüht. Inspiration ist wie feiner Goldstaub in der Luft, der sich unverhofft an seinen Bestimmungsort niederlegt. Jeder Funken hat etwas Magisches inne. Weghauchen oder einatmen? Was kreative Köpfe daraus machen, ist allein ihrer Imagination, Unangepasstheit und ihren blossen Händen überlassen …

Funktional & feminin: Rücken frei für die handgemachten Bijoux der Bernerinnen Elena & Stephanie.

Wenn eine Fragestellung die Fantasie anregt: Filigraner Rückenschmuck vom Berner Label

«elie jewelry». Rückenschmuck «Yara» mit Rosenquarz.

Aus Bern in die britische Vogue – so könnte man die junge Erfolgsgeschichte von «elie jewelry» zusammenfassen. Elena Corazza und Stephanie Althaus haben aus der Not eine Tragetugend gemacht: Wie die geliebte rückenfreie Mode anhaben, ohne unästhetische BH-Blitzer? 2014 rückten sie mit der entzückenden Lösung heraus: Rückenschmuck, kombiniert mit Dessous. Wie von Zauberhand gehalten, funkeln filigrane Kettchen aus dem Rückenausschnitt, edle Steinchen wie Rosenquarze, Aquamarine oder Amethysten fangen die tiefen (Rück-)Blicke. Gekonnte Details, die sie nach wenigen Skizzen direkt am Material ausarbeiten. Erst diesen Frühling haben die beiden Bernerinnen ihre erste Lingerie-Kollektion lanciert, die mit Seide und Schweizer Spitze betört. Sie haben das Existierende hinterfragt und damit Neues erschaffen, auf das Frauen von Bern bis Britannien gewartet haben.

 


Simone Gloor kreiert in ihrem «Atelier 0816» in Bern ungewöhnliche Schmuckstücke.

Porzellanene Nostalgie für Frauen und bald für Männer von Simone Gloor.

Nur einige Stufen hinab, vorbei an Büsten und Blumentöpfen, findet man sich im «abnormalen» Atelier von Simone Gloor wieder: Bunt, verspielt, nostalgisch – «0816» eben. Auch wer sich in kleinen Lokalen fühlt wie ein Elefant im Porzellanladen, ist hier richtig: Das Porzellan ist hier schon zerschlagen! Aus Scherben von Tassen oder Tellern aus der Brockenstube fertigt die Goldschmiedin opulenten Schmuck, den selbst die Queen nicht mehr vom Ohrläppchen nehmen würde. Wer letztere im Winter warmhalten will, kauft einen handgemachten Wollkapuzenkragen dazu.


Mit ihrer Kreation «Amour élastique» aus Gold oder Silber wickelt Claudia
Stebler Designfans um den Finger.

Was elastisch ist, währt länger: Goldiger Haushaltsgummi & Co designt von Claudia Stebler.

Willkommen auf Claudia Steblers Wolke, wo Preziosen vor himmelblauer Kulisse scheinbar in der Luft hängen. Ihre Kreationen aus Fairtrade-Gold und Silber aber sind alles andere als aus der Luft gegriffen: Sie folgen klaren Konzepten. «Perfekt ist ein Design, wenn es nicht nur schön aussieht, sondern eine Botschaft transportiert», findet die gelernte Goldschmiedin. Sie spielt gerne mit Gedanken – oder mit Haushaltsgummis. Den Einfall zu den Partnerringen «Amour élastique» windete es ihr zu, als sie ein «Gummeli» doppelt um den Finger gewickelt hatte. Ideen, die zu Luftsprüngen bewegen!

 


«Kreativität bedeutet, Bestehendem eine neue Gestalt zu verleihen.» meint Goldschmiedin

Andrea Aeschlimann aus Thun.

Zieren nicht nur einen Finger, sondern die ganze Hand: Handbracelets mit orientalischem Touch von der

Schmuckdesignerin  Andrea Aeschlimann.

Goldschmiedin Andrea Aeschlimann beweist ein Händchen für Trends: Während einer längeren USA-Reise kam sie auf die Idee, edlen Handschmuck mit einer Nuance Indien anzufertigen – das war vor ziemlich genau 25 Jahren. Heute kreiert sie in ihrem Thuner Atelier («hier gehört mein Herz hin»), das sie im Jahr 2002 übernommen hat, «handliche» Schmucksachen. Handgearbeitet aus Gold oder Silber, verleiht sie den filigranen Kettchen mit Perlen oder Edelsteinen das schmeichelhafte Etwas. Sie passt jede Kreation individuell an die Hand an, sodass sie bequem zu tragen ist. So bequem und vor allem bezaubernd, dass man sie bestimmt nimmer mehr aus der Hand gibt!

 


Fabienne Gal aus Bern: Traditionelles Handwerk, verlötet mit nordischer Geradlinigkeit.

Fabienne Gals preisgekrönte Kollektion «Transitions» – eine Neuinterpretation

von traditionellem Haarschmuck.

«Ideen habe ich meistens, wenn ich keine suche.» Mit einer Skizze auf Papier nehmen die Kreationen von Fabienne Gal ihren Anfang. Darauf folgen ein Messingmodell und unzählige Stunden Handarbeit. Auf dem Weg zum schlichten, nicht zu klassischen Design begleiten sie Prinzipien von Designer Dieter Rams, wie «gutes Design ist konsequent bis ins letzte Detail». Dass ihr der Prozess der Anfertigung ebenso wichtig ist wie der kreative, sticht bei ihrer preisgekrönten Kollektion «Transitions» heraus – einer Neuinterpretation von traditionellem Haarschmuck.


Schmuck-Unikate aus Recycling-Materialien. «Kreativität muss Nachhaltigkeit

schaffen», so Shruti Patel.

Als Teenager schlenderte Shruti Patel liebend gerne durch die Märkte Nairobis, wo sie Perlenarmbänder kaufte. Daraus fertigte ihre Mutter Charu eine Kette, die sie noch heute, über 30 Jahre später, besitzt. 2008 gründeten sie gemeinsam «Savannah Chic». Schmückt man sich mit Stücken wie «Small Victory», ist das ein grosser Gewinn für benachteiligte Menschen in Kenia: Sie stellen die Unikate aus Recycling-Materialien her, was ihre Lebenslage wie auch ihr Selbstwertgefühl verbessert. «Kreativität muss Nachhaltigkeit schaffen», so Shruti.


Schmuckdesignerin Evelyne Meyer aus Zürich kreiert Variationen zwischen

feiner Wachsmodellage und grober Stanzarbeit.

Endlos edel: Pantherkopf-Armreife mit Edelsteinen von Evelyne Meyer – erhältlich in Bern bei Ooonyva.

Evelyne Meyer sieht ihn noch heute vor Augen baumeln, ihren eingefassten Milchzahn, den ihre Mutter an einer Kette trug. Zähne sind nahezu das einzige Motiv, das sich nicht in Evelynes facettenreichem Potpourri an Preziosen findet: Blumen, Pantherköpfe, Geometrisches … «Mein Stil ist unwillkürlich. Beim Kreieren setze ich mir selbst keine Grenzen», so die 34-Jährige. Ihr Notizbuch hält sie immer griffbereit, weil Geistesblitze sie dann treffen, wenn es am ungünstigsten ist: Sei es an einem Konzert oder beim Duschen. Am liebsten verarbeitet sie Silber mit eigenen Techniken, wobei sie stets ihren Ehering trägt: «Den lege ich niemals ab, egal wie sehr er unter der handwerklichen Arbeit leidet.»


Schmuckgestaltung: Individuell auf Mass statt Masse ist die

Philosophie von Michael Stähli aus Bern.

Dem Zeitgeist entsprungen: Perlen-Anhänger mit beweglicher

Flosse, inspiriert von «Finding Dory».


Boris Allemann kreiert überraschende Kombinationen von schlicht bis verspielt.

Opumente Schmuckstücke, die trotzdem schlicht sind.

Im Jahr 1919 gründete ein gewisser Herr E. Forestier an der Grabenpromenade ein Goldschmiedeatelier. Wie die Chronik zeigt, gaben sich hier viele Goldschmiede das Werkzeug in die Hand, letztmals im November 2008. Seither verarbeitet Boris Allemann hier Edelmetalle, Wachs, Kupfer oder Holz zu Unikaten. Dabei feilt er das Optimum aus Formen, Farben und Materialien heraus, ohne die Schmuckstücke zu überladen. Inspiration findet er immer und überall, sogar im Schlaf: Es kommt vor, dass er von einem Schmuckstück träumt.


Schmuckdesignerin Maria Lutz hat ihr Atelier in der Brunngasse in Bern.

Designerin Maria Lutz wendet eine traditionelle Techniken an, kombiniert mit neuen Methoden wie dem Punktschweissen. 

Der Weg führt in die Brunngasse, unter dem Laubenbogen hindurch, in das Atelier von Maria Lutz, das sie erst diesen Sommer eröffnet hat. Schlicht und harmonisch beschreibt sowohl ihren Schaffensraum wie auch den Schmuck, der hier unter ihren sorgfältigen Händen erglüht. Zum Beispiel die grazilen Ringe die, einzeln oder kombiniert, Eleganz ausstrahlen. Sie wendet traditionelle Techniken an, kombiniert mit neuen Methoden wie dem Punktschweissen. Ein Design ist für die 32-Jährige dann vollendet, wenn die Materialien optimal zur Geltung kommen, Farbe und Form harmonieren und sich nicht gegenseitig konkurrenzieren. Kauft sie Edelsteinen ein, blitzen die Visionen auf für neue «wertvolle Begleiter».


Schmuckdesignerin Rachel Zuber aus Münsingen: «Schmuck, der einen

vervollständigt – und fehlt, sobald man ihn ablegt.»

Lederarmband von Designerin Rachel-Zuber aus Münsingen.

Ausgewählte Schmuckstücke sind bei evoilà in Bern erhältlich.

«Perlenohrstecker sind für mich Sinnbild von unaufdringlichem, zeitlosem Schmuck», sagt Rachel Zuber über ihr erstes Schmuckstück. Alles begann damit, dass sie für sich nicht das perfekte Bijou fand. Kurzerhand griff sie zum Skizzierblock, besorgte sich Werkzeug und edle Materialien. Mittlerweile umfasst ihre Kollektion rund 100 Stücke. Dass sie «keine Frau des grossen Klimbims» ist, sondern klare Linien und zurückhaltende Farben liebt, kommt in ihren Kreationen zum Ausdruck. Mit Feinsinn komponiert sie Leder, Edelsteine oder Perlen zu schlichten Kostbarkeiten, bei denen oft der Verschluss der eigentliche Hingucker ist. Hat sie ein neues Zierstück kreiert, trägt sie es zuerst selbst, um sicherzugehen, dass es ihren Ansprüchen an Optik und Funktion genügt – eine leidenschaftliche Ästhetin eben.


Goldschmied Dominik Vollmer aus Thun: «Aus gegensätzlichen

Materialien und doch wie aus einem Guss.»

Als erster Goldschmied in der Region wendet Dominik Vollmer das

Schmuckgiessen im Vakuum-Überdruck-Verfahren an – wodurch sich

neue Inspirationen über ihm ergiessen.

Greift Dominik Vollmer zum Modellierwachs, muss er eine Eingebung haben! Freies Denken, ohne störende Gedanken oder Einflüsse, macht für ihn Kreativität aus. Frei vom Amboss weg verbindet er sodann Edelmetalle mit Holz. Aber auch kräftige Stücke aus Karbon oder Granit zählen zu seinem Repertoire. Gesteinsstrukturen auf das Edelmetall zu übertragen, ist eine seiner Spezialitäten. Das Material schmilzt neuerdings nicht nur unter dem Lötkolben dahin: Als erster Goldschmied in der Region wendet er das Schmuckgiessen im Vakuum-Überdruck-Verfahren an – wodurch sich neue Inspirationen über ihm ergiessen.


«Experimentierlust mit einer Portion Perfektionismus.»

Goldschmiedin Ruth Gundacker aus Wabern bei Bern.

Ruth Gundacker Kreation aus Silber und Kupfer.

Im Gebäude 36 auf dem Gurtenbrauerei-Areal wird zwar nicht gebraut, dafür umso emsiger gebaut: Schmuck, Objekte oder Texte. Vermutlich hat die Kette ihrer exzentrischen Grosstante den Impuls für die kreative Laufbahn gegeben. «Die Kette bestand aus Holzperlen, Horn, Fuchszähnen und bunten Glasteilen», erinnert sich Ruth Gundacker, die schon als Kind Trag- und Untragbares bastelte. Es gibt kaum ein Material, das sie nicht giesst, poliert, nietet oder ziseliert. Ausgereift ist ein Stück erst, wenn es sie beim Einschlummern nicht mehr beschäftigt.


Goldschmiedin Nicole Kojan aus Rubigen.

Von Hand gebrannt, poliert und patiniert, erstrahlen die Stücke in massivem Reinsilber. 

Der silberne Ring, der an Nicoles Finger glänzt, ist das allererste Stück, das sie eigenhändig aus «Art Clay Silver» geformt hat: Er ist zu einem Glücksbringer geworden. «Vor acht Jahren verlor ich auf einer
Reise nach La Gomera einen Ring, der mir sehr viel bedeutet hat. Weil ich keinen Ersatz dafür fand, habe ich mit dem Schmuckkreieren angefangen», beschreibt sie ihr Schlüsselerlebnis. Über den eigenen Gartenzaun hinausschauend, liefert ihr die Natur schönste Vorlagen. Diese setzt sie direkt am Material um, das ähnlich modellierbar ist wie Ton. Von Hand gebrannt, poliert und patiniert, erstrahlen die Stücke in massivem Reinsilber. Manche Schöpfungen vollendet sie mit Zirkonias oder Lavasteinen. «Perfekt ist ein Stück, wenn ich es am liebsten behalten würde», schmunzelt sie.

 


«Geflochtene Schmuck-
accessoires: Wie ein Schulterklopfen aus der Zukunft.» Designerin Sabine Lauber aus Basel

Subtil nuanciert: Die ledernen Flechtwerke gibt es in verschiedenen Farben,

unter anderem im «Toku Store» in Bern.

Mit «Tracery Treasure» teilt Sabine Lauber ihren kreativen Schatz mit jenen, die das Entspannte, zurückhaltend Experimentelle schätzen. Fasziniert von Leder und getrieben von Neugier, flechtet und knotet sie mit uralten Handwerkstechniken ornamentale Einzelstücke. Indem sie Lederunter- und Oberseite bewusst variiert, tastet sie sich direkt am Material an futuristisch anmutende Strukturen heran. Wie ein Baukastensystem sind die Teile mit einem Nietenverschluss miteinander kombinierbar, wodurch beispielsweise Hals- zum Oberkörperschmuck wird. «Ich habe noch viele Ideen im Kopf, die ich ausprobieren möchte», so die Designerin verheissungsvoll.