Schweizer Uhrmacher-Handwerk: Im Takt der Zukunft

Den Schweizer Uhrmachern von morgen auf den Zeiger gefühlt: Ein Ausloten zwischen Schwarzmalerei und Spezialisierung, die gefragter ist, denn je.

Tick, tack, tick – die Uhr schlägt 10.00 Uhr. Pause im «ZeitZentrum», mitten im Industriegebiet von Grenchen. Uhren, sei es auf dem Kreisel oder an Hausfassaden, prägen noch immer das Bild des Ortes, an dem 1851 die Uhrenindustrie Fuss fasste. Daniel Wegmüller, Rektor der einzigen Uhrmacherschule in der Deutschschweiz, zieht sich mit einem Kaffee in sein Büro zurück. Zwischen Akten und Uhren aller Gattungen liegen Tageszeitungen: «Düstere Aussichten für die Uhrenindustrie», «Anhaltende Krise» und «Uhrenhersteller in den roten Zahlen» steht da druckschwarz auf weiss. Diesen Schlagzeilen stehen die Statistiken der «ZeitZentrum»-Schülerzahl gegenüber: Sie steigt seit 1984 stetig, in gewissen Fachausrichtungen hat sie sich gar verdoppelt. Sekunde, wie passt das zusammen?

«Swiss Made» in Kürze

Am 1. Januar 2017 tritt die neue Swissness- Verordnung in Kraft, die für alle Industrieprodukte gilt.

Damit eine Uhr als «Swiss Made» gilt, müssen neu 60 statt wie bisher 50 Prozent der Herstellungskosten hierzulande anfallen. Zudem muss die technische Entwicklung der Uhr und des Uhrwerks in der Schweiz erfolgen.

Die Vorlage hat eine Kontroverse ausgelöst und bleibt umstritten: Während manche Uhrenhersteller sie als Stärkung der Marke Schweiz begrüssen, sehen sich andere dadurch in ihrer Existenz bedroht. Weitere Infos findet ihr hier.

 

Der erste Rektor, der kein Uhrmacher ist: Seit 2005 leitet Daniel Wegmüller die Geschicke im «Zeitzentrum». Der 55-Jährige war jahrelang als Manager in Uhren- und Schmuckfirmen in der Schweiz und im Ausland tätig.

 

Daniel Wegmüller erklärt: «Uhrmacher sind ein kleines Rädchen im Getriebe der Uhrenindustrie: Von den rund 50 000 Beschäftigten sind nur rund 2000 Uhrmacher.» Mit Blick auf einen Stapel Statistiken ergänzt er, gut ausgebildete Leute seien immer gefragter. Wenn Umsätze und Herstellung sinken, vornehmlich bei seriellen Produktionen, tangiere dies den Uhrmacher kaum: «Seine Aufgabe ist, das mechanische Uhrwerk als Ganzes zu verstehen, auch antike Uhren zu reparieren und komplexeste Einzelteile anzufertigen.» Eine Aufgabe, die bei Luxusuhren bis zu 150 Stunden Handarbeit erfordert – pro Einzelteil. Die heutigen Uhrmacherlernenden arbeiten morgen in der Industrie oder im Detailhandel. «Das Pendel schlägt stärker Richtung Industrie aus», stellt Daniel Wegmüller fest. Einer der Gründe dafür sei, dass es immer weniger Fachgeschäfte gibt, weil grosse Marken eigene Verkaufspunkte eröffnen und die Uhren zwecks Service in das eigene Werk zurücksenden. Die Ausbildung am «ZeitZentrum» ist indes nicht auf bestimmte Marken ausgerichtet, sondern vermittelt ein breites Wissen über Uhren – von klein bis gross, von mechanisch bis elektronisch. «Das Verständnis für Mechanik nimmt im Allgemeinen ab. Auch weil junge Menschen oft gar nie in Berührung kommen mit Mechanik, verlieren sie die Affinität dazu», sagt der Rektor und richtet seine Armbanduhr – das Modell, welches das «ZeitZentrum» zu seinem 125-Jahre-Jubiläum lanciert hatte.

«Uhrmacher sind auch in Zukunft gefragt – kein Roboter kann sie je ersetzen.» Daniel Wegmüller

«Was, diesen Beruf gibt es noch?»
Rund 150 junge Menschen besuchen zurzeit die Uhrmacherschule, um das Handwerk zu erlernen, bei dem es auf Präzision bis ins letzte Detail ankommt. Einer von ihnen ist Valentin Lustenberger aus Oberthal, einem kleinen Ort zwischen Grosshöchstetten und Biglen. Seit vier Monaten steht er fast täglich im blauen Arbeitskittel an der Werkbank, um seinem Wunschberuf Tausendstel für Tausendstel näherzukommen. Eigentlich wollte er Goldschmied lernen, aber aus Mangel an Ausbildungsplätzen lag der Sprung ins Uhrmacherhandwerk nahe. «Was, diesen Beruf gibt es noch?», fragten Valentins Freunde erstaunt, als sie von dessen Berufswahl erfuhren. Im ersten Lehrjahr stehen Feinmechanik und Basiswissen über das Uhrwerk, aus didaktischen Gründen an Grossuhren, auf dem Stundenplan. Erst danach geht es an die Armbanduhren: Die Lernenden reparieren echte Kundenuhren. Bis dahin ist für Valentin fleissiges Üben angezeigt: Zurzeit sägt und feilt er an einem winzigen Uhrenwerkzeug. «Manchmal muss ich mich schon in Geduld üben. Wenn ich am Schluss ein klitzekleines bisschen zu viel wegfeile, muss ich von vorne beginnen.» Angesprochen auf die Negativschlagzeilen über die Uhrenbranche, zuckt der 16-Jährige mit den Schultern. «Mir gefällt die Arbeit. Ausserdem könnte ich das erworbene technische Wissen auch in anderen Berufen einsetzen», sagt er und schiebt konzentriert die Lupe vor das Auge.

 

«Ich bin von Natur aus geduldig.» Valentin Lustenberger aus Oberthal bei Grosshöchstetten hat diesen Sommer die vierjährige Lehre zum Uhrmacher begonnen.

 

Die ZEIT kann man nicht neu erfinden, ihre ÄSTHETIK schon.»

«Konsumenten denken nicht in Prozenten»
Bringt die neue Swissness-Verordnung mehr Jobs für Uhrmacher wie Valentin? «Mitnichten!», so Daniel Wegmüller. «Einerseits, weil zehn Prozent nicht viel sind. Andererseits, weil die zusätzliche Wertschöpfung auch gegeben ist, wenn beispielsweise Qualitätskontrollen hierzulande erfolgen.» Zahlreiche Uhrenmarken im Luxussegment erfüllen längst viel höhere Standards und sind bis zu 99 Prozent schweizerischen Ursprungs. Aus Sicht des Konsumenten verändere die neue 60%-Regelung, die ab 1. Januar 2017 gilt, ohnehin nichts: «Steht swiss made› darauf, geht man davon aus, dass die Uhr in der Schweiz gemacht ist. Der Konsument rechnet nicht in Prozenten, vielmehr vertraut er auf eine bestimmte Marke.» Zwar sind die Zahlen rückläufig, aber noch immer exportiert die Schweiz 28,1 Millionen Uhren, was etwa dem Niveau von 2013 entspricht. 80% des Umsatzes machen mechanische Uhren aus (Quelle: www.fhs.swiss). «Einen Boom wird es zwar nicht geben, aber das wird sich wieder einpendeln», zeigt sich Daniel Wegmüller optimistisch. «Bäume wachsen eben nicht in den Himmel … Man kann die goldene Vergangenheit nicht heraufbeschwören.» Derweil feilen Valentin Lustenberger und seine Mitlernenden ein paar Geschosse weiter unten an der Zukunft.

 

Fotografin: Nadine Strub