Künstler Schwarz Gänsehaut erregt in allen Farben

Die Holztreppe, die zum Atelier führt, ist steil. Die silbernen «Chrälleli» des Türvorhangs prasseln ins Gesicht, verheddern sich beinahe im Haar, was einen die Augen zusammenkneifen lässt – um diese im nächsten Moment umso weiter aufzureissen. Die Pupillen springen, wissen nicht, wo sie haften bleiben sollen, vor lauter kunterbunter Kunst und Krimskrams. Sie fokussieren sodann den Künstler, der Staub von einem Bild wegpoliert. «Sechs Jahre alt», murmelt er und meint damit nicht das Bild, sondern den Staub. Als er am unteren Bildteil reibt, legt sich ein Blitzer Haut frei zwischen Hosenbund und Shirt-Saum – keine Gänsehaut, jetzt nicht. Die Fens­ter im «Hausrot» hat er in den sechzehn Jahren, seit er hier malt, schläft und ausstellt, nicht ein einziges Mal geputzt. «So ist das Licht perfekt zum Arbeiten», begründet er nonchalant. Je nach Lichteinfall glänzt die Perle an seinem rechten Ohr auf. «Ein Geschenk von einer Hexe, das muss man annehmen», erklärt er und gestikuliert aus dem lockeren Handgelenk heraus. Licht und Schatten sind es, die ihn zeit seines Schaffens fesseln – Weltuntergänge, soziale und ökologische Horrorszenarien, Schockzustände. Farbkleckse übersäen den Boden, über den er mit seinen blutroten Chucks tappt. Er weiss blind, wann er welchen Fuss etwas höher heben muss, um nicht zu stolpern. «Lethargie-Fallen» nennt er es. Zwischen Kübeln schichten sich Kisten, Bleistiftskizzen sticheln gelb vor sich hin, darauf eine Lesebrille ohne Durchsicht, Schnüre, Steine, Staubpartikel, eine Skulptur mit überdimensionalem Hinterteil. Das Atelier erscheint selbst wie ein alter Schmöker, manche Seiten zerknittert vom vielen Blättern, andere erst kürzlich beschwingt umgeknickt. Auf dem Stapel, unter dem man eine hölzerne Tischfläche vermutet, liegt ein Silberdöschen mit Tabak. Daneben ein Postkarten-Schnipsel, der seinen Dienst darin erfüllt, den losen Tabak zusammenzuhalten, wenn sich der Kunstmaler eine Kippe rollt. Ironischerweise steht «Die neue Backstube» darauf. Steckt die Selbstgedrehte nicht im einen Mundwinkel, umkrallt er sie mit zwei Fingern wie eine Krähe das Korn. Vögel (Luft) beschäftigen ihn, nebst Fischen (Wasser), Menschen (Erde) und dem Feuer (seelische Verbindung), seit jeher. Genauso in seinen neusten Arbeiten, die zurzeit im Restaurant «Haberbüni» in Liebefeld hängen, mit dessen Besitzer ihn eine 20-jährige Freundschaft verbindet: Vögel mit säbelartigen Schnäbeln, die bis zur Handlungsunfähigkeit verkeilt sind. Schwarz ergründet die Welt als ein Ganzes, mit all ihren Dimensionen – wie viele es auch sein mögen. «Wären die komischen Linien, die wir Grenzen nennen, um uns herum nicht, wären wir anders, eins», so der Wandelnde zwischen Märchen, Sagen, Völkern und dem Alltag in Köniz. Auf Notizen verzichtet er, es ist alles hier drin, sagt er und klopft sich zweimal auf die Brust.

Blaues Wunder statt Blasinstrument
Wenn er mit einem Gedanken schwanger gehe, sei das Atelier für ihn wie ein Mutterkuchen. Provoziert vom Weiss der Leinwand, setzen allmählich die Wehen ein und er muss den richtigen Moment erwischen, um sein Kunstwerk zu gebären. «Dann lässt es mich nicht mehr los, das eine ergibt das andere», beschreibt er und schenkt sich das zweite Glas Weissen ein. Grüner Veltliner, nicht sein Lieblingswein, aber den hatte er gerade noch da. Stoff, der auch in seine Kunst einfliesst. Zur Kunst kam er wie die Jungfrau zum Kind: Gewillt, eine Trompete zu kaufen, ging er mit 23 Jahren nach Bern, doch das Musikgeschäft war geschlossen. Er schlenderte weiter die Altstadt hinauf und kaufte sich bei «Schneider Farbwaren» spontan eine Palette mit Wasserfarben. Malerei statt Musik. Warum nicht. «Während der Weiterbildung suchte ich einen seelischen Ausgleich zur Kopfarbeit.» Als er gelernt hatte zu denken, sei ihm bewusst geworden: Für eine gewöhnliche Arbeit will ich das Denken nicht hergeben. In der schulfreien Zeit zog sich der Autodidakt mit Papier und Farbe in das stille Kämmerlein zurück und zeichnete innert 365 Tagen 400 «Weltuntergänge». Sobald man sich zu etwas entschliesse, setze das ungeahnte Energien frei. Seine Freunde reagierten mit Kopfschütteln im Kollektiv. Sie ver­standen zwar nicht, was er da trieb, aber sehr wohl, dass es ihn glücklich machte. Nach der Marketingausbildung machte er sich selbst­ständig – nicht in erster Linie, um von der Kunst zu leben, sondern um die Kunst zu leben. Natürlich sei er ein Risiko eingegangen. «Aber zum Glück verfliegen Zweifel bei mir nach höchstens einer Minute», so der 54-Jährige. Während man noch darüber spekuliert, wie viel Ernst oder Schalk mitschwingt, spricht er weiter. «Ich bin schon immer aufgefallen und kommunikativ gewesen. Von Anfang an besass ich die Courage, auf Leute zuzugehen und meine Kunst zu exponieren.» Er streicht sich über das Ziegenbärtchen, das nicht weniger eigenwillig zu sein scheint, als dessen Träger. «Courage, das ist es.» Die Rauchschwaden lichten sich.

 

 

«Ich überschreite meine Grenzen, um das Grenzenlose zu finden.»

 

Schwarzmalen im Takt des Techno
Anfangs nannte er sich «Schwarz», angelehnt an sein erstes Werk, das nebst einem Selbstbildnis eine schwarze Sonne zeigt. «Sie steht symbolisch für meine Seele, die noch nicht beleuchtet war.» In Selbstbildnissen stellt er sich ausschliesslich als Frau dar. Mann genug zu sein, die Frau in sich anzuerkennen, sei bedeutend für ihn als Künstler. «Gänsehaut» kam später hinzu, als er eine neue Spachteltechnik austüftelte, die zum Berühren anregte und sich anfühlte wie Gänsehaut – oder ebendiese verursachte. Er tippt mit dem Zeigfinger auf die «Zigi», sodass die Asche abfällt. «Ein Bild ist ein Abfallprodukt eines seelischen Vorgangs», beschreibt er. Die Frage lautet, wie tief in sein inneres Universum er einzudringen vermag, um es nach aussen zu tragen. «Ich gehe an meine Grenzen und darüber hinaus, um das Grenzenlose zu finden. Dafür ist das Unbändige notwendig, das entfesselte innere Biest.» Den Beat dazu gibt die Technomusik vor, die er beim Malen in der Endlosschlaufe hört. Mit den Technopartys, die er in den 90er-
Jahren organisierte, brachte er pulsierende Hymnen in die Hauptstadt und die Region. Die kunstvoll gestalteten Flyer, die bald Kultstatus erlangten, flatterten in alle Ecken Europas und zogen die Technojünger in Scharen an. Stars der späteren Elektro­szene standen damals am Mischpult für nichts als etwas Hasch und ein Velo. «Ich gebe mich der Atmosphäre und den Gefühlen hin, welche diese Musik in mir auslöst. Für mich sind das Urtrommeln, nur mit Strom», erklärt er, während er in den Kunstwerken kramt, die an der wilden Wand ruhen. Er stoppt bei einem Motiv aus dem Jahr 1995, der «Alparade», zu der ihn Technopartys in den Alpen inspirierten. Die Malerei von Schwarz Gänsehaut berauscht mit Farben und Formen, die psychedelisch wirken – eine Bewusstseinserweiterung ohne Halluzinogene. Er stöbert weiter in seiner Sammlung, greift eine Papierrolle, klemmt sie unter den Arm und huscht damit die paar Stufen hinab ins Erdgeschoss, wo sich die Galerie befindet. Dabei klappert es in seiner Hosentasche: Sie ist stets befüllt mit einem Dutzend Steine, die er spielerisch befühlt, um sich energetisch aufzuladen. Die 75 m2 der Galerie reichen knapp aus, um das Papier komplett aufzurollen. Zack, zack, Zentimeter um Zentimeter wickelt er den schwarz-weissen Holzdruck zu seiner ganzen Länge auf, einem Zauberer gleichend, bloss ohne Abrakadabra. Das Werk zum Thema «Diaphanität – das Durchscheinende» hat er 2003 geschaffen. Damals war er mitten im aufwändigen Druckprozess mit mehreren Durchgängen, die Platte mit Farbe getränkt, als seine hochschwangere Frau herbeieilte: «Wir müssen los, es geht los!» «Nein, zuerst ziehen wir das Blatt ab», antwortete er. Nachdem sie gemeinsam sachte das Papier abgezogen hatten, fuhren sie ins Spital, wo sein Sohn Iban zur Welt kam. «Iban wie die internationale Kontonummer», grinst Daniel Ebnöther und stellt sogleich klar, dass der Name keltischen Ursprungs sei. Natürlich, denn mit Geld und Banken hat er nichts am Hut – wenngleich er gerne einen auf dem Kopf trägt. Ausserdem hat er ein Faible für Sonnenbrillen, er besitzt schätzungsweise an die Hundert. Aus Jux setzt er eine mit runden Gläsern auf und guckt über den oberen Brillenrand hinaus.

 

 

Wovor es ihm graut bis zum Rotsehen
«Immer dieses Beschleunigen, der Stress, das Geld …», sagt er und verzieht das Gesicht, als hätte er einen Schluck Wein mit Zapfen erwischt. Die Kunst sei heutzutage, was das Kommerzielle angeht, entwertet. Heute degradiere man Kunst zu Geld und Investment, beobachtet Schwarz. Manche kaufen Kunst, um sie im Keller zu horten und später zu verscherbeln. «So jemandem möchte ich gar kein Bild verkaufen!» Er selbst pflegt Beziehungen zu den Besitzerinnen und 
Besitzern seiner mehreren Hundert Bilder, die er mittlerweile verkauft hat. Bei manchen Sammlern zieren bis zu 200 Werke von Schwarz Gänsehaut die Wände. «Ich fühle mich meinem Heimmarkt verpflichtet», kommentiert er und zieht die Augenbrauen hoch. Mit ein Grund, warum er es stets ablehnte, international auszustellen. Bei ihm gilt ein Handschlag noch etwas. Geld ist für ihn Mittel zum Zweck, um die Familie zu ernähren und den Betrieb aufrecht zu erhalten. Nicht mehr und nicht weniger. Seinen Lebensstil hat Daniel Ebnöther stets nach dem vorhandenen Geld ausgerichtet, schliesslich lebt er die Kunst mit letzter Konsequenz: Mal hat er in einem 8-Zimmer-Haus gewohnt, mal in einer Baracke mit knapp 70 m2. Leiden erachtet er als notwendigen Teil der Erkenntnis, denn Kunst sei nicht Friede, Freude, Eierkuchen. Kunst ist harte Arbeit, die man ohne Herzblut nicht prästiert. «Ich möchte in meinem Leben etwas lernen – das reicht dann auch zum Sterben.»

 

«Ein Bild ist ein Abfallprodukt eines seelischen Vorgangs.»

Weisse Wände für heimische Künstler
Zerbrochen ist vor geraumer Zeit seine 25-jährige Beziehung, «drvo­gfloge», wie er es mit weicher Stimme formuliert. «Ich bin nicht mehr traurig, aber das Herz betrifft es schon», sagt er und deutet auf eines seiner neusten Werke, die sich mit der Trennung beschäftigen: Das fliegende Herz, blutend und doch voller Lebendigkeit. Die Serie zeichnet die Gefühle symbolhaft nach, die sich im Verlauf der Partnerschaft offenbart haben. Er zündet sich erneut eine Zigarette an. «Als Kind bin ich oft geflogen. Du stehst einfach da und auf einmal fliegst du.» Er lässt sich in den schweren Ledersessel fallen, den ihm sein Künstlerfreund Timmermahn vermacht hat. Zugeflogen sind ihm die Herzen der Kunstliebhaber früh: An seinen ersten zehn Ausstellungen verkaufte er innert einer Stunde sämtliche Bilder. Seine Kunsthappenings, die er regelmässig in Bern veranstaltete, zogen auch alte Künstlerinnen und Künstler an. «Sie waren meine Vorbilder. So verstand ich, wie man 50 Jahre lang von der Kunst lebt, schliesslich hatten sie es geschafft.» Das soziale Netzwerk, jenes von Angesicht zu Angesicht, und Galeristen, die an ihn glauben, wie Maxe Sommer oder Yoly und Rolf Käsermann, seien ausschlaggebend gewesen für den Erfolg. Die Stadtberner Künstlerszene traf sich in Beizen wie dem «Pöstli» oder den «3 Eidgenossen». Von Szenen, in denen eine auf dem Tisch lag und rief «Wer will mich ficken», während andere auf Stühlen trommelten und wiederum andere über den Kulturbetrieb donnerwetterten, erzählt er so lebhaft als wäre es gestern gewesen. Szenen, die sich irgendwann in seine Werke schleichen. Dieser anregende Austausch finde heute nicht mehr statt, sagt er nicht ohne Wehmut. Die alte Künstlergarde stirbt aus, ebenso wie die Galeristen, die sich um sie gekümmert hatten. Hier springt Schwarz Gänsehaut in die Bresche: In seiner Galerie «Kunsthausrot» stellt er nun die Werke von Berner Kunstschaffenden aus, die er selbst auswählt: «Ich zeige nur, was ich privat aufhängen würde, egal wie renommiert ein Künstler ist.» Das eine oder andere Gemälde kauft er sogar, seine Art, etwas zurückzugeben. «Man kann schon eine Blume den ganzen Tag bewundernd anschauen, aber irgendwann muss man ihr Wasser geben», sinniert er und klimpert mit den Fingerringen, so gross wie Panzer von Hirschkäfern. Der eine stammt von HR Giger, der andere mit grossem Edelstein ist ein Talisman. «Kunst machen bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen, gegenüber denen, die schon Kunst gemacht haben.»

Künstler Schwarz Gänsehaut in seiner Galerie Hausrot in Köniz.

 

 

Regenbogenfisch im Aquarium des Alltags
Einstehen für Mitmenschen, Tiere und Umwelt ist ein zentrales Anliegen des Kunstmalers, das er mit seinen Werken (ein-)fordert. «Es gibt keine unpolitische Kunst», schmettert er in den Raum, ohne Wenn und Aber eine Stiftbreite Platz zu gewähren. Er hält es für unverzichtbar, dass Kunst eine Botschaft vermittelt, denn wenn ein Kunstschöpfer die Message für den Betrachter offen lasse, tue er das auch für sich selbst. Mit diesem Konkreten hat er sich über dreissig Jahre lang befasst und seine eigene Formsprache geschaffen. Trotzdem wirbelt er immer wieder neue Gewässer auf, die ihn selbst überraschen. «Lethargie ist 
gefährlich – man muss sich immer wieder neu erfinden und davon befreien, auf Bestehendes zurückzugreifen.» Wäre seine Kunst ein Fisch, man würde ihn sekundenschnell aus dem Schwarm heraus erkennen. Alleine deshalb, weil es der eine wäre, der gegen den Strom schwimmt.

Fotograf: Beat Mumenthaler