Von wegen  Männersache …

Der Lack ist ab – das gilt hier höchstens für Klischees. In dieser Karosserie-Lackiererei sind Mischbecher und Spritzpistolen fest in Frauenhand.

Souverän hantieren sie mit Spachtel und Füllmasse, eingekleidet in betongraue Overalls, übersät mit Farbklecksen. Es zischt und surrt. Arbeitsmasken schützen sie vor Schleifstaub und Farbdämpfen. So weit, so üblich. Beim Lüften der Masken die Überraschung: Muntere Mädchengesichter kommen zum Vorschein. Ihre langen Haare sind zu Pferdeschwänzen zusammengebunden. Zwar hat der Frauenanteil bei den Karosserie-Lackierern in den letzten Jahren stetig zugenommen bis auf 42%, dennoch ernten Nadja Streit und Michelle Descloux verdutzte Blicke. Frau am Fahrzeug – ein Bild, an das sich auch Heinz Rieder, Lackiererei-Leiter in der «Aaretal Garage» gewöhnt hat, mittlerweile. «Als ich vor fast 40 Jahren die Lehre zum Automaler absolvierte, wäre eine Frau in der Werkstatt schlicht undenkbar gewesen», erinnert er sich. Aber was zähle, sei die Freude an Farben und an Autos. «Ich kann mir nichts anderes mehr vorstellen», weiss Michelle aus Riggisberg indes nach nur zwei Monaten Lehrzeit, die gesamthaft vier Jahre dauert. Nach dem Schnuppern sei sie im siebten Himmel geschwebt, beschreibt die 15-Jährige ihre Begeisterung. Bereits beherrscht sie es, kleine Flächen zu polieren oder Unebenheiten mit Füller auszugleichen. Dem Zeitpunkt, an dem sie zum ersten Mal Karosserieteile lackieren kann, sieht sie voller vorfreudiger Ungeduld entgegen. Auch kann sie es kaum erwarten, selbst Auto zu fahren. Vor provokanten Sprüchen aus dem Umfeld blieb sie bisher verschont. Ebenso wie Nadja Streit, die ihre Lehre vor zwei Jahren abgeschlossen hat. «Wer mich gut kennt, hätte sich wohl nur gewundert, wenn ich einen typ­i­schen Frauenberuf gewählt hätte», meint sie und verschwindet in der Spritzkabine. «Ich schätze an diesem Handwerk, dass ich unmittelbar sehe, was ich geleistet habe», sagt sie. Die tropfgenau abgemischte Farbe auf­zutragen, erfordert Übung, Sorgfalt und ein geschicktes Händchen. «Meine Leistung ist dann gut, wenn der Kunde nicht einmal erahnt, wo ich ein Detail auskorrigiert habe», so die hochgeschraubten Ansprüche der Thunerin.

 

Beruf im Wandel

«Carrosserie-Lackierer/in» Seit rund zehn Jahren nimmt der Anteil an weiblichen Lernenden stetig zu.
Der Frauenanteil hat sich bei rund 42 % eingependelt, wobei im Jahr 2013 der Spitzenwert von 50 % erreicht wurde.
Quelle: Schweizerischer Carrosserieverband

 

Kontakt: Aaretal Garage, Münsingen

Fotografin: Nadine Strub