Wiedereröffnung in Oberdiessbach: Lauter Leder

Der neu gestaltete Laden von «Neuenschwander» bietet die schweizweit grösste Auslese an Mode, gefertigt aus dem sinnlich-schmiegsamen Naturmaterial.

Eine Lederjacke zu erstehen, beginnt wie ein Flirt: Sachte tastet man sich heran, nimmt den unverkennbaren Duft wahr, nähert sich an und spürt, ob sie passt. Wenn dem so ist, kriegt man kaum genug und will möglichst oft zusammen sein. So ergeht es Marc Neuenschwander, der jeden Tag eine seiner Lederjacken trägt. Ungezählte lederne An- und Beziehungen haben in seinem Fa­milienunternehmen angefangen: Das Le­der- und Fellfachgeschäft «Neuenschwander» besteht seit über 150 Jahren. Die Erfolgsgeschichte nahm ihren Anfang, als Gottlieb Neuen­schwander 1862 mit dem Handel von Häuten und Fellen in eine Marktlücke sprang. Vom Firmensitz aus, der schon damals in Oberdiessbach war, marschierte der Gerbergeselle bei Nacht und Nebel zu Märkten in Bern, Thun oder Langnau. Wegelagerer hielt er sich mit geladenem Revolver vom Leib. Die Chronik ist geprägt von Meilensteinen, etwa als 1899 die erste elektrische Vollbahn Europas neue Perspektiven eröffnete: Fortan gelangten die Felle über die Schiene, statt mit dem Pferdefuhrwerk zur Kundschaft im In- und Ausland. Im Untergeschoss des jüngst umgestalteten Fachgeschäfts zeugen Relikte von dieser bewegten und durchaus verwegenen Historie. Neben dem Holzkonstrukt, das einem Chalet nachempfunden ist, steht eine antike Ausmessmaschine, die bis vor zehn Jahren in Betrieb war. An der Wand dokumentieren schwarz-weisse Aufnahmen, wie Fachleute in der angrenzenden Gerberei Häute sorgfältig und umweltschonend zu Fellprodukten verarbeiten. Im Leiter­wagen stapeln sich Kuh- und Rentierfelle – so edel, dass man damit gerne gleich seinen Lieblingsplatz verschönern möchte. «Damit holperten wir früher zur Post. Wir pressierten, damit wir beim Bäcker einen Nussgipfel ergattern konnten», erinnert sich Marc Neuenschwander, der die Firma gemeinsam mit seinem Cousin leitet. Schon als Kind verbrachte er viele Samstage in der Gerberei, wenn seine Eltern arbeiten mussten. «Ich sortierte beispielsweise Kaninchenfelle, für einen Franken pro Stunde», schmunzelt er und schreitet die Stufen empor in das Erdgeschoss.

 

 

Hunderte Variationen auf 500 m2
Wie die Räume vor dem zweimonatigen Umbau aussahen, habe er schon fast vergessen. «An das Schöne gewöhnt man sich schliesslich schnell.» Die Treppe wurde raumschaffend versetzt und der Teppich durch warmtonige Steinplatten ausgetauscht, um nur zwei Elemente der Rundumerneuerung zu nennen. Das geschaffene Ambiente macht Lust, die Leder­mode zu entdecken und anzuprobieren – in einer Garderobe, so gross­­zügig, dass man darin Purzelbäume schlagen könnte. «Unser Anspruch ist, dass alle finden, was sie suchen – oder sich wünschen», kommentiert Marc Neuenschwander die glatt-wilde Auswahl an Jacken, Hosen, Jupes und Accessoires. Jene für Herren befindet sich im ersten Stock, ebenso wie das Nähatelier. Schneiderinnen, die auf das heikle Naturmaterial spezialisiert sind, flicken oder ändern Ledersachen ab. «Auch solche, die nicht von uns stammen», merkt er an, «allerdings gewähren wir auf unsere Modelle ein Jahr Garantie.» Die Schneiderinnen kürzen Ärmel, nähen Löcher unsichtbar zu und bessern Risse aus. Das Schöne an der Liebe zu Leder ist, dass ihr selbst Kratzer nichts anhaben können. Sie ist nahezu für immer, in sommerlichen wie in herbstlichen Zeiten.

Kontakt: G. Neuenschwander Söhne AG, Industriestrasse 4 , Oberdiessbach
Fotografin: Nadine Strub