Sabine Thuler: Frau der geraden Fünfen

Sie wollte nur für ein paar Monate als Bühnenbildnerin in  die USA – zurück nach Bern kam sie nach 18 Jahren. Goldkünstlerin Sabine Thuler hat das Ungerade zu ihrer eigenen Linie geformt.    

Beim Spaziergang durch den «Breitsch» erblickt man zuerst das graugrüne Schild und dann den goldenen Schriftzug am Schaufenster, an dem man sich sogleich ausgiebig die Nase plattdrückt. Wäre der Schmuck von Sabine Thuler ein Duft, es wäre eine Komposition aus zarter Vanille und kräftiger Gewürznelke.

 

Ihre Kreationen entfalten ihre Wirkung an ähnlichen Stellen wie Parfum: an Ohrläppchen, Dekolletés oder Handgelenken. Aus der Vitrine entnimmt die Designerin einen Armreif, nicht nur etwa so breit wie eine Vanilleschote, sondern auch ähnlich «unperfekt». Gerade Linien und Symmetrien sucht man in Sabine Thulers Werken vergeblich. Die Fünf gerade sein lassen, hat sie zu ihrer eigenen Kunst stilisiert: Der Schmuck ist handgefertigt, das darf man ihm ansehen.

 

 

 

Sogar bei den Edelsteinen wählt sie bewusst jene aus, die durch ihre Unvollkommenheit auffallen. «Eigenschaften, die ein Stein der Reinheit halber gar nicht aufweisen dürfte, machen ihn für mich erst reizvoll», meint sie und konkretisiert, «ich suche das Unerwartete». Das Unerwartete fand sie schon in jungen Jahren, weit weg von ihrer Heimat Gümligen.

 

Per Brief zum USA-Praktikum
Schulmüde, aber hellwachen Geistes, schnupperte sie in verschiedensten Berufen, von Handweberin bis Kindergärtnerin. Mit 18 Jahren begann sie schliesslich ihre Lehre zur Schaufensterdekorateurin in Bern. «Mein Chef verlangte zwar viel Einsatz, räumte mir aber umso mehr Freiheit ein», erinnert sie sich. Freiheit, die bis nach Frankreich führte: Vier Monate ihrer Lehrzeit absolvierte sie in Paris. Das Reisen war ihr nicht fremd; zuerst im Kleinkinder- und dann im Teenageralter lebte sie mit ihrer Familie vorübergehend im Ausland, weil ihr Vater als Forscher tätig war. Forschergeist funkte wohl mit, als sie mit 22 Jahren den Plan schmiedete, einige Monate in den USA zu leben und dort erste Erfahrungen als Bühnenbildnerin zu sammeln.

 

Bevor sie Dekolletés dekorierte, waren es Theaterbühnen: Früher arbeitete Sabine Thuler in den USA als Bühnen­bildnerin. Ihre kreative Arbeit ist kaum dokumentiert, was sie heute bedauert.

 

 

Um dem Duft der weiten Welt einige Atemzüge näherzukommen, besorgte sie sich ein Buch mit Adressen von Theatern. Eines nach dem anderen schrieb sie an. «Heute unvorstellbar», lächelt sie vor sich hin. Hundert von Hand geschriebene Briefe sendete sie aus dem aaregeschlauften Bern über den grossen Teich – und erhielt eine einzige Antwort: Ein Theater in Florida lockte mit einem Job. Dort angekommen, verduftete die Euphorie und es roch nach Ernüchterung: Statt eine Showbühne zu gestalten, sollte sie Schreibmaschine üben – und auch sonst gefiel es ihr nicht. «Mein Kopf hätte es mir nicht erlaubt, einfach heimzufahren», begründete sie, warum sie stattdessen kurzentschlossen nach San Francisco kutschierte.

 

 

 

Auf der Suche nach einer Unterkunft, blätterte sie bei einer Wohnungsagentur die Karteikärtchen durch und zog jenes einer Frau heraus: «Zimmer frei!», weil sie gerade ihren Freund rausgeschmissen hatte … «Mit meiner damaligen Vermieterin verbindet mich bis heute eine tiefe Freundschaft», erzählt Sabine Thuler, «gerade haben wir uns in Paris wieder­gesehen.» Ihre Augen funkeln dabei graublau, gleichartig wie der Spinell-Stein in der Schmuckauslage.

 

Vom Groben zum Filigransten
Sie tingelte von Theater zu Theater, kreierte Kulissen und nagelte die Bretter mit, welche die Schauspielwelt bedeuteten. Parallel dazu studierte sie Bühnenbild an der Universität von San Francisco. Doch trotz Musse für das Metier, liess sie alsbald den Vorhang zufallen. «Mir ging es darum, einen Text von A bis Z als Bild zu verwirklichen. Ich realisierte, dass man in grossen Schauspielhäusern nur ein kleines Rädchen im Getriebe ist – und in Kleintheatern verdiente ich kaum meine Brötchen.» Während der Studienzeit besuchte sie einen Schweisskurs, wieder und wieder. Sie fand Gefallen am handfesten Groben und den sprühenden Funken, unter denen sie die Metallbalken zu Stühlen, Tischen oder Regalen bog. «Nicht speziell schön», urteilt sie rückblickend über ihre Schweisskünste und schmunzelt.

 

 

Ihre ersten Schmuckstücke sahen ganz anders aus als die heutigen: Über das grobe

Handwerk hat Sabine Thuler zu ihrem filigranen Stil gefunden.

 

 

Versiert im Umgang mit Lötkolben und Zange, griff sie einer befreundeten Goldschmiedin bei Routinearbeiten unter die Arme. Eine erste Annäherung an Schmuck, die zurück in der Heimat zur tiefen Beziehung werden sollte: Wieder in Bern, wo sie ihre Heimatgefühle zuerst aufpolieren musste, widmete sie sich ersten Entwürfen aus Silber. Es ist noch keine Schmuckdesignerin vom Himmel gefallen – vom Hocker am Küchentisch schon. An ebendiesem übte, übte und übte sie. Aus einem Klumpen eine Kostbarkeit zu kreieren, hat sie sich selbst beigebracht. «Ich arbeite nicht konzeptionell, sondern nach Gefühl», beschreibt die 52-Jährige. Sie kramt einige Exemplare aus ihren Anfängen aus der Schatulle, klobige Klunker. «So Zeug würde ich nie wieder machen», kommentiert sie und lässt den Anhänger wieder im Sachet verschwinden.

Aussen glänzend, innen «grün« 
Verschwunden von ihrer Werkbank ist auch das Material Silber. Seit die Handgriffe sitzen, verarbeitet sie ausschliesslich Gold, das nicht nur funkelt, sondern auch fair ist: zertifiziertes Ökogold. Es handelt sich um recyceltes Edelmetall, das aus nachhaltigen Quellen stammt. «Wer möchte schon einen Ehering tragen, der die Lebensgrundlage anderer zerstört?», fragt Sabine Thuler rhetorisch. Die glanzlose Realität, von der sie spricht, sieht unter anderem so aus: Eine Tonne Erde muss umgewälzt werden, um 0.2 bis 8 Gramm Gold zu fördern.

 

 

Von 2007 bis 2012 arbeitete die Goldschmiedin im Lorrainequartier. Danach bezog sie ihren jetzigen Standort an der Herzogstrasse 20 in Bern, mit Atelier und Boutique unter einem Dach.

 

 

 

«Goldminen machen für mich keinen Sinn. Erst recht, weil mehr als genug Altgold vorhanden ist.» Es sei erstaunlich, wie viel Altgold in den Schubladen verstaube. Aus drei eingeschmolzenen «Goldvreneli» schmiedet sie beispielsweise einen schlichten Armreif, wobei der «emotionale Wert des Altgoldes erhalten bleibt». Während sie ein solches Edelstück innert einiger Stunden vollendet, schleift und schmirgelt sie an manchen Kreationen tagelang. Besonders aufwändig ist das Collier mit zig zierlichen Diamanten, kleiner als «Nägeli». Über die Jahre sind ihre reingoldenen Kunstwerke zwar immer filigraner geworden, doch das Archaische findet sich noch im Kleinen, auf den zweiten Blick.

 

Rund und doch nicht rund: Die Unikate der vierfachen Mutter leben vom Unpräzisen, wobei

sie ausschliesslich Recycling-Gold verwendet.

 

In der Natur eröffnet sich ihr ein Flakon an Ideen. Zuerst diffus, nehmen sie beim Experimentieren mit Knete Gestalt an, auf Skizzen verzichtet sie gänzlich. «Solche Sachen mache ich halt auch sehr gerne», entschlüpft es ihr immer wieder, während sie mal den Edelsteinring, mal die Ohrringe mit un­gleichförmigen Öffnungen gegen das Tageslicht hält. Mit diesem Modell schmückt sie sich zurzeit selbst: «Ich trage wenig Schmuck, und wenn, dann immer denselben. Schliesslich fertige ich die Unikate nicht für mich an, sondern für andere», meint sie. Ihre allererste Kundin sieht sie noch lebhaft vor sich – welche Preziose sie gekauft hat, hat sie hingegen vergessen. «Ich konnte es kaum fassen, derart geehrt fühlte ich mich», versetzt sie sich in die Situation zurück. Ungeachtet ihres Renommees als Künstlerin, hat sie sich die Bodenständigkeit einer Hand­werkerin bewahrt.

 

Manchmal duftet es im Atelier von Sabine Thuler nach Rosen. Dann nämlich, wenn ihr eine Kundin vor lauter Freu­de am erstandenen Schmuckstück ein Bouquet schenkt.