Schuhpflege: Glanz zum Niederknien

Vor zwei Jahren hat Claudio Bühlmann sein Leben neu zurechtgebürstet: Statt Unternehmen zu beraten, putzt er Schuhe. Warum er nicht allen denselben Schein verleiht und es um mehr geht als saubere Schuhe.

Manager? Berater? Oder doch Verkäufer …? Der Signore mit Hemd, Hosenträgern und akkurat gezogenem Scheitel ist selbständiger Schuhputzer – im Grunde von all diesen Berufen etwas. Höchstens seine brillanten Budapester sind Indiz dafür, dass er etwas mit Schuhwerk am Hut hat. Obwohl sie alle anderen im Raum überglänzen, meint er, sie bräuchten dringendst Pflege. «So passt es mir nicht.» Dem Auge des Experten entgeht weder das feinste Stäubchen noch die schmalste Schramme. Arbeit sieht er überall: Seit knapp zwei Jahren entstaubt Claudio Bühlmann den Traditionsberuf des Schuhputzers, der aus dem hiesigen Alltagsbild längst verschwunden ist. «Es ist in Vergessenheit geraten, wie man überhaupt Schuhe pflegt», meint der 45-Jährige. Seinerzeit erging es ihm noch ähnlich: «Mein teurer Schuh aus Italien wirkte stumpf, doch ich wusste nicht, was zu tun war. Bloss wegwerfen war keine Option». So klickte er sich durch Anleitungen im Internet, besorgte sich Putzzeug und Pomade – und traute sich anfänglich kaum, damit kraftvoll über das Feinleder zu kreisen. Doch das Glanzresultat trat einen regelrechten Schuhputz-Spleen los. «Du hast da einen Fleck!» oder «Willst du nicht mal deine Schuhe putzen …? Gib sie doch mir!», waren Sätze, welche seine Freunde zu hören bekamen. Immer mehr Schuhpaare fanden durch Claudio Bühlmanns Hände zu altem Hochglanz. Er vertiefte sein Wissen unter anderem, indem er mit Tiegeln und Tüchern tüftelte. Seine Politurtechnik perfektionierte er gar bei einem Schuhputz-Guru im Ausland. Vor zwei Jahren beschloss er, sein Büro in einer  Unternehmensberatung zu räumen und auf eigenen Füssen zu stehen – schick beschuhten, wohlverstanden. «Ich war bereit, für weniger Geld zu arbeiten – für das, wofür mein Herz schlägt», erinnert er sich an den Sprung ins kalte Wasser.

 

Er wurde zum «Noch-Früher-Aufsteher», denn um 7 Uhr sitzt der erste Kunde auf  dem «Gentlemens Chair», damit er vom Scheitel bis zur Sohle souverän bei der Arbeit erscheint. Von Dienstag bis Donnerstag errichtet er seinen thronartigen Schuhputzstuhl aus Holz mit rotem Lederbezug im Entree des Hotels Allegro, am Freitag und Samstag in der Boutique «eniline». Zwischen fünf und zwanzig Minuten hantiert er mit Naturhaarbürsten, tupft in
Dös­­chen und massiert sorgfältig Creme ein. Er mischt die Farbnuancen effektvoll zusammen und verleiht der Oberfläche Patina. «Je nach Persönlichkeit variiere ich den Glanz», beschreibt der Berner, «eher dezent bei zurückhaltenden Menschen, bei Extrovertierten verträgt es durchaus einen spiegelblanken Akzent». Wüsste er nicht, wer in den Schuhen steckte, fiele ihm die Arbeit schwer. «Schuhe sind etwas Intimes.» Fast schon wie der Glanz, gehört ein gutes Gespräch zu seiner Dienstleistung. Je nach Kunde sei er eher Seelsorger, Coach oder Entertainer. Die Leute vertrauen ihm ihre Geschichten an, fragen ihn um Rat und vergessen alles rundherum, berichtet der Schuhpfleger. Für Menschen ohne Sitzleder bietet er rund um Bern den Butler-Service an. Er holt die Stiefeletten, Slipper und so weiter am gewünschten Ort ab und retourniert sie gepflegt und vom Schuhmacher repariert, falls nötig. Dadurch hat er so manchen Einblick in Herrenschuhschränke erhascht. «Ich kenne viele Männer mit beträchtlicher Schuhsammlung, bloss behandeln sie dies diskret», verrät er. Selbst besitzt Claudio Bühlmann etwa dreissig klassische bis extravagante Modelle – jene Italiener, die ihn erst auf das Schuhputzen gebracht haben, eingeschlossen. «Anziehen beginnt für mich bei den Schuhen, dann baue ich mein Outfit von unten her auf», erzählt er. Plaudert er über Schuhe, gerät er ins Schwärmen, so wie man es sonst den Frauen nachsagt.

 


Tipps & Tricks

Wussten Sie, dass … Sie Lederschuhe nach dem Tragen einen Tag ruhen lassen sollten?
Weitere Fakten zur Fussbekleidung:

 

Imprägnieren

Wer den Schuhen etwas Gutes tun will, imprägniert sie gleich vor dem ersten Tragen. Es gilt: Oft hilft viel. Deshalb im Winter die Schuhe alle 2-3 Wochen mit Spezialprodukten behandeln.

Anziehen

Stets mithilfe von einem ergonomisch geformten Schuhlöffel einsteigen. Das schont insbesondere den Fersenteil. Ebenso beim Ausziehen: Niemals per Hand, weil dies das Leder ausleiert.

Fleckenhilfe

Oh Schreck …! Rotwein entfernt man mit einem Mikrofasertuch, getränkt mit Zitronenwasser. Salzränder verschwinden mit lauwarmem Seifenwasser und Bürste, Bluttropfen mit kaltem Wasser.

Trocknung

Too Matsch, dieses Wetter! Zuerst Schmutz und Schnee entfernen, die nassen Schuhe mit Zeitungspapier ausstopfen und bei Raumtemperatur trocknen lassen – nicht neben
der Heizung!

Aufbewahren

 

Schuhe mögen es trocken, luftig und lichtgeschützt, also weder auf dem Balkon noch in Plastikbeuteln. Damit die Form erhalten bleibt, direkt nach dem Tragen Schuhspanner einsetzen.