Modedesign aus Bern: Nacktheit zum Anziehen

 

Brustwarzen auf Blusen, Schamhaar auf Jupes: Das Künstlerpaar Anna Fischer und Marc Lauber kreiert skulpturale Silhouetten, die an der Wahrnehmung zerren.

Gemütlich sitze ich mit Anna Fischer und Marc Lauber in deren Küche, die sie öfters zur Werkstatt oder zum Nähatelier umfunktionieren. Zur Frühstückszeit schwofen die Sounds von Underground-Ikone Lydia Lunch wie diffuse Rauchschwaden in jede Ritze der Dachwohnung. Rotzig röhrt die Mutter aller Unruhestifterinnen aus den Lautsprechern – bittersüss wie der Milchkaffee, an dem ich gerade seelenruhig nippe. Diese Songs haben Anna und Marc zu den Designs von «the certain female» inspiriert. «Wir übertragen Atmosphären, die wir beim Musikhören empfinden,  in unsere Entwürfe», beschreibt Anna.

Gedanken-Pingpong als Designprozess
Obwohl es Annas Abschlusskollektion ist, die sie während ihrem Studium an der Fachhochschule Nordwestschweiz kreiert hat, sprechen beide stets in Wir-Form… Marc merkt, dass ich verdutzt bin und klärt mich auf: «Wir arbeiten Hand in Hand und befassen uns künstlerisch jeweils mit ähnlichen Themen.» Bei dieser ersten  Modekollektion haben sie sich mit der Wahrnehmung des  Frauenkörpers auseinandergesetzt – und entblössen dessen verzerrte Sicht in der Gesellschaft. 

Nimmt Anna einen Impuls auf, teilt sie diesen mit Marc – und umgekehrt. Auf ein solches Anspiel folgt ein Prozess des Zusammenfindens, ein kreatives Hin und Her. «Wie beim Pingpong», beschreibt Marc. «Keiner von uns geht Kompromisse ein», stellt Anna klar, «das ginge gar nicht!» Erst wenn eine Idee für beide stimmig ist, geht es an die Umsetzung am Material.

Spielend zu neuartigen Silhouetten: Beim Designen geht Anna ähnlich vor wie Marc, wenn er eine Skulptur gestaltet. Sie entwirft direkt an der Büste – oder am eigenen Körper.

Fashion, die das Frauenbild neu formt
Bevor Anna nochmal kräftigen Kaffee aufbrüht, zieht sie ihren Pulli aus und knotet ihn locker um die Hüften. Solche Alltagsgesten prägen ihre Kreationen. Mit simplen Handgriffen variiert sie das Volumen der Kleidungsstücke. Die gelernte Schneiderin modelliert Stoffe am eigenen Körper: «Dabei spüre ich nach, wohin das Material wie von selbst fliesst oder fällt».

Genauso ungezwungen schmiegen sich die farbintensiven Fragmente um die Figur. Ehrlich gesagt, habe ich erst bei genauerem Hingucken gemerkt, dass die Prints nackte Körperteile zeigen: Blanke Brüste und schwarzes Schamhaar. Das Kreativ-Duo fügt die «verruchten» Bildausschnitte subtil ein. Also könnte ich den Rock mit frivolem Aufdruck locker zum nächsten Sonntagsessen mit den Schwiegereltern tragen, ohne schamesrote Köpfe zu riskieren … (welch schelmischer Gedanke!).

 

Volume up: Das gilt für die Soundanlage ebenso wie für die Stoffe! Musik von Lydia Lunch inspirierte Anna und Marc zu Silhouetten, die den Körper neu definieren.

Von Nadeln im Stoffhaufen und Strickmaschinen
Von wegen Rot: Geschlagene zwei Monate lang stöberte das Künstlerpaar nach einer ganz bestimmten Rotnuance, von der sie bloss einen klitzekleinen Musterfetzen besassen. «Wir standen in Mailand in einer Fabrikhalle voller roter Stoffe, doch keiner entsprach unserer Vorstellung», erinnert sich Anna. Kompromisse mögen sie halt ebenso wenig wie Konventionen. Manchmal sucht die Bernerin nicht, sondern wird gefunden: Eine Nachbarin hat ihr eine 40 Jahre alte Strickmaschine vermacht, lang und breit wie ein Klavier.

«Wir könnten damit einzelne Elemente stricken …», sagt Marc dahin, «… und in andere Materialien einnähen, um so neue Silhouetten zu bilden», führt Anna den Gedanken weiter aus … ob das der Beginn eines ihrer «Pingpong-Spiele» ist?

 

 

Anna Fischer fertigt ihre Designs exklusiv auf Anfrage an. Zurzeit läuft ein Crowdfunding für die Produktion von «Look 6», dem Streifenkleid aus bedruckter Seide.  Ausserdem hat die Bernerin  mit ihrer Kollektion  «the certain female» den Förderpreis der  Frankfurter «Wilhelm-Lorch-Stiftung» gewonnen. Die Preisverleihung findet am 2. und 3. Mai 2018 statt.