Die Illustratorin «mit dem Vogel»

Martina Friedli lässt als «Carrier Bird» possierliche Wesen aus Tinte auferstehen. Gerade reiste sie von Bern ab, um in England ihr Skizzenbuch zu füllen.

 

An den Glasscheiben der antiken Eingangstür drücken sich Touristen die Nasen platt. Auch ich blicke zwischen Postern und Schriftzügen rein, wo sich Martinas Silhouette abzeichnet. Vage nehme ich rings herum Sächelchen wahr, die mich neugierig machen wie einen jungen Marder. Im Gegensatz zu den Touris, lässt mich Martina in ihr charmantes Atelier an der Postgasse reinwieseln. Es ist das «Geburtszimmer» ihrer komischen Kreaturen.

 

Mir kommt ein Zitat von Paul Klee in den Sinn: «Zeichnen ist die Kunst, Striche spazieren zu führen.» Martina führt «ihre Striche» nicht nur spazieren, sondern lässt sie snowboarden, Raketenglace schlecken oder paffen. Ganz schön menschlich, diese Tiere – oder andersrum? Leichtfüssiger Humor und Anspielungen sind ihr Markenzeichen geworden. Zwar malte sie schon als Küken emsig, entschied sich aber erst im letzten Gymerjahr für den Grafikdesignberuf – und verpasste prompt die Zulassung zum obligaten Vorkurs. Trotzdem fand sie eine Lehrstelle und fasste sogleich die Aufgabe, ein Maskottchen für Zermatt zu kreieren. Kaum mutierte «Wolli» zum Werbestar, juckte es Martina in den Fingern, eigene Figuren zu entwerfen. Angefangen mit einem Fisch, fanden immer mehr Motive aus der Wiege ihres Notizbuchs in die Welt hinaus – auf Postkarten, Kalendern oder Tragtaschen. «Meine erste Postkartenserie habe ich selbst ausgedruckt, auf dem Küchentisch zugeschnitten und mit Glimmer verziert», denkt sie an Weihnachten 2012 zurück. Höheren Siebdruck-Auflagen und Aufträgen für Designs von Logos bis Pralinenschachteln verdankt sie es, dass sie seit Ende 2016 selbstständig von ihrer Leidenschaft leben kann.

 

Schmuckes Atelier im ehemaligen Sarg­lager: An der Postgasse zeichnet die Bernerin nicht nur pointierte Piepmätze, sondern bald auch ihr erstes Kinderbuch.

Zurück mit einer Kindergeschichte im Gepäck

Martina fischt eine Tintenfeder aus der Blechdose, ein Sammlerstück vom Flohmarkt. Ich kiebitze, wie sie mit links kritzelt und krakelt … und schon schlüpft ein kleines Kunstwerk, was mir als «Buntstift-Banausin» wundersam vorkommt. «Ich zeichne anfangs zwar darauf los, entwickle dann aber einen hohen Anspruch – bis zur Perfektion», erklärt die 30-Jährige. «Ich mache viel und vergesse allzu schnell!» Damit sie sich genau erinnern kann, hält sie ihr Erlebtes vom Städtetrip bis zum Skitag tagebuchartig fest. Da die kunstvollen Skizzenbücher für sie von unschätzbarem Wert sind, überlegt sie, diese in einem feuerfesten Safe aufzubewahren.

 

Ideen und Impressionen festgehalten: Allein Martina Friedlis Skizzenbücher, von denen

sie jedes Jahr eines ausfüllt, sind kunterbunte Kunstwerke.

 

 

Die Tinte ihrer letzten Zeichnung ist noch gar nicht lange trocken: Sie zeigt ein Sammelsurium an Uhren, rund wie Eulenaugen. «Damit beschäftige ich mich in der nächsten Zeit intensiv», lässt sie das Büsi aus dem Sack, «ich kreiere ein Kinderbuch.» Die Idee dazu nagte sich in ihren bezopften Blondschopf, als ihr Freund ihr ein Taschenührchen zum Geburtstag schenkte. «Mehr möchte ich im Moment noch nicht verraten …», bemerkt sie mit Reh­augenblick. Um die Schnipsel ihrer Story einzufangen, reist sie nun einen Monat lang durch Cornwall. «Mein Ziel ist, mit Skizzen und einem fertigen Dossier im Gepäck nach Bern zurückzukehren». Ehrgeizige Pläne, doch in ihrer Kunst ist Martina über die Jahre flink geworden wie die Eichhörnchen, die sie so gerne illustriert.

Am Schluss schnappe ich mir ein paar Postkarten … Das surfende Meerschweinchen oder das bärtige Taubentrio? Schliesslich entscheide ich mich doch für den Zytglogge-Turm … genau wie eine Touristin.

 

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