«Paradiesvögel»: Schillernd gegen den Schwarm

Bei ihnen piept es irgendwie anders und sie beweisen Mut zur Farbflut: «Paradiesvögel» tragen die Couleur ihres Herzens nach aussen und nehmen sich die Freiheit, aus der Reihe zu tanzen.

 

Gerold Brenner: Der Mann mit dem Rock

«Sich erklären gehört dazu», bekundet Gerold Brenner, gelernter Herrenschneider mit Rauschebart und Rock. «Wenn jemand über mich lacht, lache ich mit – wegen dessen Kleingeistigkeit», so die Ikone der (hosen-)freien Männlichkeit. Jahrelang in der Modeindustrie als Stylist und Designer tätig, fühlte er sich wie ein Spatz, mitgehangen und mitgefangen mit dem Schwarm. Doch vor fünf Jahren begann er, die Massstäbe des Kleidungskäfigs durchzusägen. Seither flattert er als «Paradiesvogel» durch die reale und virtuelle Welt. Sein flügge gewordener Eigenwille erlaubte ihm, endlich Röcke zu tragen. «Ein edles Gefühl voller Grandezza», beschreibt er den Genuss, wenn der Rockstoff seine Figur umspielt. «Es ist eine Verbeugung vor Kulturen, in denen Herren selbstverständlich Tuniken oder Kilts an­haben.»

Kürzlich hat der Trendforscher die ersten Seiten seines geplanten Buches niedergeschrieben, in dem er sich mit dieser Thematik befasst. Historisch betrachtet, ist der Rock ein Herrenkleidungsstück und als solches will er ihn wieder etablieren. Der 55-Jährige prägt den Begriff «genderless», zumal er nicht einsieht, warum bestimmte Attribute einem Geschlecht vorbehalten sein sollen. «Ein Mann im Rock kann genauso viel Sexappeal ausstrahlen wie eine Frau im Smoking», meint der Überzeugungsträger. Einige Geister hat der Zürcher bereits zu öffnen vermocht: Via Instagram, wo ihm über vierzehntausend Menschen folgen, erreichen ihn Schnappschüsse von Jungs in Jupes, die er mit seinem Mode-Mut angesteckt hat. «Es ist mir eine Ehre, Inspiration für andere zu sein.» Für seine Authentizität erntet er ebenso viel Lob und Likes, wie für seine selbstgeschneiderten Gewänder. Aus ausgedienten Jeans kreiert er «denimbeseelte» Röcke, Hemden und Taschen. Seine Looks, die oft aufwändig aussehen, legt er nicht etwa fein säuberlich am Vorabend zurecht, sondern komponiert sie intuitiv in weniger als fünf Minuten. Denn Brenners Fashion-Flugbahn folgt allein einer Himmelsrichtung: dem Lustprinzip.

 

«Angebliche Regeln zu brechen, reizt mich.»

 

Im Grunde urmännlich, gesellschaftlich ver­weiblicht: Für Gerold Brenner ist der Rock kein

«Saum des Anstosses», sondern ein alltägliches Kleidungsstück für den Mann. 

Cordelia Hagi: Power-Pink als Kreativtreibstoff

Pink! Bei dieser Farbe denken viele sofort an sie: Cordelia Hagi. Pink, vom Pump über den Pony bis zur Polstergruppe, ist ihr Markenzeichen: «Es war nie mein Plan, eine Marke zu sein», so die Kommunikationsexpertin, «die Leute haben mich zu einer gemacht.» Ihr Schaffen ist derart facettenreich, dass sie alle paar Wochen ihren eigenen Lebenslauf auf der Webseite liest, um sich an alles zu erinnern. Sie entwickelte ihre Druckerei zu einer Kreativagentur weiter, erfand das gütige Fabelwesen «SchmetterFant» und akzentuierte die Stadt quietschbunt mit der Spielskulptur «SeptiPus», um nur einige Farbtupfer ihrer Palette hervorzuheben. «Ich habe kein Zeitgefühl … Pink hält mich jung, es ist mein Lebenselixier», erklärt die 52-Jährige, was sie leid ist zu erklären. Denn sie selbst empfindet sich nicht als Exotin, sondern sei einfach sich selbst.

«Im Gegensatz zu früher wirke ich schon fast brav», meint die Bernerin, «vielleicht, weil die Pink-Philosophie so stark in meinem Herzen verwurzelt ist, dass ich sie nicht mehr so stark nach aussen tragen muss.» Vor über 20 Jahren, als die Knallfarbe noch kaum populär war, begann ihre pinke Passion – allerdings prisenweise: Sie trug mal ein auffälliges Accessoire, mal Nagellack in ihrer Lebensfarbe. «Erst mit 30 Jahren brach ich aus und ging keine Kompromisse mehr ein.» Mittlerweile stapeln sich auf 30 m2 selbst bedruckte Stoffe, aus denen sie Kleider oder Möbelbezüge designt. Leute in ihrem Umfeld überfordert eher ihre Spontaneität als ihre Erscheinung. So stellt sie unversehens alle paar Wochen die Möbel in ihrer Agentur «p.i.n.k. elefant» komplett um. Eine Portion Pink gibt es demnächst als App: Mit «Brain2Go» will sie Menschen innert zwei, drei Minuten auf frische Ideen bringen.

 

«Ich habe mich nie als Paradiesvogel gefühlt.»

 

 

 Sprüht vor (Mode-)Ideen: Cordelia Hagi ist von Kopf bis Fuss auf Pink eingestellt. Foto: Sven Walliser

Schön kitschig: Mona Wey aus Hinterkappelen hat den Kopf voller schräger Ideen. 

Christof Schwab: Unangepasste Ästhetik als Ausdrucksform

Christof Schwab wirkt wie aus einer anderen Zeit, sei es aus der Vergangenheit oder aus der Zukunft. Seine selbst kreierten Looks widersprechen typischen Kriterien der Mode: Sie treffen nicht den gegenwärtigen Gusto, sind unüblich und frei von jedem gesellschaftlichen Kontext. «Hätte ich mich nicht erinnert, als Kind häufig ein Paradiesvogel gewesen zu sein, wäre ich vielleicht nicht mehr auf dieser Welt», deutet der Berner Schicksalsschläge an, die ­ihn erst dazu bewegten, seinen Impulsen nachzugehen.

Meist geht einer Outfit-Idee die Frage voraus: Wie gelingt es, ein Accessoire, das es schon milliardenfach gibt, neu zu erfinden? Inspiration findet er unverhofft, sogar beim Schrotthändler. Dort stöberte er einmal zwei rostige Bergsteiger-Harscheisen auf. Er applizierte sie, zusammen mit Bronzenägeln aus einem Renaissance-Schloss, auf einen Schultergürtel und trug diesen zu einem Cape aus Samt. Es kostet den pensionierten Lehrer keinen Mut mehr, in extravaganter Robe Konzerte und Theater zu besuchen – weil er sich an seinen Kleiderkünsten erfreut wie ein Kind und er sich so lange mit einem Outfit beschäftigt, dass er jeder Kritik standhält. «Überall gibt es Dinge zu entdecken, die mich mit interessanten Menschen zusammenführen», erklärt der 65-Jährige. «Kreateuren wie dem Goldschmied Boris Allemann, der Schneiderin Natalie Carratu oder dem Lederkünstler Felix Kohli bin ich dankbar für die Schätze, die sie mir eröffnen.»

Christof Schwab richtet seine kreativen Looks nicht nach der aktuellen Mode aus, sondern folgt seiner Intuition.

Foto: Jackie Neeracher