Möbeldesign: Das Sitzenbleiben zelebrieren

Wer ihn kennt, ist ganz versessen auf seine Sofas und Stühle: Christoph von Allmens Handwerk ist gut gepolstert mit Geschick und Gewusst-wie. Doch was, wenn ein Lieblingsmöbel dennoch nicht zu retten scheint?

Ungleichförmige Stücke und Fitzelchen aller Farben hängen aus Boxen. Polster, die sich kürzlich noch in Fahrzeugen oder auf Möbelgestellen befanden, legen ihr Innenleben aus Schaumstoff, Federn oder anderen Füllmaterialien offen. Manche Bezüge sind heruntergeschält wie Pellkartoffel-Haut. Bis diese ihr neues Kleid bekommen, dauert es noch ein Weilchen. Claudia Reichlin, die gerade die Ausbildung zur «Fachfrau Leder und Textil» absolviert hat, bezieht die Kopfstützen des firmeneigenen Autos neu. Sie stülpt das limettengrüne Leder über die Rundungen und bessert mit der Ahle nach. «Kunden wählen selten einen ­derart knalligen Farbton», kommentiert Geschäftsinhaber Christoph von Allmen. Dies, obwohl seine Musterbücher, dick wie die Versandkataloge in den 90ern, jede erdenkliche Nuance von edel bis extravagant enthalten. Von Allmen berät seine Kundschaft freilich, hält sich jedoch zurück mit Farb- und Stiltipps, sonst stehe am Ende ein Möbel im Raum, das ihm, aber nicht dem Kunden selbst gefalle. «Ich sehe meine Aufgabe darin, Anregungen zu geben, die der Kunde in seine eigenen Überlegungen miteinbezieht», präzisiert der 33-Jährige.

Das Original war billigst, die Kopie ist hochwertig: Christoph von Allmen baute den verschlissenen Lieblingssessel von Familie Steffen nahtgenau nach.

 

Ein Kriterium sei es, ob der Kunde das Stück integrieren oder inszenieren wolle. Um beides ein bisschen ging es beim Auftrag von Familie Steffen. Von Allmen erinnert sich lebhaft an den Tag, als Rudolf Steffen ein klobiges, kunterbuntes Etwas in seine Werkstatt hievte. Der Sessel, eine Mischung aus mächtigem Marshmallow und Nana-Popart-Plastik, sah aus wie eine zerdrückte Zigarettenschachtel. Nicht weiter verwunderlich, schliesslich erstand Monika Steffen den «Sonderling» zum Spottpreis – und ihre drei Söhnchen nutzten ihn sorgenfrei als Stubenhüpfburg. Von Allmens Schreckensurteil: Steffens liebster Lehnstuhl war dem Sperrgut geweiht. Doch wo Liebe im Spiel ist, ­müssen einfallsreiche Lösungen her – der Autosattler schlug vor, den Sessel komplett nachzukonstruieren. Aufwändig baute er das Billigprodukt eins zu eins mit besten Materialien nach; statt Baumarktholz verwendete er Edelstahl und statt Plastik individuell bedrucktes Echtleder.

 

Antikes aufarbeiten: Die Spezialisten verwandeln abgewetzte Möbel in ansehnliche Lieblingsstücke.

 

«Als ich den neuen-alten Sessel zum ersten Mal sah, blieb mir der Mund offen stehen», besinnt sich der Besitzer. Vor lauter Begeisterung und Materialresten 
gab er sogleich einen zweiten Sessel in Auftrag. «Genau um solche schönen Herzens­projekte zu verwirklichen, habe ich diesen Beruf gewählt», sagt Christoph von Allmen. Vor seiner Lehre zum Autosattler arbeitete der Thuner als «Bürogummi». «Ich hielt es für normal, dass Arbeit halt keinen Spass macht». Mit 22 Jahren radierte er diese Annahme aus und widmete sich dem Handwerk, nach dem ihm längst der Sinn stand. Vor acht Jahren machte er sich selbstständig, um alles zu nähen, was man nähen kann – ausser Kleider und Vorhänge. Unweit vom Fenster breitet sich der Sessel 
in seinem gesamten Volumen aus, wobei seine trashige 
Vergangenheit ungeahnt bleibt. Die Familienmitglieder verschwinden abwechslungsweise im ledernen Möbelkokon, die Füsse zum Cheminée ausgestreckt. «Wir machen einander den Lieblingsplatz öfters streitig», meint Steffen 
verschmitzt. Nicht einmal, wenn dereinst ­Dutzende Enkelkinder darauf herumtollten, würde das Designmöbel eine Delle davontragen.

 

Abgefahrene Akribie: Selbst Oldtimer-Liebhaber und Besitzer eines Käfers mit roten Ledersitzen, hat Christoph von Allmen ein Faible für Fahrzeug-Interieurs. Veredeln, Aufpolstern, Restaurieren und Pflegen zählen zu seinem Repertoire. Mürbe Sitzpolster, abgegriffene Lenkräder, hängende Autohimmel oder zerrissene Verdecke sind Fälle für den Fachmann.

Sattelfeste Designs: Das Rad kann man kaum neu erfinden, den Sattel durchaus: Der Autosattler fertigt Motorradsättel getreu dem Original oder eigenen Vorstellungen an. Er ver­schönert die Bezüge mit Stickereien oder Ziernähten. Überdies trägt er der Sattelfeste Designs: Ergonomie Rechnung und opti­miert die Polsterung mittels Schaumstoff oder Gel-Einlagen, sodass diese auf den Fahrer zugeschnitten ist.

 

 

Fotografin: Nadine Strub