«Great Wide Mountain»: Nah am Wald gebaut

Gabriel Leutenegger zweigte in seinem jungen Leben schon öfters ab – und stieg wie ein Phönix aus dem Sägemehl. Eine Geschichte von Fugen, Fügungen und Folksongs.

«All das habe ich mir selbst ­beigebracht … », raunt Gabriel Leutenegger. Da sich ein buschiger Bart um seine Mundwinkel mummelt, lässt sich ein Schmunzeln nur vermuten. Er lehnt an die Werkbank und deutet auf ein Puzzle an Holzteilen, das eine Astlänge weit vor ihm liegt. Die Ärmel seines Holzfällerhemds zurückgekrempelt, wird er puzzeln in Perfektion, um den Korpus zu komplettieren. «Die Ästhetik war mir von Anfang an wichtig», sinniert er und streicht mit der Handfläche über das Holz, als wolle er die Erinnerung in den Furchen erfühlen.

 

Schafft die Weite der Bergwelt in vier Wände: Gabriel Leuten­egger aus Thun hat sich mit seiner Holzmanufaktur «Great Wide Mountain» der authentischen Schreinerkunst verschrieben.

 

Handwerker mit jeder Faser

«Von Anfang an» ist weniger lange her, als man erahnt: ­Einen Jahrring erst zählt «Great Wide Mountain», seine Holzmanufaktur, die er in Thun eingerichtet hat. Stechbeitel, Zwingen und Sägen hängen am Werkzeugbrett, beschienen von der Morgensonne, die diffus durch die Fenster dringt und den hauchfeinen Holzstaub in der Luft enttarnt. Wenige Maschinen ruhen am Rand, bereit zum Hobeln, ­Sägen und Schleifen. Das Bestreben des 26-Jährigen, möglichst viele Arbeitsschritte von Hand auszuführen, ist verästelt vom Kopf bis ins Herz. Fliegende Späne, Staub und Schweiss sind es, was er unter «dem Echten» versteht: «Die Handarbeit macht meine Werke umso wertvoller». Schon als Junge begeisterte er sich dafür, mit blossen Händen zu hantieren, gemeinsam mit seinem Grossvater. Dieser besass die Gabe, in einem Fundstück aus dem Garten etwas Funktionales zu erkennen – Upcycling zu einer Zeit, als dieser Begriff noch ungebräuchlich war. Im ruralen Umfeld seiner Heimat Homberg auf fast 1000 Metern über Meer – dem «Dorf mit Skilift und sonst nichts» – kultivierte er seine ­Vorstellungskraft.

 

 

Gabriel Leutenegger blickt, vorbei am Schirm seines birkenhellen Caps, hinauf zur Galerie. Dort oben liegen die Bretter, die teils mehr als hundert Jahre auf dem Kerbholz haben, schlafend – bis der Schreiner deren Geschichten wachfeilt. Den Rohstoff für seine erste Kreation bezog er allerdings noch nicht bei einem Lieferanten: Er entwendete ein Geländer aus Holz, das seine Mutter am heimischen Balkon abmontiert hatte – unwissend, dass sie es lediglich ausbessern und wieder anbringen wollte. Doch das Balkongeländer hatte der Autodidakt längst in ein Bettgestell verwandelt. Für sein Meisterstück der Metamorphose erntete er ebenso viel Beifall wie Bestellungen: Auf einmal schliefen zig seiner Freunde auf einer ebensolchen originellen Konstruktion. Zuerst mietete er für sein hölzernes Hobby einen Schopf, später quartierte er sich mitsamt Baumaterial und Werkzeugkoffer bei seinen Eltern ein.

 

 

 

Büffeln statt Schafe zählen

«Eigentlich hatte ich keinen Schimmer davon, wie man ­Möbel schreinert», räumt Gabriel ein. Lag er wie so oft mitten in der Nacht wach, wälzte er nicht sich, sondern dicke Fachkunde-Ordner, die ihm ein befreundeter Schreiner auslieh. Oder ob es letztlich die Neugier selbst war, die ihm nächtelang den Schlaf rodete und ihn Literatur durchforsten liess? Schliesslich sollten die Handgriffe auf seine Hochzeit hin aufgefeilt sein, um die Einrichtung für die gemeinsame Wohnung eigenhändig zu zimmern. Nach Feierabend fummelte er an Furnieren herum, denn hauptberuflich arbeitete er noch als Multimedia-Elektroniker in Steffisburg. «Nach dem Schreinern fühlte ich mich zwar jeweils erschöpft, aber erfüllt», erinnert er sich an die Phase des ­Pröbelns zurück. Er hirnte und hobelte – beobachtete und begriff. Gabriel konstruierte beispielsweise dasselbe Möbelstück in verschiedenen Holzarten, um mit eigenen Augen zu vergleichen, wie es sich verhielt.

«Holzdesign, dem man den Baum anfühlt.»

Das Ehebett, das er selbst entwarf, fertigte er aus einheimischer Fichte. Für die Veredelung wagte er sich an eine traditionelle Technik aus Japan heran, bei der man das Holz anzündet: Durch das Ankohlen schält sich der innere Charakter des Naturwerkstoffs heraus und bildet zugleich einen Schutzmantel. Das Bettdesign stellte sich als Bestseller heraus, den er bis heute abermals anfertigt. «Alles, was ich verdiene, reinvestiere ich sogleich in die Werkstatt», stellt er klar. Das Nullsummenspiel könne er nur dank der Unterstützung seiner Frau Jael durchziehen. Runzeln ziehen über seine Stirn, sodass sie der Rinde einer alten Eiche gleicht. Kaum erzählt er davon, wie Jael in ihrer Freizeit in der Manufaktur mitanpackt, weichen sie jugendlicher Glätte. Was das Paar weitaus länger verbindet als «Great Wide Mountain», ist das Musizieren.

Ehebett als Exempel: Ein Paradestück von Gabriel Leuteneggers Kreativschaffen ist das Bettgestell aus Fichte, das er durch eine Feuertechnik veredelt, damit die Maserung markanter wirkt.

 

 

Als Gitarrist in Taiwan auf Tour

Bestärkt durch den Zuspruch der Familie, brachten sie als Duett «The Home Coming» zum Jahresbeginn die CD mit dem Titel «Rest» heraus. «Unser erstes Ehejahr erlebten wir intensiv und rastlos, was wir in gemeinsamen Songs verarbeiteten», erläutert Gabriel ihre Instrumental-Kompositionen, in denen der Ballast einer Baumkrone wiegt, durchwirkt von sprosszarter Leichtigkeit. «Die Lieder, die wir bei uns zuhause aufgezeichnet haben, sind dem Durchatmen gewidmet.» Gabriels musikalische Tonleiter reicht jedoch weit zurück: Schon als Sechstklässler zog und stiess er das «Schwyzerörgeli» derart virtuos, dass er im Radio und im Fernsehen auftrat. Als Teenager schlug er in verschiedenen Musikgruppen härtere Töne an. Zwar trommelte er Schlagzeug, doch als seine Heavy-Metal-Band damals erfolglos einen Gitarristen suchte, lernte er kurzerhand selbst das Saitenspiel.

 

 

 

Durchatmen bedeutet auch, sich zuhause zu fühlen. Ein ­Gefühl, dass für Gabriel nicht immer selbstverständlich war. Kaum hatte er seine Lehre zum Multimedia-Elektroniker abgeschlossen, verlor seine ältere Schwester den unerbitt­lichen Kampf gegen den Krebs. Seine Seele unter der vermeintlich harten Schale verwitterte. Deshalb flog er fast fluchtartig in die USA. Mit der Teilnahme an einem Musikprojekt erhoffte er sich, Distanz zum Geschehen zu gewinnen, was durchaus gelang: Nach nur einem Monat Probezeit tourte er mit der neu formierten Coverband durch Taiwan. Mit seinem lastenden Rucksack in ein leichtherziges Milieu einzufräsen, lockerte seinen tiefsitzenden Splitter im Herzen.

 

 

Nach einem halben Jahr kehrte er nach Thun zurück – mit dem Plan, baldmöglichst in die USA auszuwandern. Doch durch den Zivildienst, zu dem er verpflichtet war, ­verblasste seine Lebensskizze. «Zum guten Glück», atmet Gabriel rückblickend auf und denkt dabei an Jael, an die schlagfrisch gegründete Holz­manufaktur und an die ­wachsenden Aufgaben, die ihn mit Thun verwurzeln – Projekte wie zum Beispiel «Simplicity»: Gitarrenverstärker mit edler Holzverkleidung, für deren Fertigung er sein Können als Multimedia-Elektroniker und Möbelschreiner vereint. «Lieb­haber­stücke», sagt er noch, ehe er die Werkstatttür hinter sich schliesst, in seinen tannengrünen Pick-up steigt und nach Hause kurvt.

Vielleicht ist heute der Abend, an dem er sein Manuskript für eine Kindergeschichte aus der Schublade befreit, das seit nunmehr drei Jahren dort schlummert: Sie handelt von ­einem Jungen, der rastlos weiterzieht, bis er «seinen» Berg findet – und bleibt.

 

Fotograf: Phil Wenger