«Gstaad Menuhin Festival»: Naturgewaltige Melodien

Forte wie ein Sturm auf dem Berggipfel, piano wie ein Bächlein im Tal: Das 62. «Gstaad Menuhin Festival» strömt alpine Musikmagie aus –unter anderem durch Stargeigerin Patricia Kopatchinskaja, die heuer zwei Konzerte gibt.

Mit den Rhythmen der vier Jahreszeiten eröffnet Daniel Hope mit dem Zürcher Kammerorchester am 13. Juli das «Gstaad Menuhin Festival». Zum 62. Mal überfliessen Künstler aus aller Welt die elf Veranstaltungsorte mit ihren Klangströmen. Um das Motto zu schöpfen, schauten die Organisatoren scheinbar aus dem Fenster: «Les Alpes» huldigt der Idylle des Saanenlandes und der Anziehungskraft der Alpen, die seit jeher in Kompositionen einfliesst.

 

 

Selbst Gast und langjähriger Sponsor, verfolgte Heiner Lutz mit, wie sich das Kammermusik-Festival seit 1957 vom sinnbildlichen Wassertropfen zum Wasserfall weiterentwickelte. Zahlreiche Besucher ruhen ihre Sinne in seinem Wellnesshotel «Ermitage» aus, um sie an Konzerten abermals zu schärfen. «Kulturelle Bedeutung und Wertschöpfung sind immens», ist er felsenfest überzeugt. So flüchtig seine Begegnung mit dem charismatischen Yehudi Menuhin auch sein mochte, sie ist tief in sein Gedächtnis eingekerbt. Der weltbekannte Wundergeiger selbst fand in der alpinen Landschaft Musse. Seither ist die Welt zwar schnelllebiger geworden, doch «Les Alpes» ermuntert zur Entschleunigung.

Für Heiner Lutz, «Ermitage»-Hotelier und Verwaltungsrat «Gstaad Menuhin Festival», ein Gipfelpunkt des Programms: Das Sinfoniekonzert mit Jonas Kaufmann am 18. August 2018.

 

Berner Grammy-Gewinnerin Patricia Kopatchinskaja im Interview

Die Stargeigerin Patricia Kopatchinskaja, die mit eigenwilliger Bravour berührt, über Trophäen, Träume und das innere Ticken.

Was bedeutet Ihnen die Grammy-Auszeichnung?
Die Trophäe befindet sich in Amerika beim «Saint Paul Chamber Orchestra», mit dem ich diese gewonnen habe. Ich selbst sammle keine solchen Objekte, man müsste sie nur abstauben. Preise sind nur insofern interessant, als dass sie dazu beitragen, eigene Projekte zu verwirklichen.

Sie leben seit 20 Jahren in Bern, fühlen Sie sich heimisch?
Ja, ich kann mir keinen glücklicheren Ort vorstellen. Hier habe ich alles, was ich benötige. Gerade wenn man um die Welt jettet, braucht man ein ruhiges Zuhause.

 

Foto: Marco Borggreve

 

 

Menuhin und mich verbindet dieselbe Welt, wo die Geige spricht und weint.

Wie sehen Sie Ihrer neuen Aufgabe, der künstlerischen Leitung der «Camerata Bern», entgegen?
Neugierig, denn ich war schon als Studentin ein grosser Fan von diesem unglaublich tollen Ensemble. Es freut mich enorm, dass ich endlich in meiner Lieblingsstadt etwas bewirken kann – und weniger über Ozeane fliegen muss. Steige ich in den Flieger, begleitet mich ein zunehmend schlechteres Gewissen.

Demnach ist Reisen für Sie eher Fluch als Segen?
Einerseits ist es schön, anderseits zu viel … fast ein Fluch! Aber es gehört halt zu meinem Beruf und ich wusste sehr wohl, auf was ich mich einlasse: Meine Eltern, beide Musiker, reisten immerzu, da sie rund 300 Konzerte im Jahr gaben.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Auftritt?
Als ich noch sehr klein war und die Geige erst zupfen konnte, «geigte» ich gerne vor allerlei Gästen. Meine Grosseltern erzählten, ich habe dabei mal den Nachttopf neben mich gestellt und sogar benutzt, damit ich mein «Konzert» nicht unterbrechen musste. Das war wohl meine erste sogenannte Performance …

Foto: Julia Wesely

 

ehmen Sie das Publikum während des Spiels wahr?
Eigentlich entsteht das gespielte Stück erst im Kopf des Hörers – wenn nicht, ist der Auftritt sinnlos. Ich performe für die Zuhörer, weshalb ich sie entsprechend stark wahrnehme. Fühlt das Publikum intensiv mit, ist das die beste Inspiration. Schaut hingegen jemand auf die Uhr, beginnt es auch in mir zu ticken.

Bald konzertieren Sie in Gstaad; was verbindet Sie mit Menuhin?
Ich liebe es, dorthin zu reisen. Hier gab ich, hochschwanger, mein letztes Konzert vor der Geburt meiner Tochter. Yehudi Menuhin war Schüler von George Enescu, dem genialen rumänischen Geiger und Komponisten. Uns verbindet die gleiche Welt, voller Poesie und Nostalgie. Das Spiel und die Menschlichkeit Menuhins sind einzigartig – seine Aufnahmen erzählen so viel, dass ich sie immer wieder anhöre und dabei lerne.

An welchem Traumort möchten Sie musizieren?
Jede Bühne ist heilig. Der Traum liegt in den Stücken selbst, weil es darum geht, Menschenherzen anzusprechen. Wie ein Priester, dem seine Predigt überall gleich wichtig sein sollte, ob im Vatikan oder im Gefängnis. Als «Terre des Hommes»- Botschafterin spielte ich kürzlich in einem Genfer Spital für kleine Kinder. Das hat mich mehr berührt, als wenn ich in der New Yorker «Carnegie Hall» spielte.

Gewinnen: Tickets für «Take Two II»

Gebt euch mit geschlossenen Augen hin, wenn Patricia Kopatchinskaja und Sol Gabetta in der Kirche Zweisimmen aufspielen. An der Weltpremiere (30. Juli 2018, 19.30 Uhr) bietet das Duo hauptsächlich neue Kompositionen dar – darunter solche, die aus einem Wettbewerb via Social Media eingingen. Hier gehts zu unserem Wettbewerb.