Neues Modelabel «Miirë»: Elbischer Edelmut

Eine Zufallsentdeckung in einer alten Stofffabrik zündete den Funken, der längst in Mia Bregar schlummerte: Mode designen und lokal anfertigen. Jetzt startet «Miirë» mit eigenem Pop-up-Store in Bern von 0 auf 100.

 

Im kreativen Geist verbunden: Mia Bregar und Melanie Häusler sind «Miirë». Bis im Oktober toben sie sich nicht nur selbst in ihrem Pop-up-Store aus, sondern öffnen ihn auch für Gastlabels.

 

Die holzgerahmten Bogenfenster sind noch mit Packpapier zugeklebt. Doch im Inneren des Lokals an der Gerechtigkeitsgasse 71 bohrt und schleift Mia Bregar an ihrem Juwel: der Boutique mit Showroom von «Miirë». Das junge Label, das sie mit Schneidertalent Melanie Häusler gegründet hat, ist benannt nach dem elbischen Wort für «Juwel».

Ich klopfe mit spitzen Fingerknöcheln – dahinter klimpert und ruckelt es: die Tür klemmt! Als sie sich doch öffnet, erscheint eine … Elbin vor mir. Jedenfalls erinnert mich Mias anmutige Ausstrahlung an ebendiese Wesen von Mittelerde. Wir machen es uns auf dem blanken Parkettboden gemütlich, zumal sich das Lokal noch in charmanter Leere präsentiert. Doch schon ab nächsten Donnerstag gibt es hier nachhaltige Mode, Kosmetik, Pflegeprodukte – und Haarstylings.

Mia ist zwar ein Tausendsassa der Beauty-Szene, schliesslich ist sie seit zwölf Jahren selbstständig als Hair- und Make-up-Artist, doch den eigenen Pop-up-Store empfindet sie als Experiment. «Selbst unter die Designerinnen zu gehen und einen eigenen Laden mit Showroom zu führen, ist eine neue Aufgabe», hallt ihre samtige Stimme durch den Raum. Letzterer hat sie überhaupt zu diesem Konzept inspiriert. Auf der Suche nach einem kleinen Coiffeur-Lokal besichtigte sie das Bijou in der Berner Altstadt. Kaum setzte sie den Fuss über die Türschwelle, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. «Ein bisschen als hätten es mir die Wände eingeflüstert», erinnert sie sich. «Dann liess ich mich von meinen Eingebungen treiben.»

 

Stoff-Upcycling: Die Kreationen, wie der Mantel «Fëanor», sind sie auf wenige Stücke limitiert.

 

Glückliche Fügung als Kreativanstoss
So auch, als sie eines Tages im Abstellraum vor ihrem Wohnhaus schönste Stoffrollen entdeckte. Mia lebt mit ihrer Familie in einem Loft auf dem Areal der stillgelegten Weberei Elsässer in Kirchberg. Wie sie später erfuhr, brach einst ein Brand im Fabriklager aus und man rettete einzig diese edlen Stoffe vor dem Feuer – und vergass sie. Bis Mia diese über zehn Jahre später fand: «Für mich war das der Anstoss, endlich mein Fashion-Projekt zu verwirklichen.» Aus dem 50er-Jahre-Stoff mit Blumenprint hat sie das Kleid «Aranel» kreiert. «Der Prototyp dafür hängt seit zehn Jahren bei mir zuhause, ich änderte hie und da  etwas ab», erzählt sie, wie eines zum anderen kam.

Schnitte, welche die Zeit überdauern: Hose «Cendra» aus Leinen von der Burgdorfer Textilfabrik Schwob.

 

Made in Burgdorf: Lokal designt und handgenäht
«Ich träumte davon, meine Kollektion in einer Peripherie von etwa 20 Kilometern zu verwirklichen, jetzt sind es knapp 10», freut sie sich. Die Leinen- und Baumwollstoffe für die Meisterstücke des Minimalismus beziehen Mia und Melanie bei der Burgdorfer Textilweberei Schwob – in Laufdistanz zum Atelier. Da sie ausschliesslich Ausschussware upcyceln, gibt es von jedem Design nur wenige Stücke. «Die Modebranche krankt unter anderem am Druck, drei- bis viermal im Jahr Aussergewöhnliches zu erschaffen, was nicht zuletzt zu einer Überproduktion führt», ist die Fashion-Insiderin überzeugt. In diesem Fahrwasser schwimmt «Miirë» nicht mit: Saisonale Kollektionen gibt es nicht, da die Silhouetten zeitlos-schlicht sind und sich die Stückzahlen jeweils aus den vorhandenen Stoffmetern ergeben.

 

Einfallsreich auf verschiedene Ebenen: Das Leinentuch für die Fashion-Inszenierung hat Mia selbst bemalt.

 

Designer-Kollaborationen anregen
«Ich denke nie darüber nach, ob sich ein Design verkauft oder nicht, sondern entwerfe, wovon ich selbst überzeugt bin.»  Sie habe exakte Vorstellungen davon, wie Kleidung aussehe,  erklärt Mia. «Ich schätze mich glücklich, mit Melanie eine Schneiderin an meiner Seite zu haben, welche dieselben Visionen hat». Das sei nicht selbstverständlich. «Nicht selten schicke ich ihr mitten in der Nacht ein Gekritzel für einen Entwurf», lacht sie. Stimmt, Elben brauchen ja keinen Schlaf – sie erholen sich, indem sie ästhetische Dinge betrachten. Solche will die 38-Jährige in Zukunft nicht nur selbst schöpfen, sondern gemeinsam mit anderen Kreativschaffenden. Der Holzschuh «Amil», kreiert mit dem Berner Label «Tokushuu», sei erst der Anfang. Das glaube ich ihr aufs Wort, schliesslich beschrieb der Autor J. R. R. Tolkien die Elben als unsterblich – und ihr Wille bewirke direkt, dass Vorstellungen und Wünsche sich erfüllen.

Nächsten Donnerstag wird die Tür nicht mehr klemmen, dann nämlich steht sie weit offen:«Miirë» und «Oh, you pretty things» laden am 7. Juni 2018 ab 14 Uhr zum Eröffnungsapéro an der Gerechtigkeitsgasse 71 in Bern ein. Der Pop-up-Store besteht bis im Oktober, die eine oder andere modische Überraschung ist gewiss …

Elbenhafte Eleganz: Bluse «Rilia», entworfen und produziert in Burgdorf.

«Aranel» – aus dem Stoff, der jahrelang vergessen in einer Scheune lag, bis Mia Bregar ihn finden sollte.

 

Fotografin: Noémie Ottilia Szabo