Ait Selma: Nachhaltigkeit unter den Füssen spüren

Salomé Bäumlin designt Teppiche, Berberfrauen knüpfen sie. «Ait Selma» fasst nun festen Fuss in Bern und rollt den Teppich für Besucher aus: Jetzt eröffnet sie einen Showroom für ihre handgemachten Unikate.  

Offen gestanden: Für Teppiche habe ich mich bisher kaum interessiert, zumal ich der Steinboden- und Parkett-Typ bin. Der einzige Teppich in meinem Zuhause liegt vor der Badewanne. Das ändert sich nun: Als ich die Künstlerin Salomé Bäumlin an einem Event in der Boutique rytz kennengelernt und ihre Teppiche bestaunt habe, entfuhren mir «Ohs» und «Wows» im Minutentakt. Als ich vernahm, welche Geschichte damit verknüpft ist, wollte ich diese aufrollen.

 

 

«Tapisserie beschäftigt mich schon sehr lange», meint Salomé Bäumlin und breitet «Rhama» zu seiner ganzen Pracht aus. Das edle Unikat stammt aus ihrer Kollektion «Elemente», inspiriert von der Landschaft Südmarokkos, die geprägt ist von Hitze, karger Erde, Wind und Wasser. Als Künstlerin reize es sie, Bilder in einem Medium zu kreieren, das Zeit braucht – und das den Entstehungsprozess offenbart.

 

Schweizerisch-südmarokkanisches Gespann: Von der rohen, lokalen Schafwolle bis zum

fertigen Designteppich ist alles Hand- und Heimarbeit. 

Lebendiges Handwerk: Salomé Bäumlin hat mit ihrem Produktionspartner in Marokko

eine eigene Färberei und ein kleines Teppichatelier eingerichtet.

Nach ihrer ersten Reise nach Marokko konkretisierte sie ihre Idee, angetrieben von der Frage, welche Produkte überhaupt kulturell nachhaltig herstellbar sind: «Wir haben einen Überfluss an Konsumgütern, was berechtigt uns, noch mehr zu produzieren?» Die Suche nach der Antwort führte sie zu den Berberinnen. «Die Frauen behalten ihre traditionelle Lebensweise bei und erwirtschaften mit dem Teppichhandwerk zuhause ein Einkommen, was auch die Landflucht verhindert», erklärt die 37-Jährige.

«Mêtro», der allererste Teppich ihres Labels «Ait Selma», liegt im Kinderzimmer ihrer Tochter Malwa. «Er entsprach zwar nicht meinen Vorstellungen, ist aber trotzdem ein schönes Handwerksprodukt.» Mit Vorstellungen ist es ohnehin so eine Sache…

Urbanes Design verwoben mit Berbertradition

 

Die Künstlerin entwirft ihre Designs auf einem A4-Plan, einer Art «Übersetzungshilfe» anhand welcher sie den Berberinnen erklärt, wie sie sich das Muster vorstellt. Was Berberisch angeht, ist Salomé eine blutige Anfängerin und beherrscht gerade mal ein paar Brocken. Mittlerweile kennt sie die rund 40 Frauen aus verschiedenen Dörfern und weiss, wo deren Stärken und Künste liegen. Dennoch sind Abweichungen vorprogrammiert. Das habe auch damit zu tun, dass sich die Berber selbst als «Amazigh» bezeichnen – freie Menschen. «Dies ist in ihren textilen Arbeiten spürbar, was sie für mich umso spannender macht – manche Bestellungen sind nach wie vor ein Abenteuer». Salomé hat gelernt, dass der Gesamteindruck zählt und nicht das kleinste Detail. Für eine perfektionistische Schweizerin kein Leichtes.

Vereint in der Sache, fremd in der Sprache: Salomé Bäumlin mit drei von rund vierzig Berberfrauen, die

im wahrsten Sinn mit ihr «zusammenspannen» für die edle Teppichproduktion.

Ökologisch rücksichtsvoll: «Ait Selma» verarbeitet vor allem naturbelassene Wolle, das Färben erfolgt

ausschliesslich mit pflanzlichen Rohstoffen.

Handwerkerinnen bei der Heimarbeit: Berberfrauen setzen die Designs für die limitierten

Teppicheditionen in verschiedene Web- und Knüpftechniken um - durchaus eigensinnig.

Zwei Kulturen vereint im Handwerk

«Kulturell sind wir so geprägt, dass wir alles verstehen, nachvollziehen und optimieren wollen. Dieses Denken ist den Marokkanerinnen fremd. Dort ist alles so wie es eben ist», berichtet Salomé, «das erweckt bei ihnen manchmal den Eindruck, ich verfolge einen unmöglichen Traum». Für diesen Traum packt die Bernerin alle paar Wochen die Koffer und reist in den Antiatlas, das südlichste Grossgebirge Marokkos. «Es ist entscheidend, dass ich möglichst oft vor Ort bin. Die Berberfrauen arbeiten nicht einfach so für Fremde, hier kommt es auf gute, fast familiäre Beziehungen an», fährt Salomé fort. Früh merkte sie, dass Handwerk eine wunderbare Möglichkeit des interkulturellen Dialogs ist. «Der beidseitige Wunsch etwas zu gestalten, ist vordringlicher als die unterschiedlichen Lebensvorstellungen», ist Salomé überzeugt. Sie rollt «Rhama» behutsam wieder zusammen und damit die (Lebens-)Geschichten, die er birgt. Vielleicht lade ich «Rhama» mal zu mir in die Stube ein und ruhe mich in voller Körperlänge darauf aus, zusammen mit meinen Katzen. «Ait Selma» bedeutet schliesslich «Familie des Friedens».

 

Verliert nicht den Faden und bleibt eine Weile auf dem Teppich, wenn «Ait Selma» den neuen Showroom mit einem Sommerapéro einweiht: 22. Juni 2018, von 17 bis 21 Uhr, Jupiterstrasse 40, Bern. Der Showroom ist fortan nach Terminvereinbarung geöffnet.