Per Velo von Spiez nach Südkorea

Bevor Maria-Theresia Zwyssig einen Fuss auf «The Great Himalaya Trail» setzt, wärmt sie sich mit einem Veloabenteuer von Spiez nach Nepal auf. Nach fast 100 Tagen im Sattel erreicht sie ihr Zwischenziel: Seoul. Wie sie es schafft, bei 37 Grad Gipfel zu stürmen und welche Erkenntnis sie dank Mr. Huan gewinnt, erzählt sie selbst.

Ich bin in Seoul angekommen – mit über 23 Millionen Einwohnern die viertgrössste Stadt der Welt, ein Vorgeschmack auf Tokio. Die sechsstündige Einfahrt ging flott… bis der Fahrradweg endete! Dann war auch ich komplett am Ende: Traubenzucker, Cola, Fluchen und der Gedanke an die Ruhe am Oeschinensee halfen. Anita und Matthew aus Deutschland motivierten mich an einer Kreuzung für die letzten Kilometer. Sie sprachen mich spontan an – sie besucht ihren Sohn, der hier ein Austauschjahr verbringt. Etwas Wunderbares, wenn Mütter ihre Kinder in der weiten Welt besuchen!

Meine Woche ist gespickt von unzähligen Erlebnissen. Zwei davon erzähle ich euch: Vom Durchbeissen in den koreanischen Bergen und von Mister Huan (sprich: «Uan», das H wird nicht betont) und seinen Steinen.

Hier muss ich hoch, fragt sich nur wie …

 

Am ersten Tag im «Land der Morgenstille» fühle ich mich zurückversetzt in die tiefste Kindheit. Klein Thesi kann nicht lesen, spricht in einer eigenen unverständlichen Sprache, als sähen die Augen das erste Mal die Welt. Alles neu. Leben nach Bildern. Wie ein kleines Kind bekomme ich gleich Starthilfe von Mister Lee. Er schenkt mir Kekse und seine Lunchbox für die Weiterfahrt. Die Berge sind schon in Sicht. Bei bis zu 10% Steigung kann mich mein Velo in Balance halten. Bei über 10% muss ich schieben. Aber eben, wer liebt, der schiebt.

 

Geschafft! So sehe ich aus, wenn ich fix und fertig bin.

 

Ein Pass jagt den nächsten, etwa wie: Griesalp hoch – Griesalp runter – Griesalp hoch! 37 Grad, feucht, 4 bis 5 Liter Wasser trinke ich locker. Ich spüre den Schweiss überall, die Schweissperle läuft beim Blinzeln von der Braue in das Auge. Das Salz brennt. Bringen mich diese Berge bereits ans Limit? Am ersten Tag: JA! Diese Tatsache hält mich nachts wach, denn diese Berge sind nur der Anfang auf meine langen Reise, es erwarten mich noch ganz andere Steigungen…

 

 

Doch am zweiten Tag fühlen sich meine Beine stärker an, es geht aufwärts! Kurve um Kurve radle ich durch schönste Mischwälder, als würde ich durch ein grosses Lehrbuch fahren. In der Schule lernen wir theoretisch, was ein Mischwald ist – ich durchquere ihn. «Man hat nie ausgelernt» ist ein Spruch, den ich zuhause oft höre. Aber lerne ich nur aus Fehlern? Oder will ich immer wieder Neues lernen aus reiner Neugierde? Mister Huan (das H wird immer noch nicht betont) lehrte mich ein Stück Weisheit.

 

Ich lege eine weitere Pause ein, im Schatten eines Tempeldachs.

 

Er lebt in seiner selbstgebastelten Wellblechhütte direkt am Fluss. Ein Traumplätzchen, totale Stille, klares Wasser. Der perfekte Ort, um mein Zelt aufzustellen. Er erklärt mir irgendetwas über die Fische, zeigt mir seine über 700 Steine, kocht Kaffee. So sitzen wir auf Plastikstühlen, er erzählt und ich höre aufmerksam zu, obwohl ich ihn nicht verstehe! Er ist wie ein Grossvater, der seiner kleinen Enkelin Geschichten erzählt. Wer weiss, vielleicht versteht ja das Unterbewusstsein…?

 

Mr. Huan und seine faszinierenden Steine – sein ganzes Hab und Gut.

 

Sein Hab und Gut? Die wunderschönen, einzigartigen Steine. Für jeden hat er einen Holzuntersatz geschliffen. Mit der blauen Kunststoffflasche sprüht er ganz behutsam Wasser auf die Steine. Sofort setzt er sich wieder und deutet mir an, dass ich beobachten soll… Also, was denn jetzt? Steine bewegen sich doch nicht! Aha, ich verstehe… wir beobachten, wie der Stein trocknet und dabei langsam heller wird. Die Tiefe dieses Augenblicks berührt mich so, dass mir eine Träne über die Wange rollt.

Es käme mir zuhause niemals in den Sinn, einen Stein zu besprühen und ihm beim Trocknen zuzusehen. Aber, warum eigentlich nicht? Es braucht gar nicht so viel Zeit – aber lässt einen die Zeit vergessen. Am Morgen schenkt mir Mr. Huan einen winzigen Stein für in die Lenkertasche. Danke Mister Huan, an Sie werde ich mich immer erinnern.

 

Gastbloggerin Maria-Theresia Zwyssig

Die 330-tägige Veloreise ist nur der Vorgeschmack auf ihre eigentliche Challenge: «The Great Himalaya Trail». Maria-Theresia Zwyssig radelt an den Start der Route, die sie zu Fuss entlang den mächtigen Gipfeln über 1700 Kilometer Richtung tibetische Grenze führt – und womöglich an ihre eigene. Auf ihrem Blog  «en route» berichtet sie über ihre (emotionalen) Erlebnisse auf und neben dem Sattel. Es ist nicht das erste Abenteuer der Spiezerin: Schon 2015 fuhr sie 10 330 Kilometer weit nach Nepal.