Mein Zuhause, dein Zuhause

Manche wechseln bei «Fremden» die Strassenseite – andere öffnen ihnen nicht nur ihre Haustür, sondern ihr Herz. Von der Kunst der Gastfreundschaft.

«Ingwertee, Cappuccino oder Wasser?», fragt Claudia Luna Benes, während sie eine Porzellanschale mit getrockneten Sauerkirschen befüllt. «Mit oder ohne ‹Blööterli›?» Eine Gastgeberin wie sie leibt und lebt. Der Parkettboden knarzt und knarrt, wenn Claudia Luna ihre Füsse daraufsetzt, die in grashüpfergrünen Slippern stecken. Samtpfotig streift Diva umher, die Tigerkatze, die Besuch gewohnt ist, sich aber bei der Selektion des Schosses zum Schmiegen wählerisch zeigt. Marc streckt den Kopf durch den Küchentürrahmen und ruft «Sehr herzlich hier!», ehe er das Haus in leichten Turnschuhen verlässt. Der junge Gastronom ist einer von vielen Gästen aus aller Welt, die bei der Thunerin mit Basler Wurzeln ein und aus gehen.– wir verbrachten eine tolle Zeit, insbesondere beim Quatschen während dem Kochen», lautete das Feedback von Amrish aus Stockholm im Juni 2017.

 

Wenn Teilen erfüllender ist als Haben

Fünf Minuten vom Bahnhof Thun entfernt, bietet sie Rucksackromantikern, Auszeitangestellten und Erlebnisenthusiasten mehr als bloss ein Dach über dem Kopf: ein Zuhause auf Zeit. Das selige Gewusel vertreibt die Stille, die in der dreistöckigen Villa eingekehrt war, nachdem die Töchter auszogen. Kein Purzelbaumschlagen auf dem Parkett mehr. Kein schallendes «Mami, Mami!» mehr. Kein vollbesetzter Frühstückstisch mehr. «Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Gastgeberin bin», strahlt Claudia Luna über das ganze Gesicht. Als Goldschmiedin arbeitet sie ebenso konzentriert wie kontaktlos in ihrem Atelier, das sie in einem entlegenen Gewächshaus eingerichtet hat. Sich frühmorgendlich und feierabendlich mit immer wechselnden Wohngefährten auszutauschen, empfindet sie als belebenden Ausgleich dazu. Ihr Lehrgeld bezahlte sie in den Anfängen, indem sie ihr Nest noch vermietete, wenn sie selbst ausgeflogen war: Manche hinterliessen ihr Abfallberge, andere pechschwarze Farbflecke von der Haartönung, die sich nimmer wegschrubben liessen. Seit sie nur noch Leute bei sich aufnimmt, wenn sie selbst zuhause ist, bereichert sie Buchung um Buchung.

«Claudia Luna ist eine erstaunlich aufmerksame Frau. Wir verbrachten fünf Nächte bei ihr, am liebsten wären wir länger geblieben. Sie begrüsste uns jeden Morgen herzlich. Ich vermisse ihr Lächeln jetzt schon», schrieb Wichayakorn aus Bangkok im Oktober 2017 in ihrer Bewertung.

 

Claudia Luna huscht unter der Hängematte hindurch, die quer durch die Stube schwingt, hinaus auf die Veranda. Im Garten, zwischen Bäumen und Beeten, steht ein Zirkuswagen, den sie gerade liebevoll für den Sommer herausputzt: Das Doppelbett hat sie mit fruchtsalatbunter Bettwäsche bezogen, mit Teppichen Wohnlichkeit geschaffen und den einen oder anderen windschiefen Bilderrahmen zurechtgerückt. «Am Anfang stand mein Wunsch, einen Zirkuswagen zu besitzen. Später brachte mich eine Bekannte auf die gute Idee, diesen zu …», die Gartenvöglein fallen ihr fiepend ins Wort, « … verleihen!».

Claudia Luna bietet Exzeptionelles, schliesslich würde es auch eine Luftmatratze tun. Damit begann das aus dem Moment geborene Modell von «Airbnb» vor zehn Jahren: Als während einer Konferenz in San Francisco sämtliche Hotels ausgebucht waren, witterten Joe Gebbia und Brian Chesky einen Zustupf für ihre WG-Kasse. Sie besorgten sich Luftmatratzen und boten diese als Schlafgelegenheit auf einer selbst entworfenen Webseite feil. Die Buchungen flatterten schneller ins Haus, als eine Luftmatratze aufgepumpt ist. «Der Fremde in meinem Bett» klingt zwar nach Abenteuer, kam aber bei der Allgemeinheit an, sodass sich daraus ein Business bildete. Kritiker möchten der mittlerweile monströsen, mondialen «Matratze» einen herzhaften Pikser versetzen, sodass sie an Luft verliert. Neben den professionellen Maklern, die zunehmend mitmischen, gibt es freilich noch private Gastgeber wie Claudia Luna. Sie zelebrieren hingebungsvoll den Ursprungsgedanken der «Sharing Economy».

 

Teilen ist eine Thematik, mit der sie sich auseinandersetzt: Was benötige ich für mich allein, und was kann ich hingegen mit anderen teilen? Die Antwort finde man heraus, indem man es ausprobiere, weiss die Goldschmiedin. Statussymbole wie «Mein Haus, mein Badezimmer, mein Auto» weichen dem Gemeinschaftssinn. Die Thunerin teilt mit ihren Mitbewohnern nicht nur ihr karamellbraunes Samtsofa oder ihren blütendekorierten Drahtsesel, sondern auch Zeit. An lauschigen Sommerabenden sitzt sie gemeinsam mit Menschen aus Sibirien, Palästina oder Zürich am Lagerfeuer. Sie sinnieren mondscheinlang über Gott, Götze und Globetrotten, dazu schlürfen sie einen traubenroten Tropfen. Im kleinen Kreis tun sich weite Welten auf.

 

«Menschen wahrhaftig zu begegnen, befreit von Vorurteilen.»

Claudia Luna Benes

 

Claudia Lunas Augen flackern vor Faszination, wenn sie vom Japaner berichtet, der ein dreimonatiges Praktikum bei einem Cembalo-Bauer im Simmental absolvierte. Der Engländerin, die ein «Wasserschmecker»-Seminar besuchte. Oder dem Kandersteger, der in ihrem Zirkuswagen eine Wahrsagerszene für einen Kurzfilm drehte. «Es liegt mir, mich auf verschiedenste Menschen einzulassen», ertönt ihre warme Stimme, «mit jedem Lebensjahr bin ich offenherziger geworden.» Gastfreundlichkeit sei nicht etwas, was sie von Haus aus kenne, vielmehr habe sie diese Seite an sich später entdeckt – ähnlich wie ihre Reiselust. Mit ihrem Liebsten knattert sie im alten VW-Bus ins Blaue und Grüne, wenn ihr danach ist. «Ich bin keine Nomadin, sondern besitze Luftwurzeln», veranschaulicht sie ihr Naturell, sich flugs hier und dort heimisch zu fühlen. Sie stellt eine Vase Magnolienzweige auf den Stubentisch, die vom Baum in ihrem Atelier-Garten stammen. «Noch ein Schlückchen Ingwertee?» Dank solchen kleinen Gesten und Herzlichkeiten erlangt Claudia Luna Benes den Status des «Superhost». «Blumen von Airbnb», wie sie es nennt, unter anderem als Anerkennung für 91 % Bestnoten ihrer Besuchenden.

 

Stuttgart bis Shanghai zu Gast in Spiez

Auch Bruno Wüthrichs Profil auf der Plattform ziert das Prädikat «Superhost», in Form einer Mini-Medaille. Dem Einmaleins der Aufmerksamkeit hat er ein kulinarisches Plus addiert: Für seine Gästepaare kreiert er eigens ein Sechs-Gänge-Dinner. Rattern die Rollkoffer über die Pflastersteine des Schlossparks, kommen womöglich Weitgereiste an, die bei ihm und Ursula Rohrbach einchecken. Man stelle sich deren Augen vor, weiter aufgerissen als das Eingangstor, wenn sie eintrudeln und realisieren, dass dieses Bijou ihre Bleibe ist. Tatsächlich hält die Annonce, was sie anpreist: Turmzimmer, all inclusive. Im Hof von «Le Roselier» spendet die älteste Stechpalme der Schweiz Schatten, wenn man sich darin verliert, den Booten in der Bucht beim Schaukeln zuzusehen. «Herein, herein!», winkt Bruno Wüthrich – sein Schlüssel, sich ganz zu fühlen, liegt im Gastgebersein.

 

«Wir genossen jeden Morgen ein erstklassiges Frühstück bei schöner Aussicht. Bruno ist ein romantischer und witziger Kerl, der das Leben fröhlicher macht – eine meiner besten Reiseerfahrungen», bewertete die Chinesin Janet ihr Erlebnis im Juli 2017.

 

Kaum linst man in das Anwesen «Le Roselier» hinein, gewinnt man den Eindruck eines Fünf-Sterne-Hauses. Das kommt nicht von ungefähr, schliesslich war Bruno zeitlebens «Chef de Cuisine» an den besten Adressen der Region. «Eigentlich wollte ich Jazzmusiker werden, bis ich begriff, dass Kochen auch eine Art des Komponierens ist», erinnert er sich zurück. Im September erscheint sein siebtes Kochbuch, das er dem Thema «Tofu, Seitan und Tempeh» widmet. Zuletzt führte er sein eigenes Gourmet-Restaurant in der Bubenberghalle des Schlosses Spiez. Es lag schräg gegenüber von seinem heutigen Daheim. Ursula, selbstständige Psychotherapeutin, belebte die charmevollen Räume bereits, bevor sie sich kennenlernten und er zu ihr zog. «Obwohl ich niemals heiraten wollte, tat ich es mit 55 Jahren doch», gurrt Ursula wie eine Turteltaube. Nach neun Jahren Wirten zwangen Rückenbeschwerden Bruno in die Knie.

 

 

Doch sich zur Ruhe setzen fühlte sich so falsch an wie eine Wurstscheibe in einem vegetarischen Gericht. Mit dem «Hotel für zwei» fand er eine neue Aufgabe, in der er aufgeht: Er holt die Gäste vom Bahnhof ab, warnt sie vor Wetterkapriolen, erklärt ihnen den Schiffsfahrplan oder serviert ihnen das Frühstück auf dem Balkon mit Seesicht. Dort zieren imposante Fresken des Malers Victor Surbek die Hausfassade. Darüber hinaus begleitet er Menschen von fern und ferner an Konzerte oder beim «Pilzeln».

 

«Gerade weil unser Zuhause bezaubert, lassen wir andere daran teilhaben.»
Bruno Wüthrich

 

Der Spiezer erlebt mit, wenn Chinesen in einem Chalet ihr erstes Glas Frischmilch kosten, sich Thailänderinnen mit Chichi vor der Schlosskulisse in Pose werfen oder Amerikaner dasjenige Kapellchen beehren, in welchem ihre Grosseltern einst heirateten. Derart vertraut war er als Spitzenkoch mit seinen Gästen nie, zwischen «Guten Abend» und «Gute Nacht» gab es oft kaum Berührungspunkte. Entscheidend für ein stimmiges Zusammenleben seien unmissverständliche Ansagen, ist Bruno überzeugt. Könne man sich mal nicht auf Englisch verständigen, helfen Übersetzungsprogramme auf dem Smartphone weiter: Deutsch– Chinesisch, Chinesisch–Deutsch. «Einmal reiste eine Familie aus Shanghai an, nur, um eine Woche lang bei uns zu leben», freut sich der 57-Jährige.

 

 

Für die meisten Reisenden aus Asien sei «Le Roselier» nämlich nur ein Halt zwischen Metropolen wie Rom und Paris. Bruno und Ursula quartieren Gäste in einem Refugium zuoberst im Türmchen ein, wo jeder geschmackvoll arrangierte Gegenstand ein «Willkommen» suggeriert: Barocke Spiegel und Kerzenständer ebenso wie der sorgfältig drapierte Tüllvorhang, hinter dem sich das Schlafgemach verbirgt. Dazu gehört ein eigenes Bad, schliesslich sind noch vom Vorbenutzer triefende Zahnbürsten oder Handtuchübergaben zwischen Toilette und Duschvorhang nicht jedermanns Sache. Alphornspielen auch nicht. Im Wohnzimmer fällt der Blick auf das Blasinstrument, das das Paar oft gemeinsam mit seinen Gästen ausprobiert. «Die grosse Friedenspfeife rauchen», nennt Bruno das Gaudi, heissrote Häupter vom Pusten und Prusten inklusive. Solche Momente werden seltener: Bruno eröffnet im Sommer das Schlosscafé neu, weshalb er sein Übernachtungsangebot auf Eis legt. «Bestimmt werde ich es vermissen, Gäste im Haus zu beherbergen.»

 

Geteilte Zimmer, ungeteilte Offenheit

An Leben in der Bude fehlt es Oliver Hofer nicht, denn auch er bietet zwei von fast 9000 «Luftbetten» im Kanton Bern an. Vom Bahnhof aus trennen einen fünf Gehminuten, eine Glastür und vier Stockwerke vom «Raumschiff». Kein Ufo allerdings – kein «unbekanntes Ferienobjekt»: Über den Dächern Thuns begrüsst der 40-Jährige regelmässig Reisende aus allen irdischen Gefilden. «Hier scheint der Mond direkt herein», bemerkt er, während er den ungewöhnlichen Grundriss zeigt. Bei dessen Anblick liess sich schon manch ein Neuankömmling zu Luftsprüngen hinreissen. Im Wohnzimmer dehnt sich, lang wie ein Alphorn, ein Regal voller Schallplatten aus; nur ein Teil seiner Sammlung, die über den Daumen gepeilt 20 000 Stück umfasst. Die ersten Exemplare ergatterte er als 16-Jähriger auf seinen GA-Reisen zwischen Domodossola und Konstanz. «Anfangs habe ich die Zimmer des Geldes wegen vermietet», sagt er, «jetzt geht es um weit mehr.»

 

«Oliver ist sehr freundlich. Ich übernachtete gemeinsam mit meinen Eltern bei ihm – wir verbrachten eine tolle Zeit, insbesondere beim Quatschen während dem Kochen», lautete das Feedback von Amrish aus Stockholm im Juni 2017.

 

Oliver sitzt am runden Esstisch, wo er sich zu den zeitweiligen Zimmergenossen gesellt, sofern sie ihn dazu einladen. Er sei aufgeschlossen, verhalte sich aber zurückhaltend. Durch seine Wohnung wehten schon Gerüche von Massaman-Curry bis Peking-Ente, zumal sich der Werktagsvegetarier sowohl Badewanne wie Backofen mit den «Unbekannten» teilt. Seltsame Gepflogenheiten seiner temporären Türnachbarn nimmt er mit Humor. Etwa, wenn sie den Schlüssel sicherheitshalber zehnmal umdrehen oder den eigenen Reiskocher mitschleppen. Negative Erlebnisse beschränken sich auf drei Eingecheckte aus der Innerschweiz, die masslos Alkohol in sich hineinschütteten, bis ihnen ihre Zungen nicht mehr gehorchten. «Dennoch versuche ich, auf jeden Gast unvoreingenommen einzugehen», bekräftigt er, «ich möchte etwas zu einer offeneren Gesellschaft beitragen.» Bei anderen Menschen zu übernachten, dabei ihre Lebensweise zu beobachten und ihren Waschmittelduft einzuatmen, frische die Selbstwahrnehmung auf.

 

«Anfangs ging es mir ums Geld, jetzt um gesellschaftliche Ideale.»
Oliver Hofer

Das weiss Oliver, Inhaber des Musikvertriebs «Godbrain», aus eigener Erfahrung: Als Kind globetrottete er mit seinen Eltern per Auto und nächtigte in «Bed & Breakfast» Unterkünften, auf welche ein Schildchen am Strassenrand hinwies. Später tourte er als DJ durch die Partyszene, in der jedes unansehnliche Sofa eine sehnliche Schlafgelegenheit bedeute. Auch er sei weder schubladen- noch schablonenfrei, räumt der Oberdiessbacher ein. Sich seinen Ressentiments bewusst, gehe er dagegen an: «Wer sich für vorurteilslos hält, heuchelt.» Auch seine selbst attestierte Introvertiertheit trickst er aus, indem er sich zwingt, Wildfremde anzusprechen oder eben als Gäste willkommen zu heissen. Pling! Gerade als er am Plattenspieler steht und die Nadel auf das Vinyl absenkt, leuchtet eine neue Anfrage im Posteingang der Mailbox auf. «Um Vorurteile und Misstrauen aus der Welt zu schaffen, braucht es vor allem eins: offene Türen», verlauteter und nimmt die Buchung an.