Auf einen Flausch mit Illustratorin Gina

Gina kitzelt das Tier im Menschen, zieht Bambi einen Mickey-Mouse-Pulli an und verbreitet haarige Katzenweisheiten. Doch die Berner Illustratorin kann auch anders als flauschig: Sie flucht mit Fineliner und Fantasie.

Statt einem weissen Kaninchen mit Uhr ist es ein weisser Chinchilla-Kater mit Matrosenuniform und seekrankem Blick, der mich in den (Alt-)Bau von Gina Graeser lockt. In der Brunngasse stürze ich nicht minutenlang abwärts, sondern schlendere den schmalen, schummrigen Gang entlang zum Atelier.

Im Türrahmen mustert mich ein Javanese mit vorbildlichem Krawattenknopf. Zum Glück gibt es nicht mehrere Eingänge und ich muss nicht erst einen Schrumpf-Zaubertrunk zwitschern, um hindurchzugehen. Hinter der Tür liegt ein Kreativzoo, in dem die Pinguine, Lemure oder Nashörner nicht in Gehegen, sondern in Bilderrahmen leben. Beinahe stolpere ich über den sitzbanklangen Dackel «B-e-n-c-h-y», dann stakst ein langbeiniger Flamingo in Louboutin-Stöckelschuhen vorbei und kaum setze ich mich, springt mir ein markig getigerter Sextourist im Hawaiihemd auf den Schoss, mit ausgefahrenen Krallen…

… als die Fantasie endgültig mit mir durchzugehen droht, höre ich Ginas Stimme: «Ich liebe Tiere, sie gefallen mir einfach», schnurrt sie, «egal in welcher Stadt ich bin – Berlin, Paris oder Tokio – einen Besuch im Naturhistorischen Museum plane ich fix ein.»

Futter für ihre Kreativität: Tiere wie Lemuren inspirieren die Berner Künstlerin, die ihr

Handwerk unter anderem in Tokio vertiefte.

«Flying Fluff» geht in Rauch auf: Eine Illustration, die Gina für ein Buch kreiert hat, dessen Seiten als Zigarrettenfilter dienten.

Keiner zu klein für grosse Träume: Der Lemur und der Tapir, herangewachsen aus unzähligen Fineliner-Strichen.

 

Menschen vertierlichen – nicht umgekehrt
Bevor sie mit einer Illustration beginnt, recherchiert sie haargenau und fuchst sich in die Thematik ein. Fakten inspirieren sie. So steht auf dem Pulli der Feldmaus, die mich mit glänzendschwarzen Guckern beäugt: YOLO – «You only live once». Der Clou: Feldmäuse haben eine Lebenserwartung von nur einem Jahr. «Es geht mir nicht darum, Tiere zu vermenschlichen», präzisiert die 33-Jährige, «ich kreiere Menschen mit tierischen Charakterzügen».

Aufgewachsen in Bern, weilte und wuselte Gina Graeser häufig auf dem Bauernhof ihrer Grosseltern, wo sie Hund, Ziege und Pony gleichzeitig spazieren führte. Ihr Weg zur freischaffenden Illustratorin war indes kein Spaziergang. Vielmehr war es, als hätte sie ihr Talent für das Zeichnen beim Durchtraben verschiedener Berufsreviere stets an der Leine bei sich geführt, es aber nicht freigelassen. Noch nicht.

Gezeichnet hat sie ihr Leben lang, doch dass dies ihr Beruf werden könnte, blieb unbewusst. Wohin also mit all der pickenden Kreativität? Auf die Häupter! – Gina machte eine Lehre zur Friseurin. «Dort habe ich gelernt zu schuften – und mit Menschen umzugehen, ob alt oder jung, gut oder böse.» Schon während dieser Zeit füllte sie Tagebücher mit Illustrationen, die sie aber für sich behielt. In ihren frühen Werken beschäftigte sie sich mit starken Frauenbildern und stellte oft sich selber dar, um ihre Gefühle wie Wut oder Trauer zu reflektieren.

Handgezeichnete «Hudere»: Zum zweiten Mal designt Gina Graeser die Schlämperlige-Shirts für MIS MAGAZIN.

 

Kein Kind mehr und doch nicht erwachsen: Porträt eines tagträumenden Bambis aus Ginas Teenager-Tierserie.

Der Hang zu Haarigem ist geblieben – facettenreiche Fellmuster faszinieren sie. Gina hat die Gabe, schmuseweiche Strukturen zu skizzieren, die ich streicheln – oder mehr noch – in denen ich mich aalen möchte. Motive wie Fische oder Insekten kribbeln kaum in ihrer Künstlerhand. Eine rauchende Raupe wird mir hier also nicht begegnen. Auch keine grinsenden Katzen übrigens, dafür Katzen, die mich zum Grinsen bringen: «Cat Wisdom» heisst ihre putzig-provokante Unikat-Bilderreihe im Miniformat, die der «Kultomat» gegen Münz ausspuckt. «The man of my dreams is a feeder» oder «I love you …not», steht darauf. Das Katzenhalterleben ist eben kein Törtchen.
Daniela verlässt das Wunderland.

Die zweite limitierte Edition der Schlämperlige-Shirts, illustriert von Gina Graeser und handgedruckt im Atelier Margrit, ist exklusiv im Online-Shop erhältlich.