Analogfotografie: «Was den Unterschied ausmacht? Die Seele»

Der Berner Rafael Buess, einer der letzten seiner Gilde, munkelt im Dunkeln. Als Printer der analogen Fototechnik wedelt er in seinem Labor aus grossformatigen Bildern mehr heraus als Schwarz und Weiss: die Seele.

Hell weckt und neckt Dunkel. Dunkel kontert, sträubt sich flirrend davor, sich aufzuhellen. Doch der pechschwarze Hintergrund verschluckt das anthrazitfarbene Haar. Dirigent dieses Schwarz-Weiss-Belichtungsspiels ist Rafael Buess. In der Hand hält er eine kellenförmigen Schablone, mit der er bestimmte Stellen der projizierten Porträt-Aufnahme beeinflusst, die er selbst fotografiert hat. Der Teint des Models Mona spiegelt sich in seinen runden Brillengläsern, durch die sein interpretierender Kennerblick auf die Projektionswand mit lichtempfindlichem Fotopapier zielt. Er wedelt vor Mona herum, als wolle er sie aufscheuchen. Mit diesen zackigen Gesten erweckt er fotografische Emotion. Doch diese ist erst Stunden später sichtbar: Nach drei Bädern in Chemikalien und Wasser.

Sein grösster Feind: Staub. Rafael Buess prüft das Negativ mit einem Blick, der 25 Jahre lang geschult ist.  Für das  perfekte, fertige Bild kann gut und gerne ein Tageseinsatz nötig sein.

 

Das Entwickeln dauert gut drei Stunden – pro Bild. «Wenn nicht mehr», sagt er, während er die Belichtungszeit auf ein Post-it kritzelt. 200 Sekunden. Bei Rafael Buess geht alles Schritt für Schritt. Und manchmal alles von vorne: Einmal, zweimal, dreimal, viermal, fünfmal. «Ob das Bild gut herausgekommen ist oder nicht, ist jedes Mal ein Kick», beschreibt Rafael. «Auch noch nach 25 Jahren Erfahrung in der analogen Foto-Entwicklung». Er suche manchmal händeringend nach dem «Haar in der Suppe» – nach dem Fusel im Bild.

 

Wissenschaft für sich: Der Berner arbeitet nach demselben Entwicklungsprinzip, das seit 150 Jahren gilt. Manche Apparate in seinem Fotolabor sind über 30-jährig, andere hochmodern.

 

Formate, die fast niemand mehr analog entwickelt

Ein Fotoworkshop im Gymnasium wirkte, als hätte man den Auslöser gedrückt – und ihn bis heute gedrückt gehalten: Rafael richtete damals im Keller seines Elternhauses ein Fotolabor ein, in das er tagein, tagaus zum Tüfteln abtauchte. Damals passten die Abzüge noch in die Brusttasche seines weissen Arbeitskittels. Heute vergrössert er Werke bis zu 3 x 2.4 m – nicht als Bogen, sondern als Rollen. Diese bewegt er während der Bäder stetig hin und her, damit sie sich gleichmässig entwickeln. Allmählich geht mir hier in der Dunkelkammer ein Lichtlein auf. Ich erinnere mich an die Zeit, als wir noch Filme einschickten, um Tage später die Fotos abzuholen. Hoffen, bangen, hoffen, bangen. Ich riss das Kuvert jeweils an Ort und Stelle im Laden auf. Während mich Bilder mit schwarzem Querstrich oder dem Daumen meines Vaters ärgerten, erfreuten mich die gelungenen Schnappschüsse umso mehr.

 

In der Dunkelkammer daheim: Neben eigenen Aufnahmen entwickelte der Autodidakt jene von anderen Kunstschaffenden, beispielsweise für limitierte Editionen.

Finessen finden: «Die Reduktion auf Schwarz und Weiss macht das Bild lebhafter. Farben lenken ab und wirken oft überladen», ist Rafael Buess überzeugt.

 

Mona, die sich in Rafaels Labor grossartig entwickelt hat, lehnt nun an einer Wand in seinem angrenzenden Atelier. In ihren strahlenden Augen meine ich vieles zu lesen. Selbstsicherheit. Entschiedenheit. Ein «Ich-habe-die-Nase-voll». Von was? Von der digitalen Dauerdokumentation? Den analogen Spiegelreflexkameras, die auf dem Schrottplatz landen, weil Smartphones deren Job übernehmen? Rafael schiesst Bilder. Wir hingegen ballern sie, um sie blitzartig zu beurteilen. Und noch blitzartiger zu löschen. Zwar gebe es in der Schweiz nur noch zwei, drei Fotolaboranten wie ihn, aber er stelle fest, dass sich zunehmend junge Menschen mit dem «Gegenteil von digital» beschäftigen. Womöglich weckt die konfettibunte Flut an Bildern die Sehnsucht nach einem schwarz-weissen Unikat.

 

Pinsel statt Pixel: Rafael Buess retuschiert von Hand statt mit Photoshop – wobei die Funktionen des Programms nach ihren analogen Vorgängern benannt sind.

Spezialist mit Grösse: Die Fotolaboranten, die noch Grossformate analog entwickeln, kann man en einer Hand abzählen.

 

Ein gutes Bild ist ein gutes Bild, aber …
Warum eigentlich so zeit- und kostenintensiv, wenn es digital so einfach ginge, frage ich ihn stichelnd. «Wer sich auskennt, sieht den Unterschied sofort», entgegnet der 44-Jährige. «Ob analog oder digital – ein gutes Bild ist ein gutes Bild. Aber: Das Analoge hat mehr Seele.» Wenn ich näher an das Porträt herantrete und Mona in die Augen schaue, fühle ich, was er damit meint, korngenau sogar. Es scheint, als hätten ihre Pupillen mich fixiert. «Das Bild erhält mehr Substanz», führt er weiter aus, «Schwarz-Weiss ist eine Reduktion, welche die Bildaussage verdichtet».

 

Alle Facetten von Schwarz und Weiss: Stimmen Helligkeit, Kontraste und Schatten? Der 44-Jährige begutachtet Abzüge, die er für zwei Künstler entwickelt hat.

Filmreifes Format: Die Porträts, die Rafael Buess selbst geschossen und gedruckt hat, dienen als Ausstattung für das Set des Kurzfilms «THE PEOPLE ARE THE BRAND» von Adrian Perez.

 

Er greift zum feinen Pinsel und deckt tupfend ein weisses Pünktchen an Monas Hals ab, wohl bei der Belichtung durch ein Stäubchen verursacht. Sogar die Retusche ist beim Rafael Buess Handarbeit, die er meist im Takt von Jazz-Rhythmen ausführt. «Diese Porträtserie möchte ich weiterverfolgen … und ausstellen, irgendwann», bemerkt er, als er die steile Holztreppe zum Mezzanin  hinaufgeht, das er sich wohnlich eingerichtet hat. Mona blickt ihm hinterher.

 

Eigene Kunst: Der «Anhänger des Analogen» präsentierte seine eigenen Werke unter anderem schon im Rahmen einer Gruppenausstellung in der «Kunsthalle Bern».

Kiloweise Fotogramme: Rafael Buess experimentiert mit Gegenständen, die er direkt belichtet. 150 solche Fotogramme zierten eine Wand im «Winkel» in Bern.