Designerin Nadine Bucher mustert die Welt

Schachtdeckel, Sanddünen oder Stangensellerie – Inspiration findet Nadine Bucher an jeder Ecke und über den Wolken. Die Kreativität der Designerin, die als Flugbegleiterin den Blickwinkel wechselt, tangiert weite Kreise von Kunst zu Kulinarischem.

Es beschleicht einen das Gefühl, man habe sich verfahren. Ein Abbiegemanöver in einem extremen Winkel ist ­nötig, um doch zum Haus am Hang zu gelangen. Vorbei an einem kreisrunden Plätscherbrunnen und eskortiert von summenden Bienchen, gelangt man zum  Eingang des Wohn- und Wirkungsorts von Nadine Bucher. Von ihrer Terrasse aus überblickt man die Landschaft von den Alpen bis zum Neuenburgersee.

Die vereinzelten Häuser wirken wie Miniaturen aus einem 3D-Architekturmodell. Felder ziehen ihre scharfen Konturen, die verschwimmen, wenn man von der Sonne geblendet die Augen zusammenkneift. Würde man mit Nadine Bucher das Spiel «Ich sehe eine Form, die du nicht siehst» beginnen, man würde haushoch unterliegen.

Grafisch gesinnt: Egal, was sie betrachtet, es verwandelt sich vor ihren Augen in ein Muster. Aufgrund dessen designt sie Stoffe und Accessoires, die unter anderem in den Boutiquen «Otis» in Bern und «Cascade» in Langenthal erhältlich sind.

 

Die Aargauerin, die seit acht Jahren in Bern lebt, sieht die Welt in Geometrien, als hätte sie eine Schablone vor Augen. Schachbrettgemusterte Schmetterlinge flattern in das idyllische Bild, auf dem der Blick weiden möchte, bis es Halm für Halm abgegrast ist. Abertausende duftende und blühende Stauden ringsherum sind nicht nur das Schlaraffenland von farbig gekleideten Faltern, sondern auch jenes von fünf Bienenvölkern. Von der Terrasse aus erhascht man einen Blick auf ihre Hotelkasten mit sechseckigen Zimmern. Mit dem Imkern, das sie in einem zweijährigen Kurs erlernt hat, erfüllt sich Nadine Bucher den süssen Traum vom eigenen Honig.

Auf dem ovalen Tisch steht eine Gemüsequiche, daneben kinderfaustgrosse Mini-Cakes mit Zitrone und Rosmarin, arrangiert auf einem Keramikplättchen mit krakeligen Wellen­linien. Auf den Tellern liegen zum Dreieck gefaltete Papiertücher mit auffälligem Muster. Es ist ein verkleinertes Abbild ihres Schaffens, denn all das hat Nadine Bucher selbst kreiert – vom Kuchenrezept bis zum Serviettenmuster. «Es stimmt: Ich mache vieles, das eine oder andere davon noch nicht ganz so perfekt, wie ich es anstrebe» – es bleibt nicht das einzige Mal, dass ihre Bescheidenheit durchschimmert wie Sattschwarz unter Flauweiss.

«Darf es noch ein Glas Eistee sein, Wasser oder Bier – oder sonst gerne etwas?» Man kann sich lebhaft vorstellen, wie sie diese Fragen den Passagieren im Flugzeug stellt. Doch bevor Nadine Bucher als Flugbegleiterin die Erdkugel umrundete, machte sie eine Lehre zur Arztgehilfin und liess sich nur zwei, drei Jahre später zur Bäuerin ausbilden. «Ich war die einzige Schülerin, die nicht aus einer Bauernfamilie stammte», erzählt sie. «Insgeheim hegte ich damals die romantische Hoffnung, einen Bauern kennenzulernen …»

 

Beflügelnder Beruf: Die handgestickten Flugstrecken, die ihre Einsätze als Flight-Attendant während eines Jahres abbilden, waren an der «Craft Biennale» in Südkorea ausgestellt.

 

Doch als sie während des Praktikums auf einem Bauernhof allmorgendlich zuerst eine halbe Stunde lang die Kaninchen kraulte, mit den Hühnern schwatzte und ihr der Landwirt bei jedem herzig bewimperten Kälbchen versprechen musste, dass es am Leben bleibt, wurde klar: Aus ihr wird nie eine waschechte Bäuerin. Von dieser Ausbildung ge­blieben ist die Freude am Selbermachen. «Einmachen entspannt mich», lacht die 45-Jährige.

Eine Zeit lang «entspannte» sie dermassen ausgiebig, dass sich 600 Gläser Konfitüre von Apfel-Caramel-Fleur-de-Sel bis Ingwer-Honig im Keller auftürmten. «Ich habe alle auf einmal an einem Markt verkauft», sagt sie. Sie schaut zum Himmel hoch, wo der «Hausmilan» seine Nichtecken in die Luft schneidet. Legt ihr der jagdlustige Kater eine Maus unter den Tür­rahmen, verschenkt sie diese an den Milan weiter. Ein kurzer Pfiff reicht aus, damit er sich die Gabe greift.

Nadine Bucher ist sich weitaus höhere Flughöhen gewohnt, als sie der Milan je erreicht. «Alles begann vor nunmehr zwanzig Jahren, als ich ein Stelleninserat in der Zeitung entdeckte», erinnert sie sich und schenkt hausgemachten Eistee nach. Ihr damaliger Freund hielt gar nichts von der Idee, dass sie sich als Flight-Attendant bewarb. Doch sie tat es heimlich – und erhielt prompt eine Zusage. Über den ­Wolken taten sich neue Horizonte auf: Die Welt von oben inspirie­rte sie.

 

Zig Zimmer in Zentimetern

Die Holz- und Steinbildhauerei, mit der sie sich schon länger nebenher beschäftigte, rückte in den Fokus.  Zugunsten des Bachelor-Studiums «Fine Arts» verbrachte sie bald mehr Zeit auf dem Boden Berns als in der Luft. Doch damit war die Zielgerade noch nicht erreicht: Sie hängte ein Masterstudium in Design und Mana­gement in Luzern an. Bereits bei ihrem Abschlussprojekt zeichnete sich ab, wie zentral das Unterwegssein von A nach B – und von B nach A – für ihr künstlerisches Wirken ist. Sie verwandelte eine 50-jährige, ausrangierte Gondel aus Zermatt in ein Erlebnishotelzimmer, «Marmota blue» genannt. Das «blaue Murmeltier» sollte jedes Jahr an einem anderen Standort aus der Winterruhe erwachen, doch eine Einsprache versetzte das Designprojekt in ewigen Schlaf.

Hellwache Gedanken zum Übernachten machte sie sich auch für ihr Projekt «Estë»: Ein Baumbett, das sich in die Rundungen der Rinde schmiegt und so einen Stammplatz mitten im Wald oder Garten schafft. Wie ein Jungvogel fällt Nadine Bucher aus dem Nest, wenn sie nachts eine Idee ereilt oder im Halbwach ein Muster ihre geschlossenen Lider als Leinwand bespielt. Sowohl Notizbuch und PC als auch die Motorsäge müssen stets griffbereit sein, wenn die Kreativität sie wachrüttelt.

 

Einnisten mit «Estë»: Mit dem von ihr konzipierten, mobilen Baumbett schlummert man dort, wo sich Specht und Spatz gute Nacht sagen.

 

Ein weiterer Grund, warum sie Daheim und Designatelier unter einem Dach braucht. Mehrere Morgen im Monat erwacht sie jedoch nicht hier, sondern im Hotelzimmer. Hunderte davon hat sie schon akribisch vermessen. Die Grundrisse setzt sie im Massstab 1:100 zuerst als Holzmodell um und giesst sie dann in Gips ab. Wie Bauklötzchen angeordnet, beispielsweise für eine Ausstellung im Kunsthaus Langenthal, erwachsen sie zur «Room Town», der Stadt der Räume.

 

«Room Town»: Seit Jahren misst sie die Grund­risse aller Hotelzimmer aus, in denen sie übernachtet hat. Hundert solche Gipsmodelle aneinander­gereiht, offenbart sich das Ausmass an Ästhetik.

 

Vollendete Vogelperspektiven

Nach einer oder höchstens fünf Nächten verlässt sie die U-, L- oder T-förmigen Hotelzimmer, um ihren Dienst in der Flugzeugkabine anzu­treten. Ihre Wunschdestinationen, die sie ihrem Arbeit­geber nennt, richtet sie danach, wo spannende Kunst-Happenings stattfinden; Singapur, Miami, Chicago, Muscat.

Zwischen Begrüssung, Sicherheitsinstruktionen und Snacksservieren drückt sie sich die Nase am Flugzeugfenster flach. Sie bestaunt die Landschaft, die wankend unter ihr vorbeizieht: In Kreisen von Wasserbungalows, Rechtecken von Rennbahnen oder Quadraten von Häusermeeren erkennt sie die Muster für ihre Stoffe. Zuerst war ihre aktuelle Kollektion geprägt durch Formen aus der Natur.

 

Leben in einer Inspirationsquelle: Ihr Zuhause ist ihre Homebase, von der sie regelmässig ausschwärmt, um mit einem Kopf voller Ideen zurückzukehren. Neben ihrem Designatelier stehen Küche, Werkstatt und Webstuhl allzeit bereit für jedweden Anflug von Kreativität.

 

«Ich habe gezeichnet und gezeichnet, bis ich mir eingestehen musste, dass ich mit dem Resultat unzufrieden war», erzählt sie. «Im Landeanflug auf Tokio schaute ich aus dem Fenster, erblickte ein Bewässerungssystem, schoss ein Foto – und realisierte, dass ich schon viele solche Luftaufnahmen besitze.» Ein neues Konzept rollte über die Landebahn. Von der weiten Welt zurück im kleinen Kämmerchen verarbeitet sie ihre Fotos und Eindrücke weiter. Ihr «Langstreckenflug im Bürostuhl» beginnt: Wochenlang sitzt sie bis zu 18 Stunden täglich am Computer, nach der Essenz suchend wie eine Biene nach dem Blütenkelch. Sie denkt um die Ecke, eine Idee überrundet die nächste, sie pröbelt an der Quadratur des Kreises.

Manchmal experimentiert sie mit anderen Stilen, doch landet sie immer wieder bei der minimalistischen Geometrie, bei sich. Sie bleibt sich linientreu. Schon als Kind habe sie das Gesicht verzogen, wenn ihre Mutter ihr ein Blümchenkleid anzog. Nadine Bucher kreiert fünfzig, sechzig Muster, die sie allesamt an das Mood-Board pinnt. Um jene zehn für ihre Stoffkollektion zu erlesen, geht sie davor auf und ab, ab und auf, auf und ab. «Wenn das Auswählen zu lange dauert, stimmt etwas nicht und womöglich sind die Muster noch nicht gut genug», weiss die selbstkritische Textil- und Objekt-Designerin. Schliesslich gilt: «Des Künstlers Gefühl ist sein Gesetz» ­(Caspar David Friedrich, Maler der Frühromantik, 1774–1840).

Aus den Schachtdeckel- oder Schiffscontainermustern entstehen neben Meterstoffen für Kleidung auch Seidenfoulards. In Kleinserie bei «Mitloedi» im Glarnerland gefertigt, eine der letzten Textildruckereien der Schweiz, werden die 45 nummerierten Foulards mit Unikat-Charakter im Appenzell handrolliert. «Es liegt mir am Herzen, dass alle Arbeitsschritte in der Schweiz erfolgen.» Für die Stoffkollektion aussortierte Dessins verwendet sie für Servietten- oder Post­karten-Editionen.

 

Von wo überall sie selbst Postkarten versenden könnte, veranschaulichen ihre Jahresflugstreckenpläne, die sie präzise mit weissem Faden auf anthrazitfarbenen Grund handgestickt hat. «Von Weitem wirken die Netze aus Punkten und Linien lustigerweise wie Blüten», bemerkt sie, während sie die Stoffbahnen sorgfältig aufrollt. Gerade hat sie diese per Post aus Südkorea retour erhalten: Sie waren Exponate an der Jubiläumsausgabe der internationalen «Craft Biennale», zusammen mit dem gläsernen Specht-Nest «Picus A». Erneut klopfte das Thema «Zuhausesein» aus ihrem Herzen – ähnlich laut wie das Klopfen des Spechts im nahegelegenen Wald, das sie oft vernimmt.

Sie grübelte, wie wohl dessen Nest von Innen aussehe und wie sie diesen verborgenen Wohnraum sichtbar machen könne? Um dies herauszufinden, bat sie den Forstwart, beim Baumfällen Ausschau nach Nisthöhlen zu halten. Wider grosse Erwartungen konnte sie zwei Wochen später einen solchen Strunk im Wald abholen. Entzwei gesägt, diente dieser als Form zum Befüllen mit heisser, honigflüssiger Glasmasse: Der Berner Glaskünstler Thomas Blank blies das Nest nach alter Handwerks­tradition aus. Nadine Bucher versucht sich auch selbst im Glasblasen. «Wenn ich eine Idee habe, will ich sie mit eigenen Händen umsetzen und lernen, was dazu nötig ist», macht sie deutlich. «Ich gebe nicht auf, bis es rundläuft, selbst wenn ich die ersten Exemplare wegwerfen muss.» Ihren Ehrgeiz wecken Stein, Glas oder Keramik ebenso wie Holz. «Ich versuche, jedes Jahr ein neues Material in meine Arbeit einzubeziehen. Eines Tages will ich selbst eine Form drechseln und in Glas ausblasen.»

 

Talente in einen Topf werfen

Die Drechselbank, an der sie millimeterdünne Schalen fertigt, steht in der zur Werkstatt umfunktionierten Garage. Hier, wo es abwechselnd nach Apfel oder Zedern duftet, flüstern an einem Tag die Feilen, an einem anderen heult die Motorsäge auf. Dem grob gezahnten Gerät sind schon Skulpturen in Form von Papierschiffen oder Bonbons entsprungen. «Ich weiss von jedem Holzstück, woher es stammt. Wer eine Skulptur kauft, bekommt die Koordinaten vom Standort, wo der Baum stand», erzählt sie und hebt eines der filigranen Holzplättchen von der Werkbank. Die Elemente, deren Silhouetten man in den Stoffmustern wiederfindet, balanciert sie zu einem schwerelosen Mobile aus. «Ein Deko-Objekt für meine nächste Vernissage im August.»

 

Gedacht, getan: Nadine Bucher geht es um das Selbermachen und um das Handwerk. Sie besucht nicht nur selbst Kurse im In- und Ausland, sondern unterrichtet an der Schule für Holzbildhauerei in Brienz.

 

 

Zwischen Strünken und Spänen hat sie darüber hinaus Butterlöffel geschnitzt oder Schneidebretter geschreinert. Einige davon sind in ihrer Küche aufgereiht, wo schon das nächste Projekt köchelt. Bereitet sie die Zutaten für ein Gericht vor, beginnt das Spiel von Neuem: Ich sehe eine Form, die du nicht siehst. Zum Beispiel im Kerngehäuse eines Apfels oder im Querschnitt eines Stangenselleries. «Ich klügle an einem Kochbuch mit eigenen Rezepten, bei denen ich jeweils die grafische Ästhetik einer Ingredienz aufnehme und als Muster interpretiere», verrät sie.

Bei all den Arten von Strichen, die Nadine Bucher zieht, ist einer bestimmt nicht dabei: der Schluss­strich. Man fragt sich, was sie eigentlich nicht kann. «Singen, Tanzen … und Dichten», zählt sie auf. Ihr Mund formt sich lachend zu einem Halbkreis.