Beat Mumenthaler: Der fotografierende Menschenfreund

Für seine aufrichtigen Charakterbilder erhält er inter­nationale Auszeichnungen. Doch ihm geht es um etwas Bedeutungsvolleres als Ruhm: Die Essenz echter Emotion.  Eine Nahaufnahme von Beat Mumenthaler. 

Er liebt Nähe. Er hasst es, wenn er nicht weiss, ­woran er bei einem Menschen ist. Manches ist Schwarz und Weiss, bei manchem gibt es keinen Graubereich. Anders bei seiner Fotokunst: Er leuchtet Persönlichkeit in all ihren Schattierungen aus. «Sogar bei einem simplen Business-­Porträt lernen manche Leute etwas über sich selbst», stellt er fest. Beat Mumenthaler ist ein Gesichterleser, der jede einzelne Bildzelle mit Lebensgeschichte anreichert. Furchen, gepflügt vom Alter. Falten, eingenagt vom Kummer. Krater, eingewalzt von der Schlaflosigkeit. Augenringe, auferlegt von der Arbeit. Krähenfüsse, eingepickt von Lachanfällen. Sprossen, aufgemalt vom Sonnenbad. Er geht nicht nah ran, sondern hautnäher.

Eingestellte Kamera, unverstellte «Charaktergringe»: Für seine Serie von Bergbauern schoss er fünfzehn Porträts in zwei Tagen. Für das Einzelne blieb ihm meist wenig Zeit, denn manche Bergbauern sind so knorrig, wie sie aussehen.

 

Die Tatsache, dass dazwischen eine Linse, eine Mattscheibe, ein Pentaprisma, ein Autofokus und etliche Sensoren sind, macht er mit etwas wett, das man nicht lernen kann: Empathie. «Ich lasse mich auf die Menschen ein und meine es ehrlich mit ihnen, das spüren sie», beschreibt der 45-Jährige sein Feingespür. Er scheut sich nicht, dieses zu zeigen. Wie beim Foto­shooting mit einer Frau, die unheilbar an Krebs erkrankt war. Konfrontiert mit der Endlichkeit des Lebens, schuf er ­Erinnerungen, während ihm selbst die Tränen herunterrannen. «Man teilt einen intensiven Moment zusammen. Wenn sich eine Person öffnet, empfinde ich das als kostbares Geschenk.»

 

Kaffee als Türöffner: Mehr Zeit als für das Fotografieren selbst verwendete er bei der Umsetzung seiner Bergbauern-Serie darauf, sich in Adelboden bei Einheimischen durchzufragen.

 

Der Passepartout zu diesem Sichöffnen ist manchmal ein Wort, ein Witz oder – wie bei den Bergbauern – eine Tasse starker Kaffee. Mehr Zeit als für das Fotografieren selbst verwendete er bei der Umsetzung seiner Bergbauern-Serie darauf, sich in Adelboden bei Einheimischen durchzufragen, an Stalltüren zu klopfen und gemeinsam in der Küche Kaffee zu trinken, um Vertrauen zu gewinnen. «Mit Bergbauern kann man kein Bild erarbeiten, man muss es eiligst einfangen», schildert er. Nichts ist zurechtgerückt, weder Haar noch Hosenträger. «Greife ich zur Kamera, verfliegt die authentische Ausstrahlung meist, meine Herausforderung ist, diese zurückzuholen.»

 

Nichts ist zurechtgerückt, weder Haar noch Hosenträger. «Mit Bergbauern kann man kein Bild erarbeiten, man muss es eiligst einfangen», schildert Beat Mumenthaler seine Erlebnisse.

 

Ob Bergbauern oder Berühmtheiten wie Bundesräte – er hält jenen flüchtigen Augenblick fest, in dem sich eine Person selbst am ähnlichsten sieht. «Es geht mir weder um Inszenierung noch um Effekthascherei. Ich mache unverfälscht sichtbar, was einen Menschen ausmacht» – Seele statt Sensation. Blindlings beherrscht er den ­ungesicherten Seiltanz am Grat zwischen schonungslos und entwürdigend. Denn Beat Mumen­thaler braucht keine rosarote Brille, um Schönheit jenseits von Schokoladenseiten zu sehen. Rosarot wäre ohnehin so fehl am Pixel wie alle anderen Farben: Die Reduktion auf Schwarz und Weiss verstärke die Aussage, sodass nichts mehr vom Individuum ablenke. Nichts, ausser zwei züngelnde Chihuahuas.

 

Der Blick bleibt haften wie zähe Spucke an den Wangen: Beat Mumenthalers Bild der Lady mit der «Der-Teufel-trägt-Prada»-Attitüde ist mehrfach international ausgezeichnet.

 

Das Bild der Lady mit der «Der-Teufel-trägt-Prada»-­Attitüde, die sich von den Chichi-Hündchen lethargisch das Gesicht lecken lässt, ist mehrfach international ausgezeichnet worden. Ausgerechnet – denn eingereicht hatte er es in der ­Kategorie «Fashion», die ihm so fern liegt wie porenlose Photo­shop-Puppengesichter von der Wirklichkeit. «Das Bild war lange in meinem Kopf, bevor ich es umsetzte.» Der Blick bleibt daran haften wie die zähe Spucke an den Wangen. Wer Tierliebe wittert, tappt im Schwarzen: In­s­piriert ist das Motiv von Wolfsjungen, die ihre Mutter ablecken – nicht aus Zuneigung, sondern aus Hunger. So untypisch die Kategorie, so typisch das Kunststück, das er vollbrachte: Eine Beauty-Aufnahme, jenseits der Schönheits­ideale. Von letzteren wendete er sich ab, kaum hatte er 2011 mit der professionellen Fotografie begonnen. Zwar hatte er sich in der Aktfotografie einen Namen gemacht, doch sah er sich satt am Glatt. «Die perfekten Körper langweilten mich, sie waren zu weit weg vom echten Leben», so der zweifache Vater.

 

«Ich habe den Drang, zu erleben, wie es wirklich ist. Dafür gehe ich so nahe ran wie möglich.» Auf Augenhöhe dokumentierte Beat Mumenthaler 2017 das Leben der Menschen in einem Flüchtlingscamp im Libanon.

Herzlichkeit statt Depression: Die Erfahrung im Libanon sei intensiv gewesen, aber ganz anders als von der geheizten Stube in Steffisburg aus erwartet, resümiert der 45-jährige Starfotograf.

 

Dieser Drang nach dem Aufspüren und Inhalieren des echten Lebens führte ihn 2017 in ein Flüchtlingscamp im Süden des Libanons. Die Erfahrung sei intensiv gewesen, aber ganz anders als von der geheizten Stube in Steffisburg aus erwartet. «Ich hatte mich auf Aggression und Depression eingestellt, doch stattdessen spürte ich Herzlichkeit und Gastfreundschaft», resümiert er. «Eigentlich wollte ich im Camp übernachten, um den Alltag der Menschen möglichst unmittelbar zu erleben, doch das war mir nicht erlaubt.» Als ihn einer der jungen Geflüchteten bat, auch mal selbst zu fotografieren, händigte er ihm die Kamera ohne zu zögern aus.

 

Sein Stil ist Ausdruck seiner selbst: Mit der Kamera, die er zur Konfirmation geschenkt bekam, knipste er Menschen und Makros. Während der Lehrer­ausbildung verfeinerte Beat Mumenthaler seine Fertigkeiten und fand über die Akt- zur Porträtfotografie.

 

Das Foto, das der Junge von Beat ­Mumenthaler geknipst hat, zeigt ihn, wie er oft wirkt: nachdenklich (siehe oben). Er sei ­einer, der an das Gute im Menschen glaubt und selbst Gutes tun ­wolle. Ausdruck davon ist sein «Fairness-Tarif» für Porträtaufnahmen in seinem neuen Studio ­in Steffisburg: Zahl, so viel du kannst. Der Starfotograf setzt damit ein Zeichen gegen ungleiche Chancen, beispielsweise bei der Bewerbung auf einen Job. «Niemand soll ein schlechtes Bild abgeben müssen, nur weil er sich kein besseres leisten kann», findet er. Seine Bilder sieht man lebhaft vor sich, selbst wenn man die Augen schliesst. Doch auch er bleibt haften: der Mensch Mumenthaler.