Upcycling statt Babybrei: Ein Mann schreibt «kapitel2»

Zehn Jahre lang war Anderas Hauswirth vor allem Hausmann. Jetzt legt er den Schalter um und tritt mit «kapitel2» als Upcycling-Lampenbauer ans Licht. Ein ausleuchtender Atelierbesuch in Köniz.

Licht zündet allmählich wieder ins Bewusstsein, schliesslich «herbstelt» es. Das merke ich gerade dann, wenn ich es mir am Feierabend mit einer Zeitung auf der Terrasse gemütlich machen will, die Buchstaben aber schon nach wenigen Zeilen verschwimmen, als hätte wer die Druckerschwärze verrieben. Und wenn das Handydisplay das Hellste rundherum ist, sodass Mücken dagegen prallen. … schon dunkel!

Das Kuschelige daran: Endlich wieder Lämpchen um Lämpchen anknipsen und sich mitsamt der Zeitung goldgelb bescheinen lassen. Wie Licht sein soll, davon hat Andreas Hauswirth einen Schimmer: Schmeichelnd statt strahlend, als erhellende Inseln. «Licht fasziniert mich seit jeher», meint er und erinnert sich zurück an die Zeit, als er als Flugbegleiter in dunkelste Himmel hineinflog oder sich hoch über Städten flirrende Lichtermeere auftaten. Der Duft von Kerosin habe ihn damals angelockt, fügt er an.
«Ich wollte etwas finden, dass ich selber machen kann, vereinbar mit der Familie.» Er begann damit, ausgediente Möbelstücke umzugestalten mit Fellen, Stoffen und Klunkern. «Oje…», entfährt es ihm, als wir Fotos seiner schrillen Kreationen durchscrollen. «Egal, was du machst, du triffst immer den Geschmack von irgendjemandem», so seine denkwürdige Erkenntnis.

Es steht gut um seine Entwicklung: Andreas Hauswirth hat Stehlampen ausgetüftelt mit Eichenholz von einer Schreinerei in Huttwil und variablen Leuchtkörpern.

 

Hausmann, aber als arbeitslos angesehen
«Die schrägen Sichtbetonwände des Vitra-Designmuseums inspirierten mich zum Winkel meiner Stehlampen», erzählt der 54-Jährige. Während unserem Gespräch kommt ein Architekt aus dem Büro nebenan, grüsst und fragt, ob der Raum denn hell genug sei für uns… Eine Aufmerksamkeit, über die ich schmunzle, zumal sich hier im Atelier von Andreas Hauswirth Leuchte an Leuchte reiht. Anderthalb Jahre habe er getüftelt, um sich allmählich vom Basteln zum Bauen zu entwickeln: Den Bohrer an Brettern angesetzt, Kabelschlaufen gezogen, Achsen ausbalanciert, Schalter getestet. Konstruieren, das hat er im Kern, denn er lernte Maschinenzeichner und war für verschiedene Ski-Firmen zugange, bevor er seinen wohl herausforderndsten Jobs antrat: Hausmann.

 

Im Schein des Scherenschnitts: Ein Modell von Andreas Hauswirth zieren Motive von Scherenschnitten, die sein Götti aus Papier angefertigt hat.

Warmes Licht: Das Ambiente beschäftigte den 54-Jährigen, der Teilzeit in der Bibliothek Neuenegg arbeitet, schon damals, als der noch als Flugbegleiter von Spot zu Spot jettete.

 

«Als Louisa das Licht der Welt erblickte, beschlossen meine Frau und ich, dass ich zuhause bleibe», erinnert er sich. Schliesslich war sie die Besserverdienende. «Ich liess mich zwar mit Haut und Haar darauf ein, wie es wirklich ist, konnte ich nicht ahnen…» Putzen, kochen, wickeln, waschen – und alles wieder von vorne, tagtäglich. Sein weltumspannender Wirkungskreis schrumpfte auf einmal auf viereinhalb Zimmer. In seinem ländlichen Wohnort Neuenegg galt er als «der Arbeitslose mit Kinderwagen». Er musste einiges einstecken, zu sonderbar das Bild des Hausmannes. Anfänglich gedachte er, stundenweise von Zuhause aus zu arbeiten. Doch das Baby mit dem Schoppen füttern und gleichzeitig ein Business-Telefonat führen war wie im Finstern tappen. Zwar geniesst er es, die Tochter aufwachsen zu sehen, doch blitzt ein Funke Wehmut auf: Die Drähte zur Arbeitswelt schienen gekappt zu sein.

 

Erproben bis zur Erleuchtung: Während anderthalb Jahren hat der Familienvater vom Sockel bis zum Stecker experimentiert, bis ihn sein Entwurf euphorisierte.

Selbst im Scheinwerferlicht: Im November und Dezember dieses Jahres präsentiert er seine Entwürfe erstmals an den Messen «blickfang» und «Design22».

 

Von schrillen Schubladen zu schlichten Stehlampen
«Ich wollte etwas finden, dass ich selber machen kann, vereinbar mit der Familie.» Er begann damit, ausgediente Möbelstücke umzugestalten mit Fellen, Stoffen und Klunkern. «Oje…», entfährt es ihm, als wir Fotos seiner schrillen Kreationen durchscrollen. «Egal, was du machst, du triffst immer den Geschmack von irgendjemandem», so seine denkwürdige Erkenntnis.

 

Kreativ von Haus aus: Während seiner Zeit als Vollzeit-Hausmann hatte Andreas Hauswirth den Geistesblitz, durch Upcycling etwas Eigenes zu schaffen.

 

Wirrwarr, das war mal. Inskünftig fertigt er nur noch ein bestimmtes Design: Weiss bemalt, mit Fell bezogen und mit Scherenschnittsujets dekoriert. Die traditionellen Scherenschnitte seines Göttis Ueli Hauswirth dienen ihm hierfür als Vorlage. «Vielleicht bin ich mehr Entwickler als Designer, zumindest noch», sinniert er. Ich sehe ihn vor allem als findigen Upcycler. Einer, der in Stoffresten Kommodenbezüge und in Blechbüchsen oder Metallkörben Lampenschirme sieht.

Gestaltet er Möbelstücke, schimmern Eindrücke von Reisen durch, zum Beispiel den dunkelgrünen Stahlträgern mit Nieten an einer U-Bahnstation in Berlin.

Aufgemöbelt: Der Neuenegger bemalt ausgediente Kommoden mit weisser Farbe, auf welcher er anschliessend Scherenschnittmotive auslasern lässta

 

Es ist Mittag geworden. Andreas Hauswirth löscht die Lichter und macht sich auf nach Hause. Wenn Louisa von der Schule kommt wird das selbstgekochte Mittagessen schon auf dem Tisch stehen. Sein Rahmen ist zwar nach wie vor gegeben – aber Lichtstrahlen durchbrechen diesen zunehmend, je älter seine Tochter wird.

Als ich abends Zuhause Lämpchen um Lämpchen anknipse, denke ich über Hausmänner nach. Ich wünsche mir, es gäbe mehr davon, damit sie endlich aus dem Schatten der Gesellschaft treten. Genauso selbstverständlich wie dass es heller wird, wenn ich den Lichtschalter drücke.

Andreas Hauswirth präsentiert seine Leuchten, die er unter dem Label «kapitel2» entwirft, an der «blickfang»-Messe in Bern, vom 16. bis 18. November.