«Unheimliches Thun»: Eine Zeitreise durch die Altstadt

Die neue Führung «Unheimliches Thun» lüftet haarsträubende Geheimnisse, die bisher hinter den Stadtmauern verborgen blieben. Nina Frauenknecht begleitete drei Nachtwächter in das Thun der Vergangenheit und erlebte gruselige Gänsehaut-Momente.

«Treffpunkt: Hotel Freienhof» stand auf dem Infoblatt zur Stadtführung «Unheimliches Thun». Ob ich mich an der Reception melden muss?, überlegte ich und schaute mich um. Die Frage löste sich so schnell in Luft auf wie eine schwarze Katze in der Nacht, als ich einen Mann in langer, dunkler Kleidung und mit einer Hellebarde in der Hand erblickte. Das konnte nur einer der drei Nachtwächter sein, die uns durch die Stadt führten.

 

 

Tatsächlich! «Mein Name ist Jakob. Ich wurde im Jahr 1467 geboren und habe Haarsträubendes von meinen langen Nächten als Wächter in Thun zu erzählen», brummte er mir Augenblicke später zu, als unsere Gruppe die Aare in Richtung Obere Hauptgasse überquerte. Beim ersten von zehn Stopps hielten wir an, um den schaurig-schönen Geschichten von den Nachtwächtern Jakob, Ursus und Lienhard zu lauschen. Sie entführten uns in das Thun des Mittelalters, brachten uns zum Schmunzeln und Schaudern mit Erzählungen über Torschlusspanik, Nachttopfleerungen, Hinrichtungen und Fingeramputationen.

 

 

Begleitet von den letzten Sonnenstrahlen stiegen wir zum Stadttor hinauf. Oben angekommen, berichtete Nachtwächter Lienhard von Herr und Frau Bieri, die draussen auf dem Feld beim «Schnurre» die Zeit vergessen und im wahrsten Sinn des Wortes «Torschlusspanik» hatten. Die detaillierten Schilderungen und das schauspielerischen Talent der Nachtwächter zeichneten ein lebhaftes Bild – ich sah das Ehepaar vor mir, wie es nach Einbruch der Dunkelheit um Einlass flehte. «Ding, Dong»! Die Kirchenglocken rissen mich zurück in die Gegenwart … oder in die Vergangenheit? Ach, ihr wisst schon was ich meine – die Grenzen der Zeit waren längst verschwommen.

 

Lienhard (Jon Keller) schildert, wie er das Stadttor bewachte…

Folterungen und Hinrichtungen gehörten im Thun

des Mittelalters beinahe zur Tagesordnung.

Nach einem Zwischenstopp beim Schloss Thun stiegen wir die Treppe hinunter in die Stadt. Die Dunkelheit breitete sich langsam aus und ich war froh, dass die Nachtwächter uns mit ihren Laternen den Weg leuchteten. In der Ferne veranstaltete ein Schwarm Raben ein schrilles Kräh-Konzert – eine Szene, die Hitchcock nicht gruseliger hätte schreiben können. «Die pechschwarzen Vögel versammeln sich jeden Abend mit gespenstischer Pünktlichkeit und kreisen um die Baumkronen», flüsterte mir Wächter Ursus zu, als könnte er Gedanken lesen. Mich schauderte es – täuschte ich mich oder war es auf einen Schlag zehn Grad kälter geworden?

 

 

Zurück im lebhaften Treiben der Altstadt liess mein Herzklopfen langsam nach. Als wir den Rathausplatz überquerten, erfüllten Gläserklirren und fröhliches Gejohle aus den Beizen die Nacht. «Vor 500 Jahren hätte ich hier alle festgenommen», verkündete Ursus mit einem schelmischen Schmunzeln. «Damals galt nämlich: Kein Wein nach neun»

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Als wir zum Schluss des knapp zweistündigen Rundgangs durch die Obere Hauptgasse schlenderten, warf ich einen Blick über meine Schulter. Kaum zu glauben, was in diesen engen Gässchen, auf diesen Pflastersteinen Unheimliches passiert ist … Zurück im Hotel diskutieren wir bei einem wärmenden Teller Mehlsuppe angeregt über die gehörten Geschichten, die mir noch heute im Kopf herumspuken.

Schnallt euch an für eine Reise in die Vergangenheit und reserviert gleich einen Platz für die Stadtführung «Unheimliches Thun» . Der Rundgang findet am 26. Oktober und 30. November 2018 ab 19 Uhr statt.