Jungdesignerin aus Burgdorf bombardiert Klischees

Nina Yuun schafft den Spagat zwischen sexy und sofatauglich: Das junge Designtalent kreiert in ihrem Burgdorfer Kelleratelier von nordkoreanischen Soldatinnen inspirierte Mode, die Gender-Klischees bombardiert.

Edle Tropfen lagern, werkeln oder «Brauche-ich-vielleicht-im-nächsten-Leben-noch»-Krempel vergessen – dafür sind Keller da, oder? Mitnichten: Nina Yuun nutzt das Souterrain des Hauses ihrer Schwiegereltern nicht etwa, um Trödel verschwinden zu lassen, sondern um Trends zu erschaffen.

Gespannt tripple ich der jungen Designerin hinterher, die steilen Treppenstufen hinab in den Keller, ihrem kreativen «Kokon». Zwischen Nähmaschine und Bügelstation hängen sie, die Entwürfe ihrer Debüt-Kollektion «Nabile-Ra». «Flight of the Butterfly», klärt Nina mich auf, was der koreanische Begriff bedeutet. Selbst im schummrigen Kunstlicht erkenne ich die Kleidungsstücke wieder, die ich kürzlich an der Talentshow «Mode Suisse» an mir hatte vorbeiflattern sehen. Mein zweiter und dritter Blick lohnt sich – wie bei Schmetterlingen erkennt man die Finessen erst, wenn man sie von Nahem betrachtet. bringen – das ist ein Befehl!

«Der Designprozess beginnt stets bei mir selber, bei meinen Erfahrungen und Emotionen», so die Modemacherin aus dem geschäftigen Seoul, die im beschaulichen Burgdorf Kreativ-Kraft schöpft.

Inspiration aus unerwarteter Ecke: Nordkoreanische Soldatinnen inspirierten die 29-Jährige zu ihrer ersten Kollektion, die Uniform-Details mit Loungewear vereint.

Angriffslustiger Schmetterling: Kaum hatte sie ihr Modedesign-Studium in Basel abgeschlossen, schafft sie mit ihrer Debüt-Kollektion «Nabile-Ra» sogleich den Sprung auf den Catwalk der «Mode Suisse – Edition 14».

 

Politische Botschaft als Inspiration vernäht
Details wie Schnallen, Kasten-Konturen und Kellerfalten weisen auf ihre unerwartete Inspirationsquelle hin: Uniformen von Soldatinnen und Soldaten der nordkoreanischen Armee. «Die brisante Beziehung zwischen Nord- und Südkorea, meinem Heimatland, beschäftigt mich», beschreibt die 29-Jährige. «Interessanterweise noch stärker seit ich 2015 in die Schweiz gekommen bin.» Sie greift die Symbolik der Strenge auf, um sie mit fragilen Feinheiten zu durchbrechen: «Sinngemäss geht es darum, die Ideologie zu überwinden, zu besänftigen, herunterzufahren». Attribute von Kampfmonturen, beispielsweise der Kamikaze-Bomber, formiert sie mit loungigen Linien zum Chill-out-Militärchic.

 

Zum Designen in den Keller gehen: Nina Yuun kam 2015 der Liebe wegen in die Schweiz – mit Art-Direction-Erfahrung und der Vision für ein eigenes Label im Gepäck.

(Zu)gepackt: Tragbarkeit ist für Nina Yuun ein zentralen Aspekt: «Mode, die toll aussieht,

aber nicht in einen Reisekoffer passt, befremdet mich».

 

Kreationen, die sofatauglich und unisex(y) sind
Nina, deren Mutter und Grossmutter ebenfalls Modedesignerinnen sind, erschüttert damit strammstehende Stereotypen: Sie forscht nach neuen Formen, um Weiblichkeit auszudrücken. «Schweizerinnen scheinen mir befreiter von Geschlechter-Schablonen zu sein als Koreanerinnen», fällt ihr auf. «In meiner Heimat eifern die Frauen jener Optik nach, die aus klischeehafter Männer-Perspektive anziehend ist: übertrieben sexy». Dem entgegengesetzt, wirken Ninas Looks feminin, fernab von frivol: Haut ja, aber subtil. Wildkatzen-Muster ja, aber handgemalt.

An der Kleiderstange, wo sich auch ihre T-Shirts mit ebendiesem neu interpretierten Animal-Print befinden, erblicke ich ein Modell, dessen Art ich bisher in die «Schön-ist-anders»-Schublade einsortiert habe: Eine beige Hose mit abtrennbaren Beinteilen. Erinnerungen an die Funktionsbekleidung, in die sich Hinz und Kunz aus Hinterfultigen für Höhenwanderungen hineinwursten, schwirren vor mein inneres Auge wie lichttrunkene Nachtfalter. Doch Nina gelingt sogar, ein solches «Unteil» aufzuraffen: «Lass Rüschen rauschen!», lautet ihr Kunstkniff. Was ich – zugegebenermassen des Öfteren – mit gerümpfter Nase quittiere, scheint die junge Modemacherin anzuregen: «Ich finde es inspirierend, wie geradezu sorglos sich hierzulande manche Leute kleiden». Einmal mehr ist alles eine Frage der Perspektive.

 

Reizvoll relaxter Militärchic: Nina Yuun findet mit unaufgeregten Looks, die es gemäss ihren Plänen bald in Boutiquen zu kaufen gibt, neue Ausdrucksformen der Weiblichkeit.

 

Marsch, Marsch! Zurück aus dem Atelier, betrachte ich ihre Ideen bei (Tages-)Licht: Der Weg dahin ist wohl steiler als die Kellertreppe, doch was Nina Yuun hier im Untergeschoss kreiert, könnte es in die obersten Etagen der Modehäuser schaffen. Fashion-Insider sollten sich schon mal in Achtungstellung bringen – das ist ein Befehl!