«Cervo Volante»: So geht nachhaltig, du Hirsch!

«Cervo Volante» hat mit  Bio-Lederschuhen schon Spuren hinterlassen im Moderevier. Jetzt entlässt das röhrende Kreativlabor seine erste Accessoire-Kollektion in die freie Wildbahn.

Wäre ich im Wald, hätte ich mich längst verlaufen. Aber hier, mitten in Zürich, orientiere ich mich an den Strassenschildern: «Neumarkt» steht da und ich wittere «Cervo Volante». Das Label ist zwar neu auf dem Markt, aber bereits der Platzhirsch unter den nachhaltigen Lederdesignern. Seit Juni dieses Jahres bietet das Kreativ-Kollektiv hier seine Damen- und Herrenschuhe aus Bio-Leder feil. Das blecherne Zunftschild über dem Schaufenster verrät, was für welches: Hirschleder.

Die Jagd auf nachhaltige Unikate führt zum Neumarkt 24 in Zürich.

 

Dem inbrünstigen Engagement von Chemikerin Kadri Vunder und Wildbiologin Conny Thiel ist es zu verdanken, dass wenigstens ein Teil der rohen Hirschhäute nicht in Flammen aufging: Sie gelten als Jagdabfälle, die jährlich zu Tausenden entsorgt werden. An dieser Verschwendung störte sich Conny, selbst Jägerin, seit jeher und Kadri fand es schlicht «verrückt». Gemeinsam beschlossen die Freundinnen, etwas Langlebiges daraus zu kreieren. Sie scheuten sich nicht davor, gefrorene Tierhäute selbst durch Lagerhallen zu karren oder Prototypen buchstäblich «laufend» weiterzuentwickeln – am eigenen Fuss. Ihr Treiber: Der Nachhaltigkeitsgedanke.

Hegen grosse Pläne: Kadri Vunder Fontana und Conny Thiel-Egenter haben erfunden, was es noch nicht gab…

Das Möglichste aus den Wildhäuten herausholen, statt sie wegzuwerfen: Das Team von «Cervo Volante» kreiert Schuhe und Accessoires aus Schweizer Hirschleder.

 

Sie jagten dem Ziel hinterher, zu schaffen, was es nicht gab: Ökologisch und nachhaltig gegerbtes Leder von heimischen Wildtieren. Dabei war wesentlich, auf alles zu verzichten, das überflüssig, unnatürlich oder umweltbelastend ist. Jürg Zeller, der die Hirschhäute in Steffisburg rein natürlich gerbt, und der italienische Schuhmacher-Maestro Silvano Sassetti tragen ihr Handwerk dazu bei, dass Modelle wie «Val Flin», «Pardiel» und «God Grisch» heute im Schuhregal weiden.

Einladung zum Durchforsten: Hier kann man die Schuhe natürlich nicht nur streicheln, sondern anprobieren.

 

«Mit Schuss» ist wörtlich zu nehmen, denn die Spuren des wilden Lebens bleiben bewusst offensichtlich: Narben, Hautfalten, kleine Verletzungen oder sogar Schusslöcher sorgen für Unikat-Charakter. Nach demselben Prinzip brütet die Crew zurzeit in seinem Lederatelier über der ersten Accessoires-Linie, die schnörkellose Taschen und Necessaires umfasst. Den Prototypen des Weekenders habe ich in der Boutique schon erspäht und angefasst – ob es davon bald ein ganzes Rudel gibt, entscheidet ein Crowdfunding.

 

Das Leder «lebt»: Prototyp des Weekenders, der Spuren der Wildnis stolz zur Schau stellt.

 

Schliesslich schiesst «Cervo Volante» nicht ins Kraut, sondern produziert aufgrund der Nachfrage. Ich hingegen hege den Drang, Wintervorräte anzulegen: Auf der Pirsch durch das Gehege des «fliegenden Hirsches» möchte ich beinahe alles erbeuten – und als Trophäen des guten Gewissens bei mir tragen.