Jürg Messerli: Düsentrieb des Designs

Jürg Messerli kreiert aus abgewerteten Dingen kunstsinniges Design: In seiner «Fundstatt» erfindet er Einrichtung neu – wie einst sich selbst.   

«So Zeugs», grummelt Jürg Messerli, während seine Pupillen die Schuttmulde scannen, die unmittelbar vor seiner Werkstatt in Wabern steht. Manche Leute deponieren ihren Krempel absichtlich genau dort, damit er ihn findet und vielleicht mehr darin sieht als Abfall. «Ich kann gar nicht ­so viel Material verwerten, wie mir zugetragen wird.» Trotzdem kann er das Stöbern nicht lassen – wie ein Kater, der trotz vollem Futternapf das Mausen nicht lässt.

Er starrt hinab, sodass ihm eine Haarsträhne in die wach­same Miene fällt. Er streckt den Arm aus und zieht zwischen Betonklötzen und Blech ein untertellergrosses Etwas heraus. «So Zeugs!» Er wischt ein-, zweimal mit der Hand über die rostige Oberfläche: es ist ein Abflussdeckel. ­«Putzen ist etwas von dem, was ich am liebsten mache: die gefundenen Gegenstände reinigen, sie vom Dreck befreien.»

Seine Kunst beginnt dort, wo andere etwas entsorgen. Jürg Messerli aus Kehrsatz beweist Mut zum Griff in die Mulde – er deutet die Funktion von Fundstücken um, indem er sie mit modernen Materialien ergänzt.

 

Das schnörkelige Fundstück erinnert ihn an ein Amulett oder an kaiserliche Epauletten. Weil er die Scheibe schön findet, steckt er sie ein – ohne zu wissen, was er damit anfangen wird. Der gelernte Schreiner folgt der leisen Ahnung, dass ihn das Dingelchen noch zu lauter Kniffeleien ­stimulieren wird. Erfinder sind (Selbst-)Überwinder. Das trifft auf Jürg Messerli zu, wie der Deckel in den Schacht passte, ehe er brüchig wurde und somit seinen Zweck verlor. Will jemand wissen, was er von Beruf sei, fragt er zurück: Hast du Zeit?

Denn kurz und knapp ist nicht zu erklären, was er hinter den Sandsteingemäuern auf dem Areal der ehemaligen Gurten­brauerei ausklamüsert. «Ich bin ein Bastler, ein Tüftler, ein Experimentator», zählt Jürg Messerli leichtzüngig auf, derweil er im Regal eine Lücke für den angeschmutzten Abfluss­deckel sucht. Er ist ein Schichter, ein Verwerfer, ein Umdeuter. Es mache vielen Menschen zu schaffen, dass es keine Schublade gebe, in die er einzuordnen sei. Was schillert, irritiert manche. Selbst baut er unzählige Schubladen: Etwa in Milchkessel oder in das kühlsilberne Wasserrohr, das unfertig auf dem Arbeitstisch ruht.

 

Im Münsiger «Caffè Julia» rückt Jürg Messerli erinnerungsgeladene Gegenstände ans Licht, in der Hoffnung, dass jemand daran anknüpft.

 

Auch sein Para­destück, eine kunterbunte Kommode, lebt von Schubkästchen, die er mit Stoffflicken aus ausgedienten Musterfächern bezogen hat. Was er aus Schrott schafft, ist nicht fassbar, schliesslich gibt es keines seiner ­Werke zweimal. In einer Gesellschaft des durchdrehenden Kreislaufs von Ausmisten und Anschaffen ist er der zeitgenössische Schatzsucher, der den Wert in Weg­geworfenem erkennt – und ihm diesen zurückgibt.

Nein, sie sei weder «Shabby Chic» noch «Vintage», muss er seine Kunst dann und wann erklären. Nein, seine Werke geben nicht mit nachgeahmter Patina vor, Unikate zu sein, sie sind es durch und durch. Er unterscheidet zwischen Trödel und Trouvaillen: Kurzlebige Massen­ware passt ihm nicht in den Kram. Niemals zahlt er für Aussortiertes, denn was noch einen Marktwert hat, interessiert ihn nicht. Er löst sich gedanklich von ursprünglichen Funktionen und kommt weg von dem, was es einmal war. Dabei beweist er einen Erfindergeist, der einem Daniel Düsentrieb gleichkommt. Frei nach des Enten­hauseners Eigensinn: «Dem Ingeniör ist nichts zu schwör».

 

Eine behaarte Türklinke für die kalte Jahreszeit? Ein Tassenhebekran? Ein dampfbetriebener Rückenkratzer? Oder eine Dunkelbirne, die statt Licht Finsternis verströmt? Man würde solch Düsentrieb’sche Innovationen auch ihm zutrauen, denn auch er stellt Gesetzmässigkeiten auf den Kopf. Doch Jürg Messerli hat sich dem Kreieren von Einrichtungsgegenständen verschrieben, die im Alltag funktionieren.

Wie kurios seine Konstruktionen manchmal auch anmuten, sie wirken sonderbar vertraut. Man werweisst, wo man einen solchen Dingsbums schon mal gesehen hat. Klärt der Wunderfitz auf, es handle sich beispielsweise um eine Wärmelampe aus dem Spital oder um eine Zentri­fuge aus der einstigen Bierbrauerei, folgt das langgezogene A-h-a-a. Die Zentrifuge verwandelte er in einen Lampenschirm, der ein duftendes Geheimnis in sich birgt: Kaffeebohnen, jede einzeln von Hand aufgeklebt.

 

Eine Lampe, die nach Kaffee duftet – Licht und Schatten, eine Polarität, die in seinem Leben

schon auf beide Seiten ausschwang.

 

«Mir war während einer Messe langweilig», grinst der, dem die Kaffeebohnen auf den Leim gingen. À la «Hier zwei Völtchen, dort zehn Öhmchen, gibt schon wieder ein Schwingungsströmchen» klügelt er jeweils auch die Elektrik aus, für die es kein Schema X gibt. Jürg Messerli steckt den Schädel unter den Schirm, sodass sein Gesicht grell ausgeleuchtet ist – das muss die eigent­liche Bedeutung von «Glüh­birne» sein. «Man muss daran riechen!», hallt es aus dem Zylinder. Tatsächlich: durch die Wärme geben die Kaffeebohnen Röstdüfte ab. Von den Kellern bis zu den Dachböden voll mit diesen und jenen Überbleibseln, war die 1996 stillgelegte Gurtenbrauerei ein Schlaraffenland für den Altmetall-Artisanen. «Ah, das muss ich noch ­zeigen!», kaum «entschirmt» er sich, werfen sich hungrige Schatten auf ihn.

Er huscht nach draussen vor die Werkstatt, wo vier kegelförmige Lampen auf einer Palette thronen. Steht man daneben, fühlt man sich geschrumpft, wie nach Brobdingnag ­zu Gullivers Riesen versetzt: Die Objekte sehen zwar aus wie gängige Laternen, sind aber übermannshoch. Sie stammen aus der Wandelhalle der Schweizerischen Nationalbank in Bern, erklärt der 45-Jährige. «Ich könnte Stehtische daraus machen, die von innen leuchten», sprudelt er drauflos, «oder eine Kunstinstallation, direkt an der Fassade».

Dass das Uto­pische machbar scheint, berauscht ihn. Dass er all die Möglichkeiten sieht und weder weiss wo anfangen noch wo aufhören, hemmt ihn. Wieder drinnen, greift er ein furchengezeichnetes Scheit eines Eichenfasses,  das zerlegt daliegt, das Innerste blossgebend. Darum geht es ihm: das Innenleben. Sowohl beim Möblieren ­wie auch bei den Menschen, die unter ­seinen Trompetenschallbecher-Scheinwerfern schmökern oder an seinen Holzmosaik-Tischen diskutieren.

 

Unikate aus seiner Schrott-Kollektion: Seine Sensibilität erweist sich beim Aufwerten von Ausrangiertem als alleinstellende Stärke.

 

Hinfallen, aufstehen, kreieren

So gründlich, wie er heute in Mulden gräbt, war er einst auch gezwungen, in seinem Inneren zu wühlen. «Es fühlte sich an, als wäre ich gegen eine Wand gedonnert», versucht er den Tag vor nunmehr fünfzehn Jahren zu beschreiben, als eine psychische Erkrankung ihn Knall auf Fall überwältigte. Er war dreissig Jahre alt, als sein eigener Wert schmerzlich in Frage gestellt war: ­Todesängste und Depressionen lähmten ihn. An Arbeit – er war damals als Sozialarbeiter in der Suchtprävention tätig – war nicht einmal mehr zu denken.

«Zwar erkannte ich den Ernst meiner Lage, doch es gelang mir nicht, aus dem Muster auszubrechen … bis ich keine andere Wahl ­hatte», meint er. Er verbrachte Monate in der psychiatrischen Klinik, « … und doch war ich erleichtert, aus jenem Leben raus zu sein, das mich krank machte». Das Hamsterrad stand still, er brauchte sich weder zu erklären noch zu verstellen. Seine Frau und ­seine beiden Töchter gaben ihm die Kraft, das Leben neu zu lernen, angefangen bei Selbstverständlichkeiten wie Duschen oder Einkaufen. Zu lange habe er den Selbstwert an seiner Leistung gemessen, begonnen in jungen Jahren als ambitionierter Trompeter und Handballer.

 

«Ich war nicht der, der ich dreissig Jahre lang meinte zu sein. Ich musste mich komplett neu finden und erfinden», erzählt er, beschienen von der Herbstsonne. Er sitzt draussen am Tischchen, wo er mit den Handwerkern der umliegenden Betriebe Znüni und Zvieri zu essen pflegt. Vor ihm steht frisch aufgebrühter Espresso, intensiv, als zielte dieser darauf ab, den stärksten Kerl zu «verbittern». Dazu tintenblaue Trauben aus dem verwunschenen Gärtchen um die Ecke. «Einer meiner Rückzugsorte.» Jeder Mensch brauche so einen Platz zum Loslassen – und sei dies nur ein ganz bestimmter Sessel.

Zurück in die Arbeitswelt kämpfte er sich stundenweise als Hilfsarbeiter in jener Baufirma, mit der er heute die Räumlichkeiten teilt. «Das Handwerk als Methode ist für mich heilsam gewesen, es hat mir auf die Beine geholfen.» Durch die einschneidende Erfahrung, selbst «ausrangiert» zu sein, begann er, sich mit per definitionem Wertlosem zu befassen. Seine Sensi­bilität, die er als Bürde empfand, ergab auf einmal Sinn und er wagte, aus ihr zu schöpfen: Mit Feingefühl transformiert er das tiefste Innere von Leuten, die ihn als Einrichtungsberater oder Möbelentwickler aufsuchen, in eine äussere Gestalt. Bedürfnisse ­wandeln sich in Beistelltische, Träume in ­Theken, Sehnsüchte in Sekretäre. «Alte Schiebetüren habe ich zu einem Schrank umgestaltet. Beim Öffnen quietscht es zwar, als würde ein Tram vorbeischleifen, aber die Kundin erfreut sich daran.»

Auf dem Papier ist Jürg Messerli Schreiner und Sozialarbeiter mit Weiter­bildung in Innen­architektur. Im Leben ist er indes ein Meistertüftler, der Aus­rangiertem sein Wertekleid überwirft.

 

Das Wort «Wohnen» bedeute eigentlich «im Frieden bleiben», ruft er in Erinnerung und setzt sich an einen Esstisch, den er selbst entworfen hat. Er ist schief wie der Turm von Pisa. Willentlich. Der Anblick eines Paares – er gegen zwei ­Meter grossgewachsen und sie drei Köpfe kleiner – brachte ihn auf die Idee, die Norm zu verrücken. «Warum sind Tische stets eben, obwohl alle, die daran sitzen, unterschiedlich gross sind?», fragt er. An seinem Tisch sucht sich jeder bewusst seinen Platz: Man steht auf, setzt sich an anderer Stelle wieder hin, um nachzuspüren, wo man hingehört. Man beginnt von sich zu erzählen und sich über Erlebnisse mit sehr langen oder etwas kurz geratenen Beinen auszutauschen.

Das Tischlein-quer-dich steht in Münsingen im «Caffè Julia», ebenso wie das gehörgangartige Vide-­Poche oder die Lampe aus einem ausgehöhlten Baumstrunk, die strahlt, als wohnte in jedem Loch ein Glühwürmchen. Wo wir gerade bei den klimperkleinen Leuchtkäfern sind: Ein Glühwürmchen-­Fänger zählt auch zu Daniel Düsentriebs Erfindungen. Zwischen Genie und Wahnsinn liegt bekanntlich ein schmaler Grat, manchmal so schmal wie ein Holzbrett. In ein solches, 200-jähriges, lässt Jürg Messerli tags darauf den ­Abflussdeckel ein, verziert ihn mit Blattgold und setzt eine Kerze da­rauf. Es scheint, als wäre seine einzig wahre Bestimmung besiegelt.

 

FotografinNadine Strub