Ärztin bei Tag, Schmuckdesignerin bei Nacht

Erst am anderen Ende der Welt dämmerte Maria Thurnheer, dass ein weiteres Kreativtalent in ihr schlummerte: Bricht die Nacht herein, tauscht sie sterile Medizin­-Instrumente gegen Handwerkszeug und schmiedet Silberschmuck.

«… und wie es so stand, und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel und waren lauter harte, blinkende Taler.» Etwa so, wie das Mädchen in Grimms Märchen zu den Sterntalern kam, kam Maria Thurnheer zum Schmuckdesign: aus heiterem Himmel. Es ist nicht so, dass sie «gar nichts mehr hatte», davon kann keine Rede sein. Bloss ihr altes Leben, das hatte sie nicht mehr. Sie hatte es binnen 22 Flugstunden hinter sich gelassen, weil ihr Mann einen Job in Melbourne annahm. Das Paar, das sich im Medizinlabor kennenlernte, wanderte mit seinen beiden Kleinkindern für zwei Jahre in die australische Metropole aus.

Metamorphose im Mondschein: Ein Collier, das Autodidaktin Maria Thurnheer aus Sterlingsilber und schimmernden Edelsteinen kreiert hat.

 

«Mitten in der Stadt gab es ein mehrstöckiges Warenhaus, in dem man alles rund um die Schmiedekunst kaufen konnte», erzählt Maria so lebhaft, als wäre sie gerade gestern dort gewesen – dabei ist sie gewaltige 16 420 Kilometer weit davon entfernt, denn seit 2015 ist sie zurück in ihrer Heimatstadt Bern. «Eigentlich suchte ich damals nur ein Geburtstagsgeschenk», erinnert sich die 46-Jährige an den Schlüsselmoment beim Surfen, als sie auf eine Online-Plattform für Handgemachtes stiess. Sie scrollte sich durch Anhänger und Zierrat, wobei ihr mit jeder Streichbewegung klarer erschien: Das kann ich auch. Ihr «Do it yourself»-Gen schlug durch – erneut.

«Ich überlasse vieles dem Zufall», beschreibt Maria Thurnheer ihren Designprozess, der nach Feierabend beginnt – tagsüber arbeitet sie als Oberärztin im Spital.

 

Schon als Gymnasiastin nähte sie selbst Kleider wie die Kuhfellhosen, deren schräger Stil für Stadtgeflüster sorgte. Sie begann, mit Bastelmaterialien zu laborieren. Jede Glasperle, die sie auf Draht aufzog, polierte ihren Eifer noch blanker. Im besagten Kaufhaus besorgte sie sich alsbald Hammer, Amboss, Metalle und Edelsteine. Als ihr Mann mit den Kindern ferienhalber in die Schweiz vorausreiste, nutzte sie die Gunst der ruhigen Stunden. Auf der selbst zusammengezimmerten Werkbank bog und brach sie das Silber, bis ihre Finger etwas Ringartiges fertigbrachten.

Mit den – ihrem Wortlaut nach – «krüppligen» Kostbarkeiten im Koffer, kam auch sie in der Heimat an – und spienzelte ihre «Zangengeburten» stolz dem Freundeskreis. Zu ihrer Verblüffung reflektierten ihre edelmetallischen Erstlinge neben Lob sogar einen Auftrag zur Anfertigung von Eheringen. Was manchem Goldschmiede-Grünschnabel Perlen der unliebsamen Art auf die Stirn getrieben hätte, spornte Maria an. Sie holte sich Rat in Tutorials und rüstete mit Rabatz ihre Werkstatt auf. «Ja, die Eheringe aus Gold sind mir gelungen», verrät sie, wie ihr Erstauftrag endete. Doch – verfeilt und zugeschweisst – was mit dem Goldstaub anstellen, den sie von der Werkbank klaubte?

 

 

Werkbank mitten im Wohnzimmer

Diese Frage brachte sie auf die Glanzidee, den übriggebliebenen Goldstaub auf Silber aufzutragen und dieses anschliessend zu schwärzen. Ihre Kreation «Midas interrupted» wirkt, als hätte sie den gierigen König Midas dabei gestört, diese anzufassen und in pures Gold zu verwandeln. Das gesprenkelte Goldstück entsteht wie alle anderen Preziosen mitten in ihrer Stube in Bümpliz. Nachdem sie am Feierabend den weissen Arztkittel an den Haken gehängt hat, schmiedet sie zwischen Esstisch und Couch silbernen Schmuck. Dabei legt sie die Präzision einer Laborantin und die Gesetzlosigkeit einer Anarchistin an den Tag.

König Midas beim Goldanfassen hinein­funken: «Midas inter­rupted» heisst ihre gesprenkelte Kreation, bei der sie Goldstaub auf geschwärztes Silber aufträgt.

«Der Punk in mir drückt etwas durch», lacht sie. «Das war ich wirklich mal», schiebt sie schnell nach, weil sie ahnt, dass das gegenwärtig kaum vorstellbar ist, schliesslich ist sie Oberärztin für Infektionskrankheiten. Der Prozess sei wenig intellektuell, dafür intuitiv. «Vieles entsteht aus dem Moment heraus, ausgehend von einem Schmuckstein.» Manchmal fertigt sie zwar Skizzen an, aber im Grunde nur, um sie über den Haufen zu werfen. Während im Spital nichts dem Zufall überlassen ist, lässt sie sich beim Kreieren davon leiten.

Vom Wohnzimmer in die Welt: Auf der Werkbank, mitten in der Stube, walzt, hämmert und feilt die zweifache Mutter Schmuckstücke, die sie weltweit verschickt.

Nachdem sie all ihre Freunde und sich selbst reich mit Funkelndem beschenkt und behängt hatte, lancierte sie 2014 ihren Online-Shop «Mazulou». Sterlingsilber und Edelsteine sammelt sie nicht wie Sterntaler in ihrem «allerfeinsten Leinenhemdchen»: Sie ruhen in den Schublädchen einer hölzernen Schatzkommode. Welchen Stein – ob der tiefseeblaue Aquamarin oder der moosgrüne Tansanit – sie im nächsten Mondschein zum Ring, Anhänger oder Ohrschmuck umgestaltet, steht in den Sternen.

« … da sammelte es die Taler hinein und war reich für seinen Lebtag», lautet der Schluss des Grimm’schen Märchens. Gewissermassen trifft das ebenfalls auf Maria zu. Zwar ist sie nicht reich an Talern – ohnehin ging es ihr als ausdrückliche Freizeit-Goldschmiedin nie um den Mammon. Aber sie ist reich an Kreativmomenten, als Ausgleich zu ihrer Arbeit als Ärztin.