Interview mit Kurt Schär: Auf der Route zur E-Bike-Nation?

Kurt Schär – E-Bike-Pionier und selbst Motor vieler Betriebe – ist überzeugt: Der Elektromobilität gehört die Zukunft. Er behielte nicht zum ersten Mal recht …

 

Wann sind Sie erstmals mit E-­Mobilität in Berührung gekommen?
Das war Mitte der 90er-Jahre, als in Langenthal Testtage stattfanden. Nachdem ich Elektro-Auto und ­Flyer-E-Bike Probe gefahren bin, vergass ich die Thematik … bis ich im Jahr 2000 eine Stellenausschreibung von einer Elektrobike-Firma las …

Ihre Bewerbung war erfolggekrönt: Sie übernahmen die Führung der Firma, die sich notabene in marodem Zustand befand – schreckte Sie das nicht ab?
Im Gegenteil, es zog mich eher an. Es ist am einfachsten, anzugehen, was am Boden liegt: Schafft man den Turnaround, ist man der «Siebesiech» … Wenn nicht, ist niemand erstaunt, weil man es kommen sah … und immerhin hat es einer probiert.

Als die bestehenden Investoren nicht an Ihre Ideen glaubten, ­gründeten Sie die Firma mit ­Partnern neu – wie spurten Sie in die Erfolgsstrasse ein?
Wir haben Bedürfnisse identifiziert und den Flyer dementsprechend konzipiert: Einfach handhabbar, praktisch zum Aufsteigen und obendrein erschwinglich. Weiter bauten wir Hemmungen ab, indem wir mit der «Herzroute» die Möglichkeit schufen, E-Bikes zu testen – ohne neugierigen Blicken anderer ausgesetzt zu sein.

 

 

 

War für Sie damals E-Biken als Massentrend vorstellbar?
Vor 20 Jahren prophezeite ich, dass E-Bikes dereinst die Hälfte des Umsatzes auf dem Velomarkt ausmachen. Dies sorgte für verdutzte Gesichter … Doch mir erschien es logisch: Jeder Mensch fährt mehr oder weniger gern Velo, ausser es ist anstrengend. Dank Motorkraft überwindet man selbst diese Hürde.

Was führte schliesslich zum Hype?
Das Angebot an elektrifizierten Velotypen ist gewachsen, sodass es heute jedes Bedürfnis abdeckt. 2010 habe ich die ersten vollgefederten E-Mountainbikes auf den Markt gebracht – man hielt mich endgültig für verrückt. Doch ich war überzeugt, dass auch Mountainbiker noch weiter, noch höher und noch steiler hinaus wollen. Die «Gümmeler» werden wohl die letzten sein, die auf den Elektro-­Antrieb umsatteln.

Warum haben Sie «Biketec» nach fast 15 Erfolgsjahren verlassen?
Nach all den Jahren, in denen ich mich 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche dem Flyer verschrieb, verspürte ich Müdigkeit. Ich hatte das Gefühl, meinen inneren Motor allmählich zu überhitzen, und gestand mir ein, dass sich mein Aufgabenfeld als Geschäftsführer einer Firma mit über 200 Mitarbeitenden stark verändert hatte: Tätigkeiten, die mich beflügeln, hatten andere übernommen. Es war an der Zeit, loszulassen, ähnlich wie bei einem Kind, das erwachsen geworden ist.

Mit welchen Sentiments räumten Sie 2014 Ihr Büro?
Einerseits fühlte es sich seltsam an, vom eigenen Werk wegzugehen. Andererseits läutete das eine neue Lebensphase ein: Gleichentags kaufte ich zwei Tochterfirmen im Touristiksegment, dem ich mich mit Herzblut hingebe. Schliesst sich eine Tür, öffnen sich meist mehrere andere.

Was steht denn nun auf Ihrer ­Visitenkarte?
Ich bin Unternehmer und strategischer Begleiter, sei es in meinen eigenen oder aber in externen Firmen wie einer Möbelmanufaktur oder einem lokalen Brauerei-Start-up.

Sie sind ein visionärer Tausendsassa – was treibt Sie an?
Entweder man bewegt selbst etwas oder man lässt sich bewegen. Es sind zündende Ideen, die mein Engagement entfachen und mich anspornen, ihnen zum Durchbruch zu verhelfen. Ich sehe mich als «Ermöglicher».

Waren Sie schon als Kind derart «schaffig»?
Ja, an Anlässen auf dem Sportplatz, neben dem ich aufgewachsen bin, habe ich Flaschen eingesammelt, um das Depot einzuheimsen. Schon als Bub war ich ein passionierter Philatelist. Doch mir fehlte der Batzen für eine bestimmte Briefmarke, um meine Kollektion zu vervollständigen. Mit Velo und Anhänger sammelte ich in ganz Roggwil innert vier Tagen zehn Tonnen Altpapier und verkaufte es an den Wertstoffhändler. Mit dem Erlös von 650 Franken reiste ich nach Bern, wo ich das ersehnte Motiv ergatterte.

Sie tragen stets mehr als zwei Hüte, wie lüften Sie den Kopf?
Beim Wandern oder beim E-Biken, bevorzugt auf meiner Lieblingsroute «Herzschlaufe Napf», während der man lustigerweise den Napf selten sieht. Aber auch in meinem urtümlichen Bauernhaus im Luthertal, meinem Ort des Rückzugs.

Welche Herausforderung reizt Sie künftig?
Weiterhin Firmen zu begleiten, die zwar keine einfache Ausgangslage haben, aber ein findiges Produkt oder eine Dienstleistung, die den Menschen Freude bereitet – von süffigem Bier über schöne Möbelstücke bis hin zu Erlebnissen, die in Erinnerung bleiben.

… und welche Mobilitätstrends ­prognostizieren Sie?
Der E-Boom hält ungebremst an, sodass nichtmotorisierte Velos langfristig nur noch im kompetitiven Rennsportbereich bestehen. Auch wird die notwendige Infrastruktur geschaffen, wie Velostrassen oder Ladestationen, was aber noch zehn, zwanzig Jahre dauern dürfte …

 

E-Bike-Pionier Kurt Schär im Interview mit MIS MAGAZIN.

 

Schon als Kind ein «Händeler», treibt den Roggwiler das Motto «unternehmen statt unterlassen» an – sei es als Flyer-Pionier, Herzrouten-Initiant, Mitbesitzer des Dorfes «St. Martin» im Calfeisental (Heidiland) oder jüngst als Produzent der Schweizer Skier «Anavon». Kurt Schär, der Beruf  als Berufung betrachtet, will Visionen nachhaltig zum Fliegen bringen – wie er es selbst einst mit «Flyer» geschafft hat.