«oldpassion»: Hinter Gittern bricht Gutes aus

Freigeist Roman Buri gibt Gefangenen Werkzeug und Wachsfaden in die Hände, womit sie für sein Label «oldpassion» Lederaccessoires fertigen – mit gewollten Ecken und Kanten. 

Gitterstäbe, gestreifte Kutten, Handschellen, Lederunikate – seit ich Roman Buri kennengelernt habe, denke ich bei «Gefängnis» auch an letzteres. «Ich war selbst so geflasht von meiner Idee, dass ich keine Zweifel zuliess, es machte auf einen Schlag alles Sinn», erinnert sich Roman Buri an den Morgen nach seiner nächtlichen Eingebung, als er sich kurzentschlossen ins Auto setzte und zur Strafanstalt auf dem Sandfelsen steuerte.

Näh dich frei: Roman Buri sieht die Arbeit für die Häftlinge als Türöffner zu neuen Perspektiven.

Er arbeitet hauptberuflich als Business-Analyst im IT-Bereich, jede freie Minute investiert er in sein Label

«oldpassion». (Foto: Andri Margadant)

Die Türen zur Thorberg-Sattlerei standen ihm – im übertragenen Sinn – weit offen: Der Sattlermeister zeigte sich aufgeschlossen gegenüber den kühnen Plänen des 28-Jährigen, der schon immer «etwas Eigenes, Sinnstiftendes schaffen» wollte. Als ihm die Suche nach einem Lederportemonnaie zu viel Zeit stahl, machte er kurzen Prozess:

Er kreierte es in einem Sattlerkurs selbst und entschied sich, genau solche Produkte unter dem eigenen Label «oldpassion» zu lancieren. «Unsere vier Wände waren geradezu mit Notiz-Zettelchen tapeziert», berichtet Lebenspartnerin Tania, die ihn schliesslich zu «frischer Tat» anstiftete.

«Partner in Crime» – wie man so schön und hier treffend sagt: Roman und seine Partnerin Tania, Komplizin in Sachen Konzept und Kreation der Lederunikate, handgenäht auf dem Thorberg. (Foto: Andri Margadant)

«Herr Buri, Herr Buri!»

Ein beklemmendes Gefühl sei es durchaus gewesen, als ihn auf einmal hohe Mauern, dicke Gitterstäbe und Drahtzäune von der Aussenwelt trennten. Nicht auszumalen, wie es sein muss, wenn man abends nicht einfach heimgehen kann … Mittlerweile ist Roman es gewohnt, dass sich hinter ihm schlüsselrasselnd Tür um Tür schliesst: Regelmässig besucht er die Werkstatt, wo Häftlinge in traditionellem Sattlerhandwerk Accessoires nach seinem Design anfertigen.

Gefertigt in traditionellem Sattlerhandwerk: Die Stiche im naturbelassenen Leder variieren je nach Erschaffer,
ähnlich einer Handschrift – Ecken und Kanten wirken wie Gütesiegel. (Foto: Pascal Monnier)

«Sie bringen sogar eigene Lösungswege ein», freut sich der Jegenstorfer. Es kam schon vor, dass ihm ein Insasse euphorisch entgegenkam: «Herr Buri, Herr Buri! Ich habe eine Idee!». «Sie denken mit, leben durch die gestalterische Handarbeit auf und schätzen den gegenseitigen Respekt», erzählt Herr Buri. Das seien wertvolle Impulse für das «Leben danach».

«Ich sehe den Menschen, nicht den Verbrecher»
Von Beginn weg stand für ihn fest, dass er die Herstellung durch Häftlinge als Kapitel der «oldpassion»-Geschichte versteht und nicht verheimlichen will, wie andere Firmen dies tun. Das polarisiert, denn manche finden, «Knackis» hätten diese Beschäftigung – gelinde gesagt – nicht verdient. «Sie sind verurteilt; ich bin nicht der, der über sie zu richten hat», hält Roman dagegen.

Knackiges von Knackis: «Es macht für mich Sinn, dass sich diese Menschen eine Chance für das Leben nach der Haft erarbeiten», ist«oldpassion»-Gründer Roman Buri überzeugt. (Foto: Andri Margadant)

Ihre Hände hätten zwar nicht immer Gutes getan, doch sei es, als würden sie diese nun zur Versöhnung mit der Gesellschaft ausstrecken. Hände, die in mühevoller Arbeit lederne Geldbörsen, Etuis und Lanyards schaffen. Wie mühevoll, erlebte ich in Romans Atelier am eigenen «Langfinger»: Mit meinen zwei linken Händen versuchte ich mich an einem Stich – und hatte keinen. Mit Nadeln hantiere ich höchstens mal, wenn ich einen «Sprisse» im Finger habe … Am «Sattlerrössli» sitzend habe ich eine Ahnung davon bekommen, welcher (Kraft-)Aufwand in jeder Naht steckt. Die Stiche sehen je nach Insasse anders aus, ähnlich einer Handschrift – Ecken und Kanten wirken wie Gütesiegel.

So rau und simpel wie raffiniert: Das «vielfächrige» Long-Wallet war Romans erstes Lederaccessoire, das er 2015 entwickelte – bis heute einer der Bestseller des Jegenstorfers. (Foto: Andri Margadant)

Die Langlebigkeit sei ein Grundgesetz von «oldpassion»: Deshalb stammt das pflanzlich gegerbte Leder aus der Region oder aus einem Familienbetrieb in Frankreich. Doch Roman geht noch einen Schritt weiter, indem er künftig die Rohstoffe bei einem Landwirt bezieht, den er von Kindesbeinen an kennt, und dessen Kühe in der Nachbarschaft weiden. Völlig naturbelassen verändert sich das Leder mit der Zeit. Sonne und Schatten zeichnen
es – eine Analogie zum Leben. «Was für mich ein Fleck ist, ist für Roman pure Patina», lacht Kreativ-Komplizin Tania. «Auch wenn sich die Optik verändert, die Qualität hält ein Leben lang», ergänzt Roman. Lebenslänglich! – Das ist im Fall von 
«oldpassion» ein erstrebenswertes Urteil.