Klingende Kunst: Interview mit Opernsängerin Gaëlle Arquez

Sie ist an der Elfenbeinküste aufgewachsen, studierte in Paris und ist nun erstmals zu Gast am «Gstaad Menuhin Festival»: Opernsängerin Gaëlle Arquez über das Feuer von «Carmen», jenseits von Fächer und Femme fatale.

Waren Sie ein «singendes Kind» oder wer hat Ihr Stimmtalent entdeckt?
Meine ersten Piano-Lektionen nahm ich an der Elfenbeinküste, wo ich aufgewachsen bin. Als Teenager habe ich mit meinen Freunden Pop-Songs aus dem Radio nachgesungen – an Klassik dachte ich nicht im Traum! Als man mir mit 16 Jahren am Pariser Musikkonservatorium die Hauptrolle in einem Musical zuteilte, rief das den ­Gesangslehrer auf den Plan: Er schlug mir vor, mich seiner Klasse ­anzuschliessen. Das begeisterte mich nicht auf Anhieb, zumal mich meine anderen Fächer auslasteten und eben: mit Oper konnte ich nicht viel anfangen.

Wie sind Sie schliesslich doch der Oper «verfallen»?
Meine Mutter, die eine Opern-Liebhaberin ist, brachte mich dazu, meine Meinung zu ändern. Schon nach der ersten ­Gesangsstunde verliebte ich mich in das Genre …

Wann haben Sie zum Mezzosopran gefunden?
Ich habe mein gesamtes Studium als Sopranistin absolviert! Aber auch Jahre später, als ich die Abschluss­prüfung längst bestanden hatte, fühlte ich mich immer noch unwohl mit dem Sopranrepertoire. Doch ich war zu stur, es mir einzugestehen, bis mich genügend Leute auf meine Mittelstimmlage ansprachen und mich motivierten, in ­dieser zu singen. Als ich meine mittlere Stimme entdeckte, eröffnete sich mir eine neue Welt!

Eine weiser Entscheid, man betitelt Sie als «aufgehender Stern». Was bedeuten Ihnen solche Rezensionen?
Sie sind erfreulich – aber ich lese sie gar nicht! Ich bin genug – manchmal zu sehr – mit mir selbst beschäftigt. Ich bevorzuge ehrliche, verlässliche Rückmeldungen von Menschen, denen ich vertraue, wie dem Dirigenten oder dem Lehrer. Pressekritik kann heute schmeichelhaft, morgen schon verletzend sein. Darum halte ich mich davon fern und arbeite fokussiert weiter an mir.

«Ich war überwältigt von der Schönheit der Stadt, diesem Schmelztiegel der Kulturen», erinnert sich Gaëlle Arquez an ihre Reise nach Sevilla, dem Schauplatz der Oper «Carmen».

Sie beeindruckten als «Carmen» auf der Seebühne der Bregenzer Festspiele in atemberaubend auf­wändiger Szenerie. Inwiefern ist es herausfordernd, das Werk in Gstaad im schlichten Festival-Zelt ­dar­zubieten, ohne Spezialeffekte?
Es ist stets eine Challenge, ausserhalb eines Opernhauses aufzutreten. An die Akustik des Theaterraums bin ich gewohnt, auf Openair- oder Zeltbühnen verlasse ich somit meine Komfortzone. Ich höre meine Stimme nicht in der vertrauten Weise, weshalb ich mich stärker auf meine Empfindungen verlassen muss.

Nehmen Sie die Umgebung während des Konzerts wahr oder blenden Sie alles aus?
Jede Vorstellung ist anders, denn während der Performance kann alles Mögliche geschehen. Ablenkende «Pannen» wie fehlende Requisiten, kneifende Kostüme, verrutschende Perücken oder Blackouts gehören dazu – wir sind keine Maschinen, sondern interagierende Künstler. Die Show soll gar nicht zu durchorchestriert wirken, sondern lebendig. Es ist ein sensibler Balanceakt zwischen Fokussieren und Loslassen, um das Publikum zu berühren.

«Carmen» ist eine der berühmtesten und meistgespielten Opern der Welt. Inwiefern ist es überhaupt möglich, mit individueller Note einzuwirken?
Ich habe mich schon als Kind in diese Figur verliebt, als wir in der Schule Mérimées Novelle gelesen haben, auf der die Oper basiert. Mich verbinden Anekdoten ­damit: Als meine Mutter in London studierte, schaute sie sich dutzendmal «Carmen» im «Covent Garden» an. Ausserdem stammt mein Grossvater aus Spanien und sang zuhause spanische Lieder. Vielleicht schwingt das unter­bewusst mit, jedoch habe mich nie damit auseinander­gesetzt, eine eigene Interpretation zu schaffen. Solange ich «Carmen» in meinem Inneren fühle, kann ich ihr Seele einhauchen und in ihre Welt eintauchen.

«Carmen» gilt als Leitfigur der Frauenemanzipation – zu Recht?
Ja, doch das ist nur die Spitze des Eisbergs: Man stelle sich vor, was es Frauen früher abverlangte, emanzipiert zu sein! Sie ist eine Zigeunerin, die sich in einer brutalen Welt mit Schmugglern und Gangstern bewegt. Um zu überleben, hat sie sich eine «harte Schale» zugelegt. Nichts zu ­ver­lieren zu haben, stärkt den Überlebensinstinkt. Zu lieben, muss für sie uner­träglich sein, weil es sie ver­letzlich macht. Ich interessiere mich mehr für ihre Schwäche und Zerbrechlichkeit, denn sie ist weit mehr als eine Femme fatale. Ihre Schönheit ist Köder und Waffe zugleich, um sich durch­zusetzen, bis die Liebe sie ergreift …

Inwiefern ist sie ein Vorbild für Sie selbst?
Alle Mythen lehren einen etwas: «Carmen» ist eine feurige Figur, aber komplexer als sie scheint; ich betrachte sie als Mann im Frauenkörper. Anders als in Opern des 19. Jahrhunderts üblich, ist «Carmen» ein rauer Frauen­charakter. Das macht ihre Strahlkraft aus: Sie ist wie ein wildes Tier, das für seine Freiheit kämpft. Diese Oper zu singen, bleibt wichtig: Solange die Freiheit und die Rechte der Frauen ­infrage gestellt sind, müssen wir weiter dafür kämpfen!

 

Wer Gaëlle Arquez live und in Farbe erleben möchte, hat dazu bald die Möglichkeit: Wir verlosen Tickets für «Carmen» am «Gstaad Menuhin Festival». Jetzt mitmachen!

 


 

Fotograf: Julien Benhamou für «Deutsche Gammophon»