«Mode Suisse»: Himmelhoch jauchzende Designs

Als der wichtigste Mode-Event der Schweiz in die 16. Runde ging, waren wir schon bei der Hauptprobe über den Dächern Zürichs dabei – und es war …

…heiss! Den Puder hätte ich an diesem Nachmittag gerade so gut in den Wind pinseln können statt auf den Nasenrücken: Bei Temperaturen um die 30 Grad nutzten die Farbpartikel den Schweiss als Mitfliessgelegenheit. Mit einer «Mich-kann-nichts-verherbsten»-Attitüde tat der Sommer so, als habe er gerade erst begonnen.

Es schien, als sässen wir bei der Hauptrobe auf der Dachterrasse der «Allgemeinen Berufsschule Zürich» gefährlich nahe am heizenden Himmelskörper. Wahrlich glühten wir auf die heissesten, aber ozonfreien Outfits aus den Zürcher, Luganeser und Basler Ateliers. Unter freiem Himmel begann das (Probe-)Defilee der Designschöpfungen. Während manche Modeschaffende wie Jacqueline Loekito versuchen, geschlechtertypisches Blau und Rosa mit dem angefeuchteten Schwamm zu verblenden, pointieren andere die Weiblichkeit, wo sie nur können.

Ikonische Kreationen für abends, die auch am Tag betören: «Mourjjan» war inspiriert von
Yves Saint Laurents Schnitten.

 

Irgendetwas ist anders bei «Mourjjan» …

Wer sich bei «Mourjjan» auf gedruckte Geometrie freute, geriet ins Zirkeln: Die Prints weichen Pailletten, die in der Mittagssonne glitzern. Das Zürcher Label stellt sich gerade neu auf, indem es auf zwei Standbeine setzt: Während sich Roland Rahal seinem Couturier-Coeur hingibt, widmet sich Michael Muntinga Interieur-Entwürfen. Roland Rahal schickt mit seiner Kollektion «Circus of Life» den Highend-Harlekin in die «Mode Suisse»-Manege, der transluzent und traumtänzerisch obenaus schwingt wie Trapeze an Zirkuszeltdecken. Man wünscht sich den passenden Glamour-Anlass herbei, um ein solches Kleid zu tragen.

Ein Hoch auf Harlekin und den «Circus of Life»: Roland Rahals Kollektoin für

«Mourjjan» entstand in Zusammenarbeit mit syrischen Flüchtlingen.

 

Julia Heuer: Pfirsiche, Pfeffer und Plissees 

P … p …p … steht für die begeisterungsbedingte Schnappatmung, ausgelöst durch Julia Heuers Seidenkollektion «Peaches and Pepper». Ihre handbedruckten Rambazamba-Roben schmiegen sich pfirsichsamtig an die Haut und würzen den Alltag mit dem ersehnten Korn Kreativität. Nur das gelb-schwarze Etuikleid wirkte fad als wäre ihr meisterliches Mahlwerk mal müde gewesen…

Die Frucht von Julia Heuers Kreativität: «Peaches and Pepper» heisst die Kollektion

der Süddeutschen, die eine alte japanische Textiltechnik anwendet.

 

Amors Pfeil trifft bei «Amorphose»

Der Nachname des Designers beschreibt gleichzeitig die Mode, die er macht: Bello.
Giancarlo Bello weiss, wie sich viele Frauen feminin fühlen: Mit aufwändigen Rüschen, Volants, Spitze und dramatischen Volumen. Aus Materialien wie Organza oder Seidenchiffon kreiert er in Lugano raumgreifende Roben. Der Name seines Labels leitet sich von «Anamorphose» ab, was das Phänomen verzerrter Bilder bezeichnet, die nur unter einem bestimmten Blickwinkel verständlich sind. Wir mussten jedoch unseren Blickwinkel nicht verändern, um die verliebt machende Virtuosität seiner Werke zu verstehen.

Wir möchten nicht in diesem Kleid heiraten, sondern das Kleid heiraten:

Nadine Strittmatter in einer weissen Wucht von «Amorphose».

 

Nina Yuun definiert «Heimat»

Zum dritten Mal war Nina Yuun an der «Mode Suisse» mit dabei und bewies rundweg ihre Raffinesse. Die Kreative mit koreanischen Wurzeln, deren Schaffensort in Burgdorf liegt, versteht das Spiel von verbindlich und vergnüglich. Mitspielerin diese Saison: Nicole Kim, eine ambitionierte Schmuckdesignerin aus Zürich. Die Beiden lernten sich an einer früheren Edition kennen und beschlossen, Filigranschmuck und Fashion zu verketten. Ihre Kooperation nimmt das Thema Heimat auf. Beim Anblick der braunen Bluse wurde ich das Gefühl nicht los, dass diese eine neue Heimat braucht – bei mir im Kleiderschrank.

Was bedeutet Heimat? Diese Frage beantwortet Nina Yuun mit wehenden Stoffen und

in Kooperation mit dem Zürcher Schmucklabel «hana kim».

 

Das grüne Abendkleid mit Schleppe von «Mourjjan» wirkt wie eine Umarmung

eines Schmetterlings mit endlos langen Flügeln.

 

Bei der abendlichen Fashionshow vor grossem Publikum lehnten wir uns schliesslich schwitzfrei zurück und frönten dem, was an uns vorbeizog, -blitzte oder -schwebte. Bemerkenswert, dass so manche Kreation zuvor in der prallen Mittagssonne spannender wirkte als bei Dunkelheit von Scheinwerfern beleuchtet. Die Schweizer Designs müssen das Tageslicht gewiss nicht scheuen: Gut so – wenn die Kundinnen die Mode in Kürze in den Boutiquen begutachten, tun sie das schliesslich auch nicht nachts.