«Feel a Fil»: Bekleidung blind begreifen

Wie fühlt sich Blau an? Und wie Orange? Selina Peyer definiert das, indem sie jeder Farbe eine eigene Haptik zuschreibt: Wie man die sinnliche Strick-Kollektion der Oltnerin blind begreift.  

Mit dem Zeigefinger über Zwischenräume zirkeln, mit dem Daumen die Dellen drücken  – was ich zuerst zaghaft mit einzelnen Fingern erkunde, will ich bald mit der ganzen Hand erfahren. An einem helllichten Herbstnachmittag tue ich etwas, was ich noch nie zuvor getan habe: Ich streichle Pullis. Denn hinzuschauen und es mit einem «sieht schön aus» abzuhäkeln, reicht nicht, um das Textilkonzept zu erfassen, das Selina Peyer eingefädelt hat: Ihre Strickmode folgt einem taktilen Codierungssystem, das Sehen und Spüren vereint.

Nicht nur für blinde Menschen, aber inspiriert von ihnen: Die Maschenwerke sind mit Etiketten in Blindenschrift versehen, die Infos zu Farbe, Material und Pflege enthalten.

 

Indem sie jeder Farbe ein anderes Material und eine andere Technik zuweist, macht sie ihre Designs haptisch begreiflich. Ihr Farb-Material-Spürschlüssel und Etiketten in Blindenschrift ermöglichen nicht sehenden Menschen, ein Gefühl für ihre Kleidung zu erlangen – und sehenden Menschen, sie auf ungeahnte Weise neu zu erleben. «Ich glaube daran, dass es eine Bereicherung für die Allgemeinheit sein kann, wenn man die Einschränkung einer Minderheit löst.»

Nicht nur ein Hingucker, sondern ein «Hinfasser»: Reliefartige Musterungen, die sich je nach

Farbe unterscheiden, regen den Tastsinn (wieder) an.

 

40 farblose Muster gestrickt

Bereits für ihre Abschlusskollektion an der Hochschule Luzern, die ihr eine Nomination für den «Design Preis Schweiz» einbrachte, beschäftigte sich mit dem Thema Haptik in der Mode. Doch wollte sie den «Nadelwald» weiter durchforsten, die Geschichte war längst nicht zu Ende geknüpft. Was bleibt, in einer Gegenwart, die auf optische Reize ausgerichtet ist? Das ergründete Selina Peyer, indem sie 40 verschiedene Muster einzig mit weissem Garn strickte.

 

Geprägt von ihrer eigenen Sehbehinderung, schafft sie multisensorischen Strick:
Selina Peyer lanciert diesen Winter ihre erste eigene Pullover-Kollektion

 

«Das Optische ist zwar wichtig, aber ich will das Haptische nicht ausblenden: Wenn etwas ästhetisch ist, sich aber schlecht anfühlt, vergibt es eine entscheidende Chance», stellt die 28-Jährige fest. «Man nutzt jene Komponente nicht, welche die emotionale Wertigkeit erhöht.» Was Wohlgefühle weckt, umgarnt das Herz: Man will es behalten. Auch das versteht Selina Peyer unter «nachhaltig»: Pullover, aus deren Umarmung man sich nicht lösen mag und in denen man winterlang regelrecht «residiert».

 

Ihre bestrickende Masche: «Fühl mehr»

Man habe den Faden verloren, was das Verständnis für Handwerk anbelange – auch, weil es aus den Augen und folglich aus dem Sinn geraten sei: «Als früher der Schneider noch im Dorf war, bekam man mit, wie viele Stunden er an einem Stück nähte …». Im Knäuel der textilen Verfahren knüpfte sie eher zufällig beim Stricken an. Während des Studiums setzte sie sich erstmals an die Strickmaschine, war in Minutenschnelle wie festgezurrt und wusste: «Ich habe mein Werkzeug gefunden.» Auf dem nadelstichigen Weg zur Maschenmeisterinbewies sie robuste Geduldsfäden, zumal diese Arbeit technisch höchst anspruchsvoll ist. Nicht zuletzt deshalb war sie die Einzige ihres Jahrgangs, welche die Ausbildung in der Fachrichtung «Strick» abschloss.

Nicht mit heisser Nadel gestrickt, sondern durchdacht: Designt in Olten und in Deutschland

aus italienischen Bio-Garnen gestrickt.

 

Nun bezweckt sie mit ihren eigenen Label «Feel a Fil» einen Sinneswandel in vielmaschiger Hinsicht: Um die Produktionskette ihrer Pullover auf den Punkt genau aufzuzeigen, reicht ein kleiner Kartenausschnitt Europas. Die Bio-Garne stammen aus Italien, die Kleinserien-Produktion erfolgt in einem Familienbetrieb in Deutschland. Eine ehrliche, zweite Haut sind  diese Modelle wie beispielsweise «Forget me dot».

 

Die erste Herbst-Winter-Kollektion setzt zur Punktladung an mit Modellnamen wie

«Forget me dot», «Out of the box» oder «Fineliner».

 

 

Das Maschenwerk aus Merinowolle prägt sich mit Karos ins Gedächtnis ein, die sich zum Saum hin in Fleckenformen aufflechten. Mit multisensorischen Mustern verstrickt Selina Peyer die Sinne miteinander – zurück zu dem, was wir als Kleinkinder ganz intuitiv getan haben: die Welt mit den Händen, mit den Fingerspitzen voran, entdecken. Der Tastsinn ist der erste voll ausgebildete Sinn, er macht uns gewissermassen zu Menschen. Warum diesen nicht häufiger bewusst einsetzen?

 

 

Ich schliesse die Augen und streife mir meine Bluse über. Die feinen Fasern kämmen meine Härchen an den Unterarmen. So stetig ich den Stoff streichle – erst, als ich die Lider aufschlage, nehme ich die Druckmotive wahr: Mein Sehsinn unterscheidet 150 Farbtöne und diese jeweils in rund 500 Helligkeiten. Von Gletscherblau bis Herbstlaubrot. Ganz selbstverständlich.

Zu befühlen gibt es die Debüt-Kollektion von «Feel a Fil» bei «Toku» (Gerechtigkeitsgasse 53 Bern), «Neer» (Pelzgasse 4,  Aarau) und weiteren Boutiquen in der ganzen Schweiz. Hier findet ihr die «nadelneue» Sommerkollektion 2020.